Kosovo ...
Die ethnische Säuberung ist eine Ausgeburt des 20. Jahrhunderts. Eine Bilanz der Vertreibungen in Europa
Kosovo war überall
Die Nachkriegszeit ist zu Ende, aber auf andere Weise als im Jahre 1989. Bilder tauchen auf, die man in Europa seit 1945 nicht mehr gesehen hat. Spuren von Massakern, Flüchtlingstrecks, Zeltstädte, herumirrende Kinder, deren Eltern verschollen sind, gesprengte Donaubrücken, brennende Raffinerien, die Wiedergeburt des ethnisch gesäuberten Staates. Am Ende des Jahrhunderts finden wir uns wieder inmitten dessen, was man früher "Volkstumskämpfe" nannte. Dabei sind wir erst am Anfang. Doch was wirklich vor sich geht, werden wir erst zu sehen bekommen, wenn sich der Rauch verzogen hat.
Für Massenaustreibungen und Völkerverschiebungen bedarf es komplexer Logistik, modernen Organisationswissens und Know-hows. Es bedarf der großmaßstäblichen Planung, vorbereitender Propaganda, die die betreffende Gruppe stigmatisiert, ausgrenzt und für die Verfolgung präpariert. Es geht nicht ohne die wissenschaftlichen Apparate, die die soziologische und historische Expertise und die nationalen Mythen entwerfen, und es bedarf der Spezialisten der Gewaltausübung, die in der Lage sind, sowohl mit chirurgischen Methoden als auch mit Äxten und Messern umzugehen. Wenn es soweit ist.
Es ist kein leichtes Spiel, "ethnische Gemengelagen", die in Dutzenden von Generationen und in Jahrhunderten gewachsen sind und oft den schwersten Belastungen und Konflikten standgehalten haben, aus dem Gleichgewicht und zum Einsturz zu bringen. Es bedarf der größten Phantasie und kriminellen Energie, um das Gefüge komplexer Lebenswelten auszuhebeln und Menschen, die ihr Leben lang halbwegs miteinander ausgekommen sind, dazu zu bringen, übereinander herzufallen und sich abzuschlachten. Es bedarf der Schläger und der Schreibtischtäter, die vorangehen.
In all diesen Dingen hat es das 20. Jahrhundert zu einer Perfektion gebracht wie keines zuvor. Weniger als andere Epochen ließ es sich auf halbe Lösungen ein. Es ging immer aufs Ganze, auf endgültige Lösungen. Nirgendwo sind die dafür erforderlichen Kompetenzen in einem solchen Übermaß akkumuliert und mobilisiert worden wie in Europa. Was jetzt auf dem Balkan stirbt, ist das, was vom alten Europa im 20. Jahrhundert noch geblieben ist.
Das 20. Jahrhundert wurde manchmal das Jahrhundert der Flüchtlinge genannt. Das ist nicht ganz genau. Flüchtlinge hat es immer gegeben, wenn auch nie so viele wie in der Weltkriegsepoche mit ihren Massenevakuierungen vor heranrückenden Fronten, mit ihren Emigrationen und Deportationen. Aber wer evakuiert wird, kehrt nach dem Ende des Ausnahmezustandes und dem Ende von Kriegshandlungen vielleicht zurück. Wer flüchtet, kann sich, wie groß das Risiko auch immer sein mag, entschließen zur Heimkehr. Wer aber vertrieben wird, weil er einer bestimmten Gruppe angehört, hat keine Wahl. Am allerwenigsten derjenige, der einer ethnischen Gruppe angehört; denn Konfessionen, Sprachen oder politische Anschauungen kann man wechseln, eine Herkunft nicht. Vertreibungen sind so gut wie endgültig. Diese Unterscheidungen sind wichtig nicht der Begriffsklärung wegen, sondern weil sie im Zeitalter des Ordnungs- und Säuberungswahns über Leben und Tod entscheiden können.
Die Idee von der Entmischung
Die vormodernen Reiche waren in der Regel multiethnische Gebilde. Sie wurden bewohnt von Untertanen eines Königs, Kaisers, Zaren oder Sultans, nicht von Angehörigen einer Nation. Die herrschenden Eliten waren ihrer Herkunft und Orientierung nach transnational und kümmerten sich nicht um die Volkszugehörigkeit ihrer Untertanen. Entscheidend war, ob man Bauer oder Bürger, Freier oder Unfreier war. Ihre Legitimität bezogen sie von Gott und der Autorität einer Dynastie. Dies änderte sich erst mit der Entstehung des modernen Staates und der bürgerlichen Nation. Im Westen Europas deckten sich in der Nation sprachliche und kulturelle Gemeinschaft und politisches Territorium. Anders in weiten Teilen Mittel- und Ostmitteleuropas, wo sprachliche und kulturelle Grenzen nur selten mit den Grenzen des staatlichen Territoriums übereinstimmten. In den Imperien der Habsburger, der Osmanen, der Romanows und Hohenzollern, wenngleich als "Völkergefängnisse" gescholten und bekämpft, lebten bis ins 20. Jahrhundert hinein Dutzende von Völkern, die verschiedenen Sprachen, Kulturen und religiösen Bekenntnissen angehörten.
