Das Genie Svevo

Mein Jahrhundertbuch (19): Claudio Magris über Ettore Schmitz, der sich Italo Svevo nannte

Im Stadtgarten von Triest stehen einige Büsten, die illustren Bürgern gewidmet sind. Nicht weit von Joyce, mit Hut und Zwicker, und von Saba findet sich auch Svevo. Doch vor einiger Zeit fehlte dieser Büste ein paar Monate lang der Kopf; nur noch der Zapfen war da, der ihn hätte halten sollen und der aussah wie ein winziger Hals auf einem kopflosen Torso. Natürlich haben die zuständigen Behörden schleunigst dafür gesorgt, dieser kuriosen Verstümmelung abzuhelfen und den Besuchern wie den auf den Parkwegen Fangen spielenden Kindern Italo Svevo, Zierde der Triester und der Weltliteratur, wieder mit Kopf darzubieten. Aber man kann schlechterdings nicht umhin, den Genius des Zufalls zu bewundern, der unter so vielen Möglichkeiten nicht den Kopf irgendeines obskuren Literaten oder edlen Patrioten verschwinden ließ, sondern ausgerechnet den Svevos, des großen ironischen Erzählers, der behauptet hatte, die Abwesenheit sei sein Schicksal.

Der fehlende Kopf scheint sich in die Reihe der vielen Mißverständnisse, Fiaskos und Niederlagen einzufügen, mit denen die Existenz Svevos übersät ist, die Existenz jenes Schriftstellers, der die Fragwürdigkeit und die Leere des Lebens bis auf den Grund erforscht und dabei entdeckt hat, daß die Dinge nicht in Ordnung sind, und der trotzdem so weiterlebte, als wären sie es; der das Chaos enthüllte und so tat, als hätte er es nicht gesehen; der begriff, wie wenig begehrens- und liebenswert das Leben ist, und dennoch lernte - und lehrte -, es intensiv zu begehren und zu lieben.

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Der Triester Jude Ettore (Aron Hector) Schmitz hatte das Pseudonym Italo Svevo angenommen, um auf seine doppelte Seele anzuspielen, die auch die zweifache, die vielfache Seele des habsburgischen und mitteleuropäischen Triests war: kosmopolitisch-merkantil und italienisch-irredentistisch, bürgerliche Stadt, karg an Kultur, und meteorologische Station des Unbehagens in der Kultur, Gebärerin einer außergewöhnlichen Literatur, in der sie ihre einzig mögliche, auf andere Weise nicht aufzuspürende Identität finden sollte. Mit der unsterblichen Figur Zenos hatte Svevo eine trügerische und irreführende Gegenfigur seiner selbst geschaffen; als später die, vor allem in Frankreich, begeisterten Kritiker sein Porträt skizzieren, wird er, mit ungläubigem Staunen, versuchen, sein Bild diesem Porträt anzupassen und ihm so ähnlich wie möglich zu werden, wobei er eine Menge Eigenschaften entdeckt, von denen er gar nicht wußte, daß er sie besaß.

Er betrieb die Literatur wie ein geheimes Laster

Als Zeno Cosini 1923 herauskommt, scheinen die beiden ersten Romane Svevos, Ein Leben (1892) und Ein Mann wird älter (1898) - große Gleichnisse der existentiellen Müdigkeit und jener der bürgerlichen Kultur innewohnenden ambivalenten Mischung von Krankheit und Vitalität -, vergessen. Viele Jahre lang hatte Svevo die Literatur wie ein geheimes Laster betrieben, eine Gymnastik, um sich auf das Nichts einzuüben und ihm Schimmer und Bruchstücke von Wahrheit zu entreißen. In Zeno Cosini werden das Unbehagen und die Lebensuntauglichkeit, die die Protagonisten der vorangegangenen Romane untergehen ließen, zum Heilmittel, zu einer Überlebenslist, zu einer Waffe im Kampf des Lebens und der Triebe. Zeno verheddert sich in den Dingen und Leidenschaften, doch genial verwandelt er die Niederlage in eine Abwehr noch größerer Katastrophen.

Svevo hat begriffen, daß für den Menschen von heute die größte Bedrohung nicht darin besteht, nicht geliebt zu werden, sondern darin, nicht zu lieben; nicht im Mangel an Glück, sondern darin, nicht nach dem Glück trachten zu können. In einem kurz vor seinem Tod geschriebenen Fragment stellt sich Svevo einen Mephistopheles vor, perplex angesichts der Menschen, die zwar bereit sind, ihm ihre Seele zu verkaufen, aber nicht wissen, welche Gegengabe sie von ihm erbitten sollen. Indem er sich den Weg zu Adas Liebe versperrt und im Erlangen einer anderen Liebe sein eigenes Scheitern organisiert, schützt sich Zeno vor einer noch größeren Niederlage, nämlich der Entdeckung und Erfahrung, für die Liebe ungeeignet zu sein. Die Untauglichkeit - und jene endgültige Form von Untauglichkeit, wie das Alter sie darstellt - wird zur Ermächtigung, sich vom Leben auszuschließen, wie unausweichlich es auch immer sein mag, zu einer Ermächtigung, die erlaubt, sich aus der Unbarmherzigkeit der Existenz zurückzuziehen und das Spiel daran zu genießen. Wenn das Leben, wie Svevo sagt, eine Krankheit der Materie ist, dann erscheint das Alter als das authentischste Bild dieser Krankheit; es ist eine Korrektur des Lebens - wie das Schreiben, das das Leben nachschreibt, es verwandelt und einstweilen auf Distanz hält.

In der Romanfiktion schreibt Zeno Cosini seine Autobiographie zu therapeutischen Zwecken, für seinen Psychoanalytiker. Im Roman existieren drei imaginäre Manuskripte: Zenos Autobiographie, das Vorwort des Therapeuten - der diese, mit einem eines Analytikers wenig würdigen Lapsus, als Lügen abtut und damit ins Netz geht - und den Kommentar, mit dem Zeno selbst seine Memoiren begleitet. Die therapeutische Autobiographie, die Klarheit und Heilung bringen soll, wirft die Karten durcheinander und verwirrt das Bewußtsein. "Ich erinnere mich an alles, aber ich verstehe nichts", sagt Zeno. Die Psychoanalyse wird ironisiert und löst sich auf wie Rauch; sie findet keine Gründe oder Ursachen, sondern trägt zur Unordnung des Lebens bei, zu seiner Unregelmäßigkeit, die nicht einer, sondern vielen unterschiedlichen Logiken gehorcht, welche einander überlagern und sich gegenseitig widersprechen. Zeno wird geheilt, aber er weiß nicht, wovon; er ist ein "eingebildeter Gesunder".

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