Als W. G. Sebald in seinen Zürcher Poetikvorlesungen 1997 über Luftkrieg und Literatur sprach, da konnte er nicht ahnen, daß die (stark gekürzte, erweiterte, veränderte) Buchfassung seiner Fragen und Thesen in einem Augenblick publiziert wird, der sein Thema wieder ins Rampenlicht rückt - scheinbar. Denn erleben wir nicht wieder einen Luftkrieg in Europa - den ersten seit über einem halben Jahrhundert? Und mischen sich nicht - wenn schon nicht die Literatur - so doch die Literaten heftig ein, jedenfalls die jederzeit auftritts- und meinungsfreudigen?

Doch schon der erste Blick in Sebalds Buch zeigt - Gott sei Dank -, daß der von ihm gemeinte Luftkrieg, der gegen Deutschlands Städte und Zivilbevölkerung von 1942 bis 1945, mit dem serbischen kaum mehr als den Namen gemeinsam hat, ja daß dieser verbissen versucht, das perfekte Gegenmodell zu jenem darzustellen. Denn damals ging es laut Kampfauftrag der Royal Air Force tatsächlich darum, Wohnstätten und Menschen zu zerstören, letztere physisch oder mindestens moralisch, und auch erkämpft mußte diese Vernichtung werden (anders als die vorerst verlustlosen Einsätze der Nato): Die Angreifer verloren über die Hälfte ihrer Bomberbesatzungen.

Oh, what a bloody, dirty war - soll man ihn etwa, verglichen mit der technischen Kälte "chirurgischer" Luftschläge, für noch etwas menschlicher halten? Auch weil ja in dieser Abteilung des Zweiter Weltkrieg genannten gigantischen Schlachthauses "nur" etwa 600 000 wehrlose Zivilpersonen zu Tode gebracht wurden? Doch Sebald denkt keinen Moment daran, sich in solche Relativitätsspekulationen zu verlieren, Millionen Tote gegen Hunderttausende aufzurechnen oder gar Auschwitz gegen Dresden oder Hamburg. Er stellt nur lapidar fest, daß auch dieser Bombenterror eine "in der Geschichte bis dahin einzigartige Vernichtungsaktion" war und daß - für ihn der eigentliche Skandal - sie unter den Opfern kaum eine "Schmerzensspur" hinterlassen hat, weder im nationalen noch im diffusen kollektiven Bewußtsein, noch in der zu Zeugenschaft berufenen Literatur. Wie hilflos und stereotyp die einzelnen Überlebenden davon reden oder stammeln oder gar plaudern, nachdem sie über Jahrzehnte betroffen geschwiegen oder beflissen verdrängt haben, das weiß jeder Fernsehzuschauer der letzten Jahre.

Hier also wird der Finger auf eine Wunde gelegt, die gar keine sein sollte, die nicht zu schmerzen wagte, die sich selbst ihrer Narben schämt - von denen doch alle deutschen Städte entstellt sind. Ratlos, befremdet in Wut und Trauer, fragt Sebald nach den Gründen dieser ungeheuerlichen "Selbstanästhesierung". Doch er hätte dazu wohl weiter ausholen können und sollen, nämlich überlegen, warum ins deutsche Geschichts- und Schuldbewußtsein vom "Dritten Reich" in seiner mörderischen Endphase nur drei Menetekel scharf eingezeichnet sind: "Stalingrad", "20. Juli" (samt Weißer Rose, Roter Kapelle et cetera) und, alle anderen nahezu auslöschend, "Auschwitz". Die stete Erinnerung an diese schon mythisch festgeschriebenen Ereignisse, das wird dann auf einen Blick klar, war produktiv, war verwertbar und auch instrumentalisierbar für die sogenannte Bewältigung einer traumatischen Vergangenheit.

Nicht also das Trauma des Luftkriegs, diese "von Millionen gemachte Erfahrung einer nationalen Erniedrigung sondergleichen", die nur störte und verstörte. Schon im Krieg selbst, als man sich zu retten suchte mit "hysterischem Lebenswillen und schwerer Apathie", und erst recht nachher, als die Menschen sich durch die in Trümmer oder einen Naturzustand zurückgebombten "Städte" mit einem blinden Gleichmut bewegten, der ausländische Beobachter immer neu entsetzte. Die sahen hin und schrieben, die Eingeborenen sahen weg und schwiegen.

Tastend, vermutend, verwerfend spekuliert sich Sebald durch die möglichen Gründe für diese dumpfe und skandalöse Bewußtlosigkeit. Scham? Weil sich eine Nation der Täter plötzlich wehrlos in der Opferrolle sieht, das aber nicht klagend und anklagend auszusprechen wagt? Wiederaufbauwille, ein besessener Blick nur in die Zukunft, der eine "Liquidierung der eigenen Vorgeschichte" braucht, die nationale "Depression" angesichts der eigenen "materiellen und moralischen Vernichtung" verleugnen, verdrängen muß? "Trotz" gegenüber den Siegern, die ja schon bald Bündnisgenossen werden? So daß sich ein deutsches Hiroshima-Pathos verbieten mußte und nur die DDR sich mahnende Dresden-Gedenktage leistete, wohlfeil instrumentalisiert gegen den Westen?