Als Anwärter, den Gedanken zur Schaffung des ethnisch "reinen" Staates erstmalig formuliert zu haben, kommen offenbar mehrere Theoretiker in Frage. Sicher ist, daß dieser Gedanke weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Wie der Historiker Theodor Schieder in seinen begriffsgeschichtlichen Studien herausfand, wurde die Idee vom ethnisch "reinen" Staat offensichtlich von Heinrich Luden (1780-1847) schon im Jahre 1814 in seiner Schrift Das Vaterland oder Volk und Staat formuliert. Der von Fichte und Schelling beeinflußte, in Jena lehrende Historiker, der in der Zeitschrift Nemesis einen "volkhaft bestimmten Liberalismus" vertrat, schrieb: "Einmal könnte man die Bürger eines fremden Volkstums über die Naturmarken unserer Staates entfernen und auf diese Weise unseren Staat reinigen; zweitens könnte man versuchen ... die Eigentümlichkeit der fremden Bürger in unserer Eigentümlichkeit aufzulösen. Das erste aber würde schrecklich sein und unmenschlich! Wohin sollte man dann die Unglücklichen vertreiben, wenn man auch Gewalt genug hätte, und von ihren Volksgenossen keine Rache befürchten dürfte? ... Die schönsten Gefühle der menschlichen Brust empören sich gegen eine solche Grausamkeit ..." Ein halbes Jahrhundert später heißt es bei einem nationalistischen Vordenker wie Paul de Lagarde 1855: "Es ist zweifellos nicht statthaft, daß in irgendeiner Nation eine andere Nation bestehe; es ist zweifellos geboten, diejenigen welche ... jene Dekomposition befördert haben, zu beseitigen. Es ist das Recht jedes Volkes, selbst Herr auf seinem Gebiet zu sein, für sich zu leben, nicht für fremde." Im 20. Jahrhundert faßt der Führer der Alldeutschen Heinrich Claß die "Abtretung menschenleeren Landes" und eine großzügige Politik der Evakuierung als "Hilfsmittel äußerster Not" ins Auge. Und noch etwas später formulierte Paul Schiemann (1876-1944), ein deutschbaltischer Politiker und Vizepräsident des Europäischen Minderheitenkongresses: "Die Konsequenz des so aufgefaßten Selbstbestimmungsgedankens ist entweder die gewaltsame und brutale Transplantation von ganzen Bevölkerungsteilen aus einem Staat in den anderen mit allen ihren verderblichen Folgen" oder eben die Assimilation, das Aufgehen der Minderheiten im Mehrheitsvolk. Es ist von einem ethnonationalistischen Standpunkt scheinbar nur noch ein kleiner Schritt bis zur "ethnographischen Flurbereinigung", die in die Zusammenführung und Konzentration der "Splitter deutschen Volkstums" und die "Ausscheidung nichtdeutschen Volkstums" münden sollte.
Der Erste Weltkrieg brachte die Sprengung der "Völkergefängnisse" und eine gänzlich neue Staatenwelt mit sich. Die Sehnsucht nach einem eigenen Staat war endlich Wirklichkeit und zur materiellen Gewalt geworden. Die ganze Wucht der nationalen Romantik entlud sich in dem Augenblick, als die alten Ordnungsmächte nicht mehr waren. Aus den Staatsvölkern von einst waren nun oftmals diskriminierte Minderheiten in den neuen, aus der Auflösung der Imperien hervorgegangenen Nationalstaaten geworden. Aus der "Nationalitätenfrage" der alten Imperien wurde vielfach die Minderheitenfrage der neuen Staatenwelt. Europa nach dem Untergang der imperialen Welt ist geprägt von Volkstumskämpfen und "Minderheitsfragen". Das nationale Selbstbestimmungsrecht, das der staatlichen Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg zugrunde gelegt wurde, war allzusehr vom Kampf zwischen Siegern und Verlieren geprägt, als daß diese hätte gerecht ausfallen können. Aus den Vielvölkerimperien gingen nach den Grenzziehungen in den Pariser Vorortverträgen in der Regel nicht homogene Nationalstaaten hervor, sondern Vielvölkerstaaten mit starken Minderheiten, die als Bedrohung für die Integrität und Souveränität der neuen Staatswesen empfunden wurden. Sie erschienen als fünfte Kolonnen, als illoyale und zersetzende Kräfte.
