Die Multikulturmaschine

Ein gutes Computerprogramm muß in vielen Sprachen und Kulturen einsetzbar sein. Diese "Lokalisierung" ist ein aufwendiges Geschäft. Teil 1 einer Serie über Computer und Schrift

Ein echter Maharadscha, denke ich, als sich der imposante Herr in den Nebensitz herabläßt: stattliche Figur, wallender Vollbart, Turban. Er ist aber kein Maharadscha, wie sich flugs herausstellt, sondern Unternehmer (Erzbergbau) aus Bombay, und er war nach Europa gekommen, weil seine deutsche Firmensoftware Zicken machte: Immer wenn kritische Situationen auftraten und das System mehr und anderes als die üblichen Routinemeldungen von sich gab, verfiel sie in Deutsch, und niemand in der Firma verstand dann mehr, was sie von ihm wollte. Dumme Sache. Lebensgefährlich. Muß unbedingt schleunigst geändert werden. Welche aus dem Dutzend indischer Amtssprachen die Software denn sprechen sollte? Ach was, keine. Einfach Englisch.

Der Herr hatte ein Problem, und das macht der ganzen Softwareindustrie schwer zu schaffen: Die Programme seiner Firma waren nicht gründlich genug auf ihre lokalen Benutzer eingestellt, waren mit dem Wort, das die Branche dafür hat, nur unzureichend "lokalisiert".

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In der Hektik des Aufbruchs wurde diese Barriere schlicht übersehen. Wer schon länger mit Computern arbeitet, erinnert sich ungern an Programme meist amerikanischer Herkunft, die zwar sensationelle neue Kunststücke vollbrachten, sich dann aber leider doch als unbrauchbar erwiesen, nur weil ihnen kein ß abzutrotzen war oder der gliedernde Punkt in einer höheren deutschen Zahl diese zu einem Dezimalbruch machte.

35 verschiedene Sprachversionen gibt es allein von "Word"

Erst sprachen sie sowieso nur Englisch, dann begannen sie sich auch in anderen Sprachen zu äußern, aber wie! Wer möchte seine Daten einem Programm anvertrauen, das ihm als erstes entgegenstammelt: "Kann keine arbeite in Windows DOS Session"? "Bearbeiten Sie Ihren Text oder unterbrechen Sie zum Hauptbefehlsmenü!" befahl Microsofts altes Word - "unterbrechen zu"? Und was sollte man sich unter dem Hauptbefehlsmenü vorstellen? Unverkennbar war die Verdeutschung nur ein Nachgedanke, und jemand, der der deutschen Sprache ferner stand, hatte eilends ein paar deutsche Brocken auf den Bildschirm gequetscht. Und dann erschienen diese kranken Wörter und Sätze auch noch verstümmelt.

Um 1990 begann der lange Abschied von dieser naiven Pionierphase, und seither ist die Informationstechnologie einen weiten Weg gegangen. Das, was getan werden muß, um Software an andere Sprachen und Kulturen anzupassen, bekam einen Namen, eben "Lokalisierung", kurz L10N genannt (zwischen l und n im Wort localization passen geradezehn Buchstaben). Schnell zeigte sich, daß es mühsam und teuer ist, den Code eines Programms nachträglich und ad hoc bald für die, bald für jene Sprache umzuschreiben. Effizienter schien es, den Code von vornherein so zu gestalten, daß ihm später nur noch die einzelnen Sprach-"Ressourcen" übergestülpt zu werden brauchten, ohne ihn selbst anzutasten. Das ist, was man unter "I18N" versteht, sprich: "Internationalisierung". Heute wird Software für den globalen Markt nur noch internationalisiert in die Welt gesetzt.

Was vor wenigen Jahren noch eine dilettantische Improvisation war, wurde durch systematische I18N und L10N zum professionellen Geschäft. Es bekam eigene Abteilungen in den Softwarehäusern, es wurde zum Studienfach, es wuchs sich aus zu einer Industrie.

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