Er war der Held der Truppe. Zehn Jahre lang wurde der Mann mit Auszeichnungen und Lobeshymnen von Vorgesetzten, Kameraden und Untergebenen überschüttet. Seine offiziellen Beurteilungen lesen sich wie die definitive Charakterisierung des Supersoldaten: Man bescheinigte ihm "Durchsetzungsvermögen, ausgeprägte Eignung zur Menschenführung, starkes Selbstbewußtsein, Ideenreichtum, überdurchschnittliches Verantwortungsbewußtsein, Kreativität, Weitsicht, Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit, überzeugende Argumentation, Fleiß, Be- sonnenheit und die Bereitschaft, sich über den Dienst hinaus für seine Truppe einzusetzen". Er sei "dynamisch, frisch, vielseitig einsetzbar, äußerst engagiert, pflichtbewußt". Er war der mit Abstand am höchsten gepriesene Soldat in einer Einheit von 1200 Mann.

Kommandeure schrieben sich gegenseitig Dankesbriefe für Auftritte dieses Starsoldaten: "Durch Meldungen vielfältigster Art sehe ich mich angenehm gezwungen, Ihnen auf diesem Weg für den bisherigen hervorragenden Einsatz des Leutnants Stecher bei den mannigfaltigsten militärischen Anlässen zu danken. Für meine jungen Offiziere war Leutnant Stecher in jeder Hinsicht beispielgebend."

Doch dann schlug die Bombe ein. Der Militärische Abschirmdienst (MAD) hatte erschnüffelt, was Stechers Kameraden in neun Jahren nicht aufgefallen war: Der Supermann ist schwul.

Oberleutnant Stecher zum Rapport! Der Vorgesetzte redet eine Zeitlang um den heißen Brei, bevor er schließlich fragt: "Sind Sie homosexuell?" Wie aus der Pistole geschossen antwortet der Soldat: "Jawohl." Ach, hätte er doch gelogen. Das Eingeständnis brachte ihn zu Fall. Der Mustersoldat wurde zu einem anderen Stützpunkt in die Schreibstube versetzt, moralisch degradiert. Die Bundeswehr akzeptiert die Lügen, bestraft die Wahrheit. Sie vertritt die These: Gefährlich ist nicht der heimliche und deshalb erpreßbare Schwule, das Problem ist der geoutete Schwule. Warum ist Stecher eine Gefahr? Wenn in der militärischen Geschichte Schwule die eigene Truppe gefährdeten, dann, weil sie von Feinden erpreßt werden konnten. Das Bundesverteidigungsministerium sieht indes nur darin die Bedrohung, daß der geoutete Schwule Autorität verlöre, als Ausbilder von den eigenen Untergebenen nicht mehr respektiert würde - nach dem Motto: "Von einem Schwulen laß' ich mir gar nichts sagen."

Mit dieser Sicht malt sich die Bundeswehr ein erschütterndes Selbstporträt: Auf der einen Seite soll und will sie "ein Spiegel der gesamten Gesellschaft" sein, in der ja längst Schwule weitgehend auch als Vorgesetzte akzeptiert werden. Andererseits aber hält sie ihre Bürger in Uniform für intoleranter, undisziplinierter und reaktionärer als Bürger ohne Uniform. Sie entlarvt sich selbst als Schule der Intoleranz. Abgesehen von der psychischen Selbstverstümmelung, die die Bundeswehr ihren Soldaten antut, wirft ihre Argumentation die Frage auf: Wie behandelt sie die Fälle, in denen Untergebene sich von vorgesetzten Frauen, die es ja auch neuerdings beim Bund gibt, "nichts sagen lassen" wollen? Wird dann die Frau Leutnant in die Küche abkommandiert?

Jedenfalls wurde Stecher in die Schreibstube versetzt, wo er über Ausbildungsmethoden grübeln und schreiben darf. Da half es nichts, daß seine vorgesetzten Offiziere, der Kompanie-, der Bataillonschef, der Divisionsgeneral, der Vertrauensoffizier und seine Auszubildenden in mehreren Schreiben offiziell und einhellig darum baten, Stecher auf seinem Posten zu belassen. Offenbar hat die Truppe weniger Probleme mit Homosexuellen als die Bonner Hardthöhe, wo anscheinend noch immer die Homophobie des ehemaligen Verteidigungsministers Manfred Wörner herrscht.

Jedenfalls explodiert mit Stechers Versetzung einmal mehr eine bürokratische Tretmine, die das Bundesverteidigungsministerium gegen die eigene Truppe gelegt hat. Als sich in den siebziger Jahren die Fälle häuften, daß Wehrpflichtige bei der Tauglichkeitsprüfung den Ärzten Tunten-Theater vorspielten, um als "untauglich" dem Dienst zu entgehen, entschloß sich das Ministerium kurzerhand, Schwule für tauglich zu erklären. Bedingt tauglich. Soldat ja, aber keine Beförderung zum Offizier.