Jeder Staat hat seine Minderheit jenseits der eigenen Grenzen. Durch die Regelungen von Trianon etwa hatte Ungarn 1920 zwei Drittel seines Territoriums und drei Fünftel der Vorkriegsbevölkerung verloren, und an die drei Millionen Ungarn waren zur Minderheit in den Nachbarstaaten Rumänien, Tschechoslowakei und Jugoslawien geworden. Sie stellten keineswegs nur innere Probleme dar. Überall wimmelte es von irredentistischen und revisionistischen Bewegungen, da die neuen Staatsgrenzen meist nicht mit den ethnischen Grenzen übereinstimmten. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson befand daher in Paris 1919, daß "nichts geeigneter ist, den Weltfrieden zu stören, als die Behandlung, der unter Umständen die Minderheiten ausgesetzt werden können".
Kein Staat, der nicht vom Volkstumskampf erfaßt war. Das hieß dann Germanisierung, Polonisierung, Romanisierung, Türkisierung, Serbisierung. Immer ging es um den Kampf um etwas Größeres als das Bestehende: Großdeutschland, Großrumänien, Großbulgarien, Großgriechenland, Großserbien. Vor Minderheiten hatte man Angst. In ihnen verbinden sich häufig soziale mit ethnischen Aspekten und interne mit äußeren Konflikten. Der schwache Nationalstaat der Zwischenkriegszeit war daher die Bühne unendlich komplizierter und nicht abreißender Verwicklungen. Nur ein ethnisch homogener Staat ist, so könnte man diesen Standpunkt formulieren, ein starker Staat, und die Herstellung dieser Homogenität ist, so die Konsequenz, ein Unterpfand seiner Stabilität. Fast überall gingen die Staatsgründungen, die aus dem Untergang der europäischen Vielvölkerimperien hervorgingen, mit völkischem und ethnischem Furor einher - am deutlichsten vielleicht zu erkennen an der jungtürkischen Revolution, deren Aufstieg verbunden war mit einem Vorboten des neuen postimperialen Europa, dem Genozid an den Armeniern.
Experimente auf dem Balkan
Nirgendwo war die Landkarte der Völker so komplex und kompliziert wie auf dem Balkan, der in seiner ethnischen und kulturellen Gemengelage fast so etwas wie ein Europa im kleinen ist. Einen modernen homogenen Nationalstaat zu schaffen in dieser kleinräumigen und sich sprachlich, kulturell, religiös überlappenden Gegend mußte die allergrößten Schwierigkeiten bereiten. Vielleicht ist es kein Zufall, daß hier seinen Anfang nahm, was britische Diplomaten als erste "unmixing populations" genannt hatten. Als das Osmanische Reich aus dem Balkan zurückgedrängt wurde und die neuen Staaten im 19. Jahrhundert entstanden, wanderten viele Balkantürken aus dem werdenden serbischen Staat ab. Vielleicht der "erste neuzeitliche Fall vertraglich sanktionierter Vertreibung", "lange bevor das Instrument des Bevölkerungsaustausches im frühen 20. Jahrhundert Anwendung fand" (Wolfgang Höpken). In mehreren Wellen wurden die Balkantürken aus den sich bildenden neuen Staaten verdrängt. Hier kam es im Gefolge der Balkankriege zu den ersten systematischen "ethnischen Flurbereinigungen" mit Zwangstaufen, Namensänderungen, Vertreibungen und Greueltaten.
Hauptleidtragende der beiden Balkankriege war vor allem die Zivilbevölkerung in der umkämpften Grenzregion. Sie reagierte auf die Diskriminierung, Zwangsbekehrungen und Kriegshandlungen mit Massenflucht, die vorerst nur gedacht war als vorübergehendes Ausweichen vor dem Krieg, in Wahrheit meist aber auf ein endgültiges Verlassen der Wohngebiete hinauslief. Hier entstanden die ersten Modelle für den Austausch von Volksgruppen. Der Friedensvertrag von Adrianopel im Jahre 1913 "war der erste zwischenstaatliche Vertrag in der modernen Geschichte, der einen Bevölkerungstransfer zwischen zwei Staaten (allerdings auf formal freiwilliger Basis und beschränkt auf die Bewohner von Grenzgebieten) vorsah" (Holm Sundhaussen).
