Grundschule des Abschieds
Claudio Magris und seine Welt "en gros und en détail"
Der Melancholiker sucht seine Themen nicht; sie suchen ihn heim. Seine größte persönliche Leistung ist die, dennoch über sich hinauszugehen, die Welt in Erfahrung zu bringen - um dann, in einer durch Reflexionen verlangsamten, gebogenen Bewegung wieder bei seinem vergrübelten Ich anzukommen, vor einem Blatt Papier an einem Tisch. Zweimal ist der Autor Claudio Magris in seinem neuen Buch über sich selbst hinausgewachsen: Er hat, wieder einmal, eine Welt in Erfahrung gebracht - und er hat am Cafétisch begonnen, kommt aber, nach einer langen Reise, in einer Triester Kirche an. Daß er auch das am Kaffeehaustisch beschreibt, ist selbstverständlich.
Sein 1997 in Italien erschienenes Buch Die Welt en gros und en détail , für das er den Premio Strega, den wichtigsten italienischen Literaturpreis, erhielt, ist ein ebenso merkwürdiges wie ehrgeiziges Unternehmen. Merkwürdig, weil es zwischen diversen Genres oszilliert - ein bißchen Autobiographie, dazwischen Heimatkunde, Geschichtsessay, Anekdotisches, durchsetzt mit lebensphilosophischen Bemerkungen. Ehrgeizig, weil Die Welt en gros und en détail ein höchst egozentrisches Unterfangen darstellt und den Anspruch erhebt, daß all das, was Claudio Magris in Erfahrung und Sprache gebracht hat, die Leser interessieren möge - aus keinem anderen Grund als dem, daß Claudio Magris es beschreibt. Sein Buch gibt auf keine Frage eine Antwort, es erfüllt keinerlei Notwendigkeit, es muß sich ganz aus sich selbst behaupten. Darin ist es der Lyrik ähnlicher als früheren Büchern von ihm - über das Ostjudentum, den habsburgischen Mythos in der österreichischen Literatur, die Donau; es ist auf der Welt, ohne eine Lücke zu schließen. Wenn es denn eine gab, dann weiß man das erst nach der Lektüre.
Triest ist eine Hafenstadt, und die lebendige Unordnung, die soziale Offenheit, die solchen Orten eigen ist, prägen auch das Café, das eher an Wien denken läßt als an das Meer und dessen Fenster auf Häuser im Gründerzeitstil sehen. Alte Kapitäne sitzen hier, Studenten, die für das Examen lernen, in Konzentration versunkene Schachspieler, Versicherungsagenten, stumme Zeitungleser, Touristen, ältere Damen im Pelz. Ein gemischter Chor von Stimmen, grundiert vom harten Geräusch der Kaffeemaschinen, füllt die hohen Räume. ",Im Grunde war ich in sie verliebt, aber sie gefiel mir nicht, wogegen ich ihr gefiel, aber sie nicht in mich verliebt war'", sagt der Herr Palich, aus Lussin gebürtig, einen qualvollen Eheroman zusammenfassend."
Reden über Geschäfte, die Familie, Krankheiten, Liebe, