Besser kann man nicht scheitern

Thomas Brasch schreibt ein Kabinettstück mit dem Rasiermesser

In der großen Plauderkirmes der zeitgenössischen Literatur ist Thomas Brasch der Schweiger; er bedient nicht das ächzende Geschwätzigkeitskarussell und tanzt nicht im clownesken Flitter zum Tand-Tamtam der Interviewmaschine. Er hüllt sich in jenes "ohrenbetäubende Schweigen", das Thema seines neuen Textes ist.

Denn eine Erzählung ist das nicht. Was "erzählt" wird, ist von der finsteren A-Logik der Capriccios des Francisco Goya: Ein Mädchenmörder, der - mit offener "Fuge" im Kopf - Anfang dieses Jahrhunderts, nach irrlichternden Homunkulus-Existenz-Versuchen als unterschlagender Bankangestellter oder Bordellvoyeur, seine zwei Klavierschülerinnen erschießt; ein Architekt, der einerseits von diesem Leben berichtet, andererseits von ihm aufgesogen wird wie Tinte vom Löschpapier - "bis sie ihn in ein glückliches Sterben führt, soll kenntlich gemacht werden, wie nah die Gefahr bei der Lust wohnt, wenn sich einer auf der Suche nach dem Schönsten in das Schlimmste verläuft".

Die Totenmechanik von Braschs Dramaturgie könnte Partitur für einen Marthaler sein, als der noch nicht im Glitzerschick seiner Zerhackroutine erstarrt war; Marthalers Fähigkeit, die Frage "Warum?" weder zu stellen noch zu beantworten, vielmehr nur "Produkte" in ihrer schattenlosen Endgültigkeit darzustellen, ist Poppenspäler-Kunstfertigkeit, verglichen mit Braschs wimpernlosem Blick - "denn keiner von beiden habe sich das kleine Eisstück aus dem Herzen weinen können, das der andere dorthin versenkt hatte". Was der Theatermann zur Repetitionsmechanik erstarren läßt, bannt der Schriftsteller als falsche Bewegung: "Das Liebste und ich strecken die Armen nacheinander aus, doch jedes leider in eine andere Richtung."

Dieses schmale Buch ist ein Kabinettstück. Es steht in der Nachfolge Büchners. Geschrieben mit dem Rasiermesser. Es entwickelt - ohne den Hauch einer Sentimentalität, ohne die Spur eines Mitleids - das Negativ eines Lebensbilds: Und siehe, wenn es aus der Säure kommt, entdecken wir uns; nicht Brussig-munter und nicht Grünbein-koloriert, sondern als Momentaufnahme einer "Zeit, in der das Öffentliche mit dem Privaten verwechselt wird und umgekehrt und die das menschliche Bedürfnis, in der Zweisamkeit die Einsamkeit zu überwinden, in ihr Gegenteil verkehrt hat".

Braschs Prosa ist so hart und zart wie Glas; es spiegelt Lava-aschene Schönheit. So konstruiert er eine perfekte Maschine schauriger kleiner Wunder. Es ist jene Zerstörungsmaschine, mit deren Hilfe sein Mädchenmörder Brunke sich selber zur letzten Erektion stranguliert. Nicht zerstört aber ist die Sprache. Von ferne erinnert sie an Else Lasker-Schülers Weltende: "Es ist ein Weinen in der Welt, / als ob der liebe Gott gestorben wär, / Und der bleierne Schatten, der niederfällt, / Lastet grabesschwer. (...) / Du! wir wollen uns tief küssen - / Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, / An der wir sterben müssen."

Dabei gibt diese Publikation nur einen Splitter von dem voluminösen Werk wieder, an dessen mehreren tausend Seiten Thomas Brasch seit sechs Jahren arbeitet. Wir haben bestenfalls einen Torso in der Hand; der gigantische Marmor, aus dem er gebrochen und gemeißelt wurde, sollte bald einmal zu besichtigen sein - und wenn es nur ein Carraragebirge wäre, auf das dieser Sisyphos seinen Stein schleppt und an dessen Last er gar scheitert. Besser kann man nicht scheitern. Man weiß, daß Herder seine tränenlosen Augen zu kurieren suchte, indem er sich ein Haar durch die Tränendrüse ziehen ließ. Auch Thomas Brasch hat keine Tränen. Er zieht uns ein Haar durchs Herz.

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  • Von Fritz J. Raddatz
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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