Angesichts der komplizierten ethnischen Gemengelage mußten Ab- und Ausgrenzung besonders radikale Formen annehmen. Der einzelne ist nur in seltenen Fällen, was er "eigentlich" per Abstammung sein soll. "Fremddefinition steht gegen Eigendefinition. Ein Mazedonier beispielsweise ist - je nach Position des Betrachters - "eigentlich" Bulgare respektive Grieche respektive Serbe. Und ein bosnischer Muslim ist "eigentlich" ein islamisierter Serbe oder Kroate. Ein Kosovo-Albaner ist "eigentlich" ein albanisierter, zum Islam konvertierter Serbe; ein Serbe in Kroatien ein zur Orthodoxie übergetretener oder zur Konversion gezwungener Kroate, ein Türke in Bulgarien ein islamisierter und türkisierter Bulgare und so weiter, und so weiter. Der "Eigentlichkeit" sind eigentlich keine Grenzen gesetzt. Daher liege, so Sundhaussen, die Ursache dessen, was seit Ende des Ersten Weltkriegs als "Balkanisierung" in die politische Publizistik eingegangen sei, "in der Diskrepanz zwischen historisch gewachsenen Siedlungsstrukturen auf der einen und modernem nationalstaatlichem Ordnungsprinzip auf der anderen Seite". Dieser Konflikt hat sich immer wieder Ausdruck verschafft: erst in der Verdrängung der Balkantürken, dann in den Aktionen des kollektiven Bevölkerungsaustausches zwischen 1913 und 1923, dann in den Säuberungsexzessen der kroatischen Ustaca gegen Serben, Juden und Roma, in den Abrechnungen der Tito-Partisanen mit den Donauschwaben oder in den Säuberungsaktionen in der Krajina, Bosnien oder heute im Kosovo. Eine politische Nation nach französischen Vorbild und ein Föderalismus nach deutschem Muster, die der Einheit und Vielfalt des jugoslawischen Raums vielleicht angemessen gewesen wären, standen nicht zur Verfügung.
In einem Exposé zu dem Vertrag, geschrieben vom Flüchtlingskommissar des Völkerbundes, Fridtjof Nansen, standen die schicksalsschweren Worte, "daß die Entmischung der Bevölkerungen des Nahen Ostens ("that to unmix the populations of the Near East") die wahre Befriedung des Nahen Ostens garantieren wird ... und daß der Bevölkerungsaustausch der rascheste und wirksamste Weg ist, um mit den schweren ökonomischen Folgen fertig zu werden, die sich aus der großen Bevölkerungsbewegung, die bereits eingesetzt hat, ergeben". Damit war es geschehen: Zwangsumsiedlung, auch wenn sie weitgehend nur die nachträgliche Bestätigung dessen war, was bereits geschehen war, wurde als Schlüssel zur Befriedung einer Region angesehen. Dabei war allen Beteiligten klar, daß es sich, wie der am Vertragsabschluß beteiligte britische Außenminister Lord Curzon sagte, um eine "durch und durch schlechte und verwerfliche Lösung handle, für die die Welt in den kommenden hundert Jahren büßen werde".
Ein neues Paradigma war geschaffen für Konfliktlösungen in der Welt. Immer wieder - bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg - fungierte das Lausanner Abkommen als Anhaltspunkt für die Praktikabilität "kollektiver Bevölkerungstransfers", also als Beweis nicht nur für die Machbarkeit, sondern die moralische Legitimität von Zwangsumsiedlungen als "kleinerem Übel". Im Frühjahr 1943, als die Alliierten über Europa nach dem Ende des Krieges nachdachten, sagte der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt über das künftige Ostpreußen: "Wir sollten Vorkehrungen treffen, um die Preußen aus Ostpreußen auf die gleiche Weise zu entfernen, wie die Griechen nach dem letzten Krieg aus der Türkei entfernt wurden"; das sei zwar grob, aber die einzig denkbare Alternative. Auch Winston Churchill bezog sich, als er ausführte, daß die Westverschiebung Polens die Vertreibung der Deutschen impliziere, positiv auf den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch, der "endlose Unannehmlichkeiten" ersparen werde. Gemäßigtere Stimmen fanden wenig Gehör.
