Der Zweite
Zum Tod von Willi Stoph
Zu den gestrigen West-Fernsehberichten müsse sie uns folgendes mitteilen, sagte die Lehrerin am Morgen des 20. März 1970. Erstens hätten unsere Bürger, als sie vor dem Hotel Erfurter Hof "Willi, komm' ans Fenster!" riefen, nach dem Genossen Stoph verlangt und nicht nach dem Kanzler der BRD. Zweitens sei nicht "Willy Brandt! Willy Brandt!" skandiert worden, sondern "Willy Brandt, halt den Rand!"
Außer seinem hageren Porträt blieb wenig in Erinnerung von Willi Stoph, der in der vergangenen Woche im Alter von 84 Jahren gestorben ist. Mit Erich Honecker und Horst Sindermann bildete er die zweite Troika des SED-Regimes; die erste bestand aus Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Otto Grotewohl, nach dessen Tod Stoph 1964 den Vorsitz im Ministerrat übernahm. Formal war er damit Regierungschef, de facto oberster Vollzugsbeamter der Beschlüsse des SED-Politbüros, dem Stoph seit 1953 angehörte. 1952 bis 1955 ist er Innenminister gewesen, 1956 bis 1960 erster Verteidigungsminister der DDR, ab 1973 sogar Staatsratsvorsitzender, also Staatsoberhaupt, bis 1976 Honecker auch dieses Amt begehrte. Stoph fügte sich in jegliche Rochade als loyaler zweiter Mann.
Stophs Treffen mit Brandt in Erfurt und Kassel bleiben Wegmarken der Entspannungspolitik. Die deutsche Weltgeschichte verdankt Willi Stoph außerdem zwei epochale Sätze: "Erich, es geht nicht mehr. Du mußt gehen." Honecker ging, am 18. Oktober 1989. Am 7. November trat Stoph mit der Regierung zurück, am 8. November das Politbüro. Am 9. November fiel die Mauer. Am 10. November, vor dem Schöneberger Rathaus, rief das Ostvolk abermals nach Willy, Willy! Es klang, als sei diesmal wirklich Brandt gemeint.
Willi Stoph wurde kurzzeitig inhaftiert. Der Politbüroprozeß blieb ihm wegen Krankheit weitgehend erspart. Das Areal vor dem Erfurter Bahnhof heißt heute Willy-Brandt-Platz. Der Erfurter Hof ist pleite.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 17/1999
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren