Kosovo war überall

Die Nachkriegszeit ist zu Ende, aber auf andere Weise als im Jahre 1989. Bilder tauchen auf, die man in Europa seit 1945 nicht mehr gesehen hat. Spuren von Massakern, Flüchtlingstrecks, Zeltstädte, herumirrende Kinder, deren Eltern verschollen sind, gesprengte Donaubrücken, brennende Raffinerien, die Wiedergeburt des ethnisch gesäuberten Staates. Am Ende des Jahrhunderts finden wir uns wieder inmitten dessen, was man früher "Volkstumskämpfe" nannte. Dabei sind wir erst am Anfang. Doch was wirklich vor sich geht, werden wir erst zu sehen bekommen, wenn sich der Rauch verzogen hat.

Für Massenaustreibungen und Völkerverschiebungen bedarf es komplexer Logistik, modernen Organisationswissens und Know-hows. Es bedarf der großmaßstäblichen Planung, vorbereitender Propaganda, die die betreffende Gruppe stigmatisiert, ausgrenzt und für die Verfolgung präpariert. Es geht nicht ohne die wissenschaftlichen Apparate, die die soziologische und historische Expertise und die nationalen Mythen entwerfen, und es bedarf der Spezialisten der Gewaltausübung, die in der Lage sind, sowohl mit chirurgischen Methoden als auch mit Äxten und Messern umzugehen. Wenn es soweit ist.

Es ist kein leichtes Spiel, "ethnische Gemengelagen", die in Dutzenden von Generationen und in Jahrhunderten gewachsen sind und oft den schwersten Belastungen und Konflikten standgehalten haben, aus dem Gleichgewicht und zum Einsturz zu bringen. Es bedarf der größten Phantasie und kriminellen Energie, um das Gefüge komplexer Lebenswelten auszuhebeln und Menschen, die ihr Leben lang halbwegs miteinander ausgekommen sind, dazu zu bringen, übereinander herzufallen und sich abzuschlachten. Es bedarf der Schläger und der Schreibtischtäter, die vorangehen.

In all diesen Dingen hat es das 20. Jahrhundert zu einer Perfektion gebracht wie keines zuvor. Weniger als andere Epochen ließ es sich auf halbe Lösungen ein. Es ging immer aufs Ganze, auf endgültige Lösungen. Nirgendwo sind die dafür erforderlichen Kompetenzen in einem solchen Übermaß akkumuliert und mobilisiert worden wie in Europa. Was jetzt auf dem Balkan stirbt, ist das, was vom alten Europa im 20. Jahrhundert noch geblieben ist.

Das 20. Jahrhundert wurde manchmal das Jahrhundert der Flüchtlinge genannt. Das ist nicht ganz genau. Flüchtlinge hat es immer gegeben, wenn auch nie so viele wie in der Weltkriegsepoche mit ihren Massenevakuierungen vor heranrückenden Fronten, mit ihren Emigrationen und Deportationen. Aber wer evakuiert wird, kehrt nach dem Ende des Ausnahmezustandes und dem Ende von Kriegshandlungen vielleicht zurück. Wer flüchtet, kann sich, wie groß das Risiko auch immer sein mag, entschließen zur Heimkehr. Wer aber vertrieben wird, weil er einer bestimmten Gruppe angehört, hat keine Wahl. Am allerwenigsten derjenige, der einer ethnischen Gruppe angehört; denn Konfessionen, Sprachen oder politische Anschauungen kann man wechseln, eine Herkunft nicht. Vertreibungen sind so gut wie endgültig. Diese Unterscheidungen sind wichtig nicht der Begriffsklärung wegen, sondern weil sie im Zeitalter des Ordnungs- und Säuberungswahns über Leben und Tod entscheiden können.

Die Idee von der Entmischung