Der Verschiebebahnhof
Was Umsiedlung und Vertreibung im großen Maßstab wirklich bedeuteten, erfuhr Europa durch die Nazis. Sie hielten sich nicht lange bei der Revision von Versailles auf, denn sie hatten ihre eigene Vorstellung vom neuen Europa. Es sollte von der arischen Herrenklasse beherrscht sein. Für die Modellierung des neuen Europa stand ihnen alles zu Gebote, was man für ein solches Projekt brauchte: wissenschaftliche Expertise, organisatorische und logistische Kapazität, ein Terror- und Militärapparat, der die besetzten Länder in Schach hielt, und eine Gesellschaft, die mitmachte. Götz Aly hat minutiös diesen gigantischen "bevölkerungspolitischen Verschiebebahnhof" rekonstruiert. Keine Völkerschaft, die nicht einsortiert, taxiert und auf den Weg geschickt worden wäre. Experten der Bevölkerungspolitik, Demographen, Anthropologen, Planungsfachleute und Verkehrsexperten arbeiteten an einem Gesamtwerk "Generalplan Ost", in dem Aussiedlung und Einsiedlung, Landschaftsentwürfe, Durchgangs- und Auffanglager konzipiert und das Ineinandergreifen von Nah- und Fernlösungen analysiert wurden. In den Zentralstellen dieser Apparatur wurden Volksgruppen nach Belieben hin und her geschoben, repatriiert und abgeschoben. Für jeden eingesiedelten und ins Reich heimgeholten Volksdeutschen wurden andere ausgesiedelt, das heißt binnen Minutenfrist von Haus und Hof vertrieben, irgendwohin "im Osten" deportiert. Volkstumsinseln wurden ausgemacht, Volkstumssplitter gesammelt und zu Volkstumsbrücken formiert.
Innerhalb weniger Wochen wurden die Deutschbalten nach dem Beginn des Krieges gegen Polen "heim ins Reich" geholt, in dem sie nie gelebt hatten, und eine über 700 Jahre dauernde Siedlung abgeräumt. In "großen Trecks" wurden Deutsche aus Wolhynien, vom Narew, aus Bessarabien, der Dobrudscha oder aus Litauen in die dem Großdeutschen Reich einverleibten polnischen Gebiete geholt, um die "Germanisierung" auf den Weg zu bringen. Man mußte Platz für sie schaffen, also vertrieb man die Einheimischen aus Posen oder Danzig, die man ins Generalgouvernement abschob oder "aussiedelte", um neue Unterkünfte für die mittelständischen Volksdeutschen aus Reval und Riga zur Verfügung zu haben. Hunderttausende wurden so "neu angesetzt", nachdem man Hunderttausende erst einmal vertrieben hatte, gleich im Herbst 1939, "wild" und nicht auf "ordnungsgemäße und humane Art und Weise".
Umsiedlungsexperten, Anthropologen, Soziologen, künftige Sozialhistoriker lieferten die Karten und Richtlinien. Es ist etwas ganz anderes, daß der große Plan im Chaos endete, daß das Scheitern der vielen versuchten Nahlösungen in den kurzen Prozeß und in die radikale "Endlösung" einmündete und daß aus der Um- und Rücksiedlung im Sog des militärischen Zusammenbruchs erst eine "Notsiedlung" und dann panische Flucht wurde. Nun passierte es, daß die 1939 ins Reich "Repatriierten", die zwischenzeitlich ins Baltikum zurückgekehrt waren, noch einmal in Bewegung gesetzt wurden: zur Flucht nach Westen, aus dem es keine Rückkehr in die alte Heimat mehr gab. So wurden aus Planern der Völkerverschiebung und Organisatoren des "Großen Trecks nach Osten" Verwalter von Flüchtlingsauffang- und -durchgangslagern. Irgendwann verwischten im Sog des Zusammenbruchs alle Grenzen zwischen Rückzug, Evakuierung, Flucht, wilder Vertreibung und geordneter Aussiedlung, Pogrom und "organisiertem Abschub". Irgendwann wurden die alten Ostprovinzen des Reiches leergefegt und waren vorbereitet auf die territoriale und staatliche "Neuordnung" der Sieger. Fast alles, was es an Deutschen im Osten Europas noch gegeben hatte, war aus der alten Heimat fortgespült.
Am Ende der "neuen Ordnung der ethnographischen Verhältnisse", die Hitler am 6. Oktober 1939 angekündigt hatte, gab es das alte Europa nicht mehr. Die Juden Europas waren umgebracht, Millionen von Menschen - ob Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene - in eine Völkerwanderung ohnegleichen verwickelt, ganze Stämme und Völkerschaften von einem zum anderen Ende des Kontinents geworfen. Die ethnische, sprachliche und konfessionelle Karte des mittleren und östlichen Europa war bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Von 1939 bis 1943, in der Zeit des Triumphs des nationalsozialistischen Deutschland, wurden an die 15 Millionen Menschen in Völkerverschiebungen hineingezogen. Von 1944 bis 1948, in der Zeit des Zusammenbruchs und des Sieges über Hitler, mußten noch einmal 31 Millionen Menschen auf Wanderschaft gehen. Rund 50 Millionen Menschen wurden aus ihrer angestammten Heimat vorübergehend oder für immer losgerissen und entwurzelt. Der ganze Kontinent war, so schien es, bevölkert von einem neuen Menschentyp, von Flüchtlingen, Heimatvertriebenen und Deportierten.
Am Beginn der "Neuordnung der ethnographischen Verhältnisse" im Herbst 1939 hatte nicht zufällig das Abkommen zwischen Stalins Sowjetunion und Hitler-Deutschland gestanden. Die Aufteilung der Einflußsphären war die Bedingung für die "Repatriierung" der Volksdeutschen, aber auch für Massendeportationen, die sich gegen die Führungsschichten der besetzten Länder richteten. Auf sowjetischer Seite ging es vor allem um die Neutralisierung und Liquidierung potentieller unabhängiger oder gar oppositioneller Kräfte: Angehöriger der alten Eliten, Geistlicher, Intellektueller, Vertreter des Bürgertums und der politischen Parteien. Sofern es sich aber um Führungsgruppen des besetzten Polen, Litauens, Lettlands und Estlands handelte, hatten die nun anrollenden und perfekt organisierten Massendeportationen durchaus den Charakter gezielter "chirurgischer Operationen" gegen die nationalen Eliten.
Der Kommunismus teilte mit dem Nationalsozialismus die Leidenschaft für große, heroische und endgültige Lösungen, aber seine Utopie von der klassenlosen Gesellschaft ging doch in eine ganz andere Richtung als die völkische Utopie des Nationalsozialismus. Die neue Gesellschaft, der neue Mensch, war nicht durch seine Volkszugehörigkeit definiert. Der Säuberungswahn der stalinistischen Sowjetunion richtete sich gegen das "sozial Fremde", den "Klassenfeind", doch in Wahrheit war auch dies nur die Chiffre für alles, was sich nicht fügte, nicht ganz angepaßt war oder gar nach Selbständigkeit aussah. Die "ethnische Säuberung" in Stalins Sowjetunion spiegelte daher die Durchsetzung totaler Macht. Sie stand ganz in der Herrschaftstradition des russischen Reiches, freilich in einer erst für die Moderne charakteristischen Härte und Rücksichtslosigkeit. Die Deportationen ganzer Völkerschaften binnen kürzester Frist und unter härtesten Bedingungen hatten daher weniger mit der für den National- staat charakteristischen ethnischen Säuberung zu tun als vielmehr mit der Aufrechterhaltung des Imperiums und der Festigung des "totalen Staates".
Die "kleinen Völker" wurden als Agenten der feindlichen Mächte, als Sündenböcke für ausgebliebene Erfolge angegriffen und später kollektiv der Kollaboration mit der Wehrmacht bezichtigt. Gegen sie entlud sich der ganze Säuberungswahn des Systems. In großangelegten Aktionen wurden Zehntausende Menschen binnen weniger Stunden über Tausende Kilometer in unwirtliche Gegenden deportiert. Das betraf Dutzende von Völkerschaften, allen voran die große Gruppe der Wolgadeutschen, die kaukasischen Völker der Tschetschenen, Inguschen, Kabardiner, Karatschaier, aber auch der Kalmücken, der Krimtataren, der Schwarzmeergriechen, der Koreaner, Kurden und vieler anderer. Zehntausende von Menschen kamen bei diesen "Aktionen" ums Leben: Sie erfroren, verhungerten, wurden von Krankheiten dahingerafft.
Die Vertreibung der Deutschen erscheint fast als die logische und zwingende Folge eben der von Deutschen begangenen Verbrechen. Mehr als die Hälfte der etwa zehn Millionen in den östlichen Gebieten des Reiches lebenden Deutschen waren seit Oktober 1944 auf der Flucht vor der Roten Armee. Die Frage, ob es sich dabei und bei den folgenden wilden Vertreibungen um "ethnische Säuberungen" handelte, wird daher meist nicht gestellt. Dabei zeigte sich rasch, daß das wichtigste Kriterium, warum sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden, eben ihre Volkszugehörigkeit war. Alle Versuche, Ausweisungen politisch selektiv und individuell zu handhaben und etwa Hitler-Gegner von den Ausweisungen auszunehmen, schlugen meines Wissens fehl. Es blieb also bei der Kollektivzuschreibung. Die Geißel der ethnischen Säuberung hatte die Deutschen, die sie am brutalsten geschwungen hatten, selbst eingeholt, wenngleich selten die wirklich Verantwortlichen, und wie fast immer die am meisten Schutzlosen: Zivilisten, Frauen, Kinder, Alte.
