Nationalismus Europas verschobene Völker
Die Geschichte der Vertreibung beginnt mit dem Zusammenbruch der großen Imperien
Obwohl sich die Voraussetzungen für eine Bearbeitung des Themas Vertreibung seit 1989 gravierend geändert haben, liegt eine Bilanz, die der europäischen Dimension der Völkerverschiebungen in der Weltkriegsepoche angemessen wäre, bis heute nicht vor. Die Fortschritte in einzelnen Feldern können über das lange Schweigen, ja Versagen der europäischen und speziell der deutschen Forschung nicht hinwegtäuschen.
Man muß sich daher im wesentlichen auf die in der Nachkriegszeit erschienenen Gesamtdarstellungen stützen, auf die Pionierarbeiten von Eugene M. Kulischer, Joseph B. Schechtman und Gotthold Rhode (siehe auch Literaturliste auf Seite 19). Je nach Ansatz und Verfahren schwanken die Zahlen der von gewaltsamen staatlichen Völkerverschiebungen betroffenen Menschen zwischen 40 und 80 Millionen.
Zwischen den Weltkriegen
Das Ende der großen Imperien löste eine starke Rückkehr- und Umsiedlungsbewegung aus. Aus dem Russischen Reich kehrten zwischen 1918 und 1923 Polen, Esten, Letten, Ukrainer, Litauer (zusammen über eine Million Menschen) in ihre neu- oder wiedergegründeten Staaten zurück. Durch Verdrängung und Flucht kamen im selben Zeitraum rund 1,2 Millionen Deutsche aus den abgetrennten Gebieten (Elsaß-Lothringen, Posen, Westpreußen und anderen) ins Deutsche Reich. Aus Kroatien, Bosnien, der Slowakei, Dalmatien, Siebenbürgen strömten an die 500 000 Magyaren nach Trianon-Ungarn. Schließlich die Folgen des vom Osmanischen Reich fast völlig geräumten Balkans: 125 000 Armenier flohen von 1918 bis 1923 aus der Türkei. Durch Verdrängung und freiwilligen Austausch gelangten 250 000 Bulgaren aus Griechenland, der Türkei und Mazedonien nach Bulgarien und an die 50 000 Griechen aus Bulgarien nach Griechenland. Die größte Gruppe umfaßte die rund 500 000 Türken, die aus Griechenland und Bulgarien in die Türkei flohen beziehungsweise ausgetauscht wurden, sowie die 1,5 Millionen Griechen, die aus dem kleinasiatischen Küstenland und der europäischen Türkei nach Thrakien, Ostmazedonien und Attika zwangsausgesiedelt wurden.
Im Zweiten Weltkrieg
Der zweite Abschnitt umfaßt die Zeit vom September 1939 bis zum Beginn des deutschen Zusammenbruchs 1943. Hierunter fallen einerseits die vertragsmäßigen Umsiedlungen jener Volksdeutschen, die aus Ostmitteleuropa "heim ins Reich" geholt wurden - aus Lettland, Estland, Wolhynien, Ostgalizien, Bessarabien, Nordbukowina, Litauen, Südbukowina, Norddobrudscha, von den Sprachinseln Gottschee und Laibach, aus Südtirol, aus dem Schwarzmeergebiet - zusammen an die 800 000 Menschen.
Umgekehrt mußten Menschen aus den der Germanisierung unterworfenen Gebieten weichen: Russen, Ukrainer, Weißrussen, Litauer aus Polen und dem Memelgebiet, Polen und Juden aus Westpreußen und dem Wartheland - zusammen etwa zwei Millionen Menschen. In Südosteuropa wurden durch die Regelungen der Wiener Schiedssprüche von 1938 und 1940 sowie das Abkommen von Craiova 1940 und die Zerstörung Jugoslawiens umfassende Grenzrevirements und Umsiedlungen beschlossen und ausgelöst. Ungarn aus der Bukowina, Siebenbürgen, Bessarabien, Kroatien und Bosnien nach Ungarn; Rumänen aus Nordsiebenbürgen nach Südsiebenbürgen sowie aus der Süddobrudscha in die Norddobrudscha; Bulgaren aus der Norddobrudscha in die Süddobrudscha; Serben aus Mazedonien, Kroatien und Slowenien. Dabei geht es um Gruppen von bis zu 200 000 Menschen. Im Zusammenhang mit der Abgrenzung der Einflußsphäre zwischen Hitler und Stalin und des beginnenden deutsch-sowjetischen Krieges kam es zu Massendeportationen und kollektiven Umsiedlungen beziehungsweise Vertreibung von Minderheiten: Betroffen waren die Finnen Kareliens (400 000 Menschen), die Ingermanländer (annähernd 60 000), die Letten, Esten, Litauer (zusammen etwa 200 000), Polen (an die zwei Millionen), Ukrainer, die Sowjetkoreaner, die Wolgadeutschen (rund 400 000) und andere Gruppen. Nach dem Rückzug der Wehrmacht wurden weitere Völker kollektiv deportiert, darunter die Krimtataren, Tschetschenen, Inguschen, Karatschaier.
Die dritte Phase beginnt mit dem Zusammenbruch deutscher Herrschaft und endet mit der fast vollständigen Vertreibung der Deutschen aus dem östlichen und mittleren Europa - aber nicht nur der Deutschen. Betroffen waren die Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße mit rund 9 Millionen Menschen, aus der Tschechoslowakei mit rund 3,2 Millionen, aus Ungarn mit 200 000, aus Jugoslawien mit 350 000. 1,5 Millionen Polen verloren ihre Heimat in der Kresy und wurden mit über drei Millionen Menschen aus Zentralpolen in den neuen Westgebieten angesiedelt. Eine zweite Welle von Deportationen suchte die baltischen Republiken heim, Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion wurden in den neuen Gebieten - vor allem in Ostpreußen, Galizien und Bessarabien - angesiedelt.
Fast überall in Südosteuropa kam es zu "kleineren vertragsmäßigen Umsiedlungen" und Austreibungen, so von Türken aus Bulgarien (100 000), Italienern aus Istrien (140 000), Ungarn aus der Slowakei und Jugoslawien, Tschechen aus der Karpatho-Ukraine. Ein neues Blatt ist im früheren Jugoslawien aufgeschlagen worden: Seit 1991 sind mehrere Millionen Menschen geflüchtet oder vertrieben worden.
- Datum 21.11.2007 - 11:59 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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