Kosovo ...Seite 6/6
Was für Europa charakteristisch war und worin nicht nur seine Verletzlichkeit, sondern auch seine erstaunliche Produktivität und Elastizität begründet lag - die Existenz von Übergangszonen, die Gemengelagen und die Mischkultur der europäischen Städte -, all das gibt es nicht mehr. "Unmixing Europe", dieses häßliche Wort ist fast bis in den letzten Winkel vorgedrungen. Aber manchmal, wenn wir genau hinsehen und dorthin gehen, wo die Provinz am tiefsten ist, haben wir vielleicht die Chance, noch Spurenelemente von dem zu sehen, was das gemischte Europa einmal war - vielleicht in Daugavpils/Dünaburg, vielleicht in Czernowitz, gewiß in Novi Sad und bis vor kurzem in Sarajevo oder Prishtina.
Der Krieg war im Prozeß dieser Purifizierung immer der größte Vereinfacher und radikalste Zuspitzer. Er bereinigte das Gelände und trieb die Flüchtlinge wie eine Bugwelle vor sich her. Kriegsgeschichte ist die Geschichte von Evakuierung, Flucht und Vertreibung - ob im Russisch-Türkischen Krieg, in den ersten Balkankriegen, im Finnisch-Sowjetischen Krieg oder in den großen Weltkriegen. Was vom gemischten Europa nach der Weltkriegsepoche noch geblieben ist, wird heute aufgelöst, von Bomben, die auf Novi Sad fallen; es geht zugrunde auf den verminten Wegen, in den Flüchtlingslagern Mazedoniens und Albaniens.
Ethnische Säuberung kommt nicht aus ohne einen ganz spezifischen Haß und eine ganz spezifische Grausamkeit. Sind es doch nicht Fremde, die übereinander herfallen, sondern Leute aus ein und derselben Stadt, die dieselbe Sprache sprechen, oft Nachbarn. Vertreibung geht nicht ohne eine Überdosis Haß. Wer Menschen entfernen will, noch dazu ganze Volksgruppen, die über Generationen dort lebten, der muß zum Äußersten greifen. Terror, blankes Entsetzen, Überschreitung einer unausgesprochenen Grenze des Denkbaren, rascher Zugriff auf verdutzte Opfer, die Aktion im Morgengrauen sind die wichtigsten Bedingungen für das Kalkül, das in jeder "Ausschreitung" steckt.
Überall in Europa gibt es Menschen, die wissen, was passiert, wenn niemand mehr da ist, der einschreitet, wenn der Mob regiert. Überall gibt es Leute, die uns erzählen könnten, was das ist: ethnische Säuberung. Sie alle wissen, was Balkan ist, auch wenn sie noch nicht da gewesen sind. Europa am Ende des Jahrhunderts, das länger dauert als die Geschichtsphilosophen vorgesehen haben, ist ein großes Déjà-vu. Man darf sich nicht täuschen lassen durch die Handys und die Schuhe von Reebok an den Füßen der Desperados oder die lasergesteuerten Raketen aus dem Arsenal von Star Wars . Man sieht dem heutigen Europa kaum an, daß es aus Massakern hervorgegangen ist. Es besteht, wenn wir genau hinsehen und auf den Tonfall seiner Bewohner hören, aus geronnenen Flüchtlingsströmen. Europa war überall Balkan. Er ist uns nicht so fremd, wie es im Augenblick des Entsetzens scheint.
- Datum 29.04.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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