Einer, der es wissen mußte - der russische Jude Eugene M. Kulischer, der erst vor Lenin, dann vor Hitler flüchtete - urteilte 1946: "Die größte organisierte Völkerverschiebung der Weltgeschichte, die sechseinhalb Millionen Deutsche umfaßt, ist in vollem Schwung. Weitere Massendeportationen sind in Vorbereitung ... Es steckt der Glaube dahinter, daß politische und ethnische Grenzen zusammenfallen sollten. Wo man dies aufgrund des gemischten Zusammenlebens der Bevölkerung verschiedenster ethnischer Zugehörigkeit nicht erreichen kann, setzt man auf Pläne, Hunderttausende von Menschen von einem zum anderen Land zu verschieben."
Aber es ging nicht nur um die Austreibung der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße oder der Sudetendeutschen aus der Nachkriegs-Tschechoslowakei. Von kaum weniger schmerzlichen Vertreibungs- und Umsiedlungsaktionen waren betroffen: Polen, die den Osten, der der Sowjetunion zugeschlagen worden war, verlassen mußten und die in den neuen Westgebieten angesiedelt wurden; Ukrainer, die ihre Siedlungen in Polen aufgeben mußten oder aus dem Südosten in den Nordwesten des Landes deportiert wurden; Donauschwaben und Rumäniendeutsche, die in die Sowjetunion verschleppt wurden.
Das gesäuberte Europa
Kaum ein Landstrich im mittleren oder östlichen Europa blieb von dieser Erfahrung verschont. Überall treffen wir auf Menschen, die nicht von dort stammen, wo sie heute leben. Sie tragen ihre Heimaten mit sich herum. Fast jede Gruppe hat ihr verlorenes Land: die Bulgaren ihr Mazedonien; die Serben ihr Kosovo; die Italiener Fiume, die Deutschen ihr Ostpreußen und Schlesien; die Polen die Kresy, Wilna und Lemberg; die Ungarn Temesvár und Transsylvanien; die Türken Thrakien, die Griechen Smyrna und Konstantinopel. Sie haben alle ihre Gedächtnisorte, die für Jahrzehnte unerreichbar waren. Man gewinnt einen Eindruck davon, daß die Heimaten im Kopf noch immer existieren, wenn man polnische Touristen auf dem Rossa-Friedhof in Wilna sieht, wo das Herz Pilsudskis bestattet ist; oder wenn man die Deutschen sieht, die Blumen an Kants Grabmal am Königsberger Dom niederlegen. In den Köpfen gibt es bis heute eine Erinnerung an die Spur der Gewalt: an den zusammengeschossenen Treck, die Tiefflieger, den Fluß, über den keine Brücke mehr führt, die Gewalt gegen die Frauen, die niemand zu schützen in der Lage war.
Auf den Kartenwerken, die die demographischen Verwerfungen der Weltkriegsepoche zu veranschaulichen suchen, überkreuzen sich Pfeile und Vektoren, die die gewaltsame Ortsveränderung der Millionen von Menschen symbolisieren. Kein Winkel Europas, der verschont wurde: nicht die Finnen und nicht die Rumänen, nicht die Russen und nicht die Rußlanddeutschen, nicht die Krimtataren und nicht die Tiroler, nicht die Kleinasiengriechen und nicht die Türken von Saloniki oder die Bulgaren aus der Dobrudscha. Die Häuser der einen Vertriebenen wurden zur neuen Heimstätte der anderswo Vertriebenen. Und inmitten oder besser jenseits dieser ungeheuerlichen Menschenströme gibt es etwas, das zwar mit Umsiedlung, Abschiebung und Deportation begann und doch etwas ganz anderes war als ethnische Säuberung: der Völkermord an den europäischen Juden.
"Unmixed Europe" ist keine Metapher, sondern ein veränderter Kontinent. Die europäische Judenheit existierte nicht mehr. An der Stelle, wo einmal Polen gewesen war, entstand aus der Asche ein neues Polen. Der deutsche Osten hat aufgehört zu existieren, und ein Deutschtum in Mittel- und Osteuropa gibt es nicht mehr. Die "Volkstumssplitter" sind beseitigt, die "Streulage" ist aufgehoben, aus der "Repatriierung" wurde die gewaltigste Fluchtbewegung, die alle konfessionellen, kulturellen, landsmannschaftlichen Barrieren über den Haufen geworfen, eine neue Landkarte und neue Gesellschaften hatte entstehen lassen. Staaten mit neuen Grenzen waren entstanden. Aus den Vielvölkerstaaten der Vorkriegszeit waren ethnisch mehr oder weniger homogene Gebilde geworden. Staatliches Territorium, Volk und Sprache waren so sehr zur Deckung gelangt wie nie zuvor.
Von den Vielvölkermetropolen der östlichen Welt waren oft nur die Fassaden geblieben, hinter denen das Leben der Vielvölkergesellschaft gestorben war. Homogenität war auch Uniformität, Provinzialität in vielerlei Hinsicht. An die Stelle der unterschiedlichen Konfessionen war die eine "nationale" getreten. Ganze Berufszweige, die vor dem Krieg mit bestimmten Bevölkerungsgruppen identifiziert worden waren - Anwälte, Bankiers, Ärzte -, waren verschwunden. Mit der Vertreibung von bestimmten Volksgruppen war auch eine "soziale Revolution" einhergegangen: Die Angehörigen der "Herrenvölker" von einst waren außer Landes getrieben worden. Dadurch öffneten sich nicht nur Karrierewege nach oben, sondern es folgte auch eine Nivellierung und Primitivisierung der sozialen Struktur. Kurzum: Das entmischte Europa ist nicht nur weniger spannungsreich, sondern auch weniger komplex, weniger reich an Differenz und Struktur, ärmer in fast jeder Hinsicht.
Was für Europa charakteristisch war und worin nicht nur seine Verletzlichkeit, sondern auch seine erstaunliche Produktivität und Elastizität begründet lag - die Existenz von Übergangszonen, die Gemengelagen und die Mischkultur der europäischen Städte -, all das gibt es nicht mehr. "Unmixing Europe", dieses häßliche Wort ist fast bis in den letzten Winkel vorgedrungen. Aber manchmal, wenn wir genau hinsehen und dorthin gehen, wo die Provinz am tiefsten ist, haben wir vielleicht die Chance, noch Spurenelemente von dem zu sehen, was das gemischte Europa einmal war - vielleicht in Daugavpils/Dünaburg, vielleicht in Czernowitz, gewiß in Novi Sad und bis vor kurzem in Sarajevo oder Prishtina.
Der Krieg war im Prozeß dieser Purifizierung immer der größte Vereinfacher und radikalste Zuspitzer. Er bereinigte das Gelände und trieb die Flüchtlinge wie eine Bugwelle vor sich her. Kriegsgeschichte ist die Geschichte von Evakuierung, Flucht und Vertreibung - ob im Russisch-Türkischen Krieg, in den ersten Balkankriegen, im Finnisch-Sowjetischen Krieg oder in den großen Weltkriegen. Was vom gemischten Europa nach der Weltkriegsepoche noch geblieben ist, wird heute aufgelöst, von Bomben, die auf Novi Sad fallen; es geht zugrunde auf den verminten Wegen, in den Flüchtlingslagern Mazedoniens und Albaniens.
Ethnische Säuberung kommt nicht aus ohne einen ganz spezifischen Haß und eine ganz spezifische Grausamkeit. Sind es doch nicht Fremde, die übereinander herfallen, sondern Leute aus ein und derselben Stadt, die dieselbe Sprache sprechen, oft Nachbarn. Vertreibung geht nicht ohne eine Überdosis Haß. Wer Menschen entfernen will, noch dazu ganze Volksgruppen, die über Generationen dort lebten, der muß zum Äußersten greifen. Terror, blankes Entsetzen, Überschreitung einer unausgesprochenen Grenze des Denkbaren, rascher Zugriff auf verdutzte Opfer, die Aktion im Morgengrauen sind die wichtigsten Bedingungen für das Kalkül, das in jeder "Ausschreitung" steckt.
Überall in Europa gibt es Menschen, die wissen, was passiert, wenn niemand mehr da ist, der einschreitet, wenn der Mob regiert. Überall gibt es Leute, die uns erzählen könnten, was das ist: ethnische Säuberung. Sie alle wissen, was Balkan ist, auch wenn sie noch nicht da gewesen sind. Europa am Ende des Jahrhunderts, das länger dauert als die Geschichtsphilosophen vorgesehen haben, ist ein großes Déjà-vu. Man darf sich nicht täuschen lassen durch die Handys und die Schuhe von Reebok an den Füßen der Desperados oder die lasergesteuerten Raketen aus dem Arsenal von Star Wars . Man sieht dem heutigen Europa kaum an, daß es aus Massakern hervorgegangen ist. Es besteht, wenn wir genau hinsehen und auf den Tonfall seiner Bewohner hören, aus geronnenen Flüchtlingsströmen. Europa war überall Balkan. Er ist uns nicht so fremd, wie es im Augenblick des Entsetzens scheint.
- Datum 29.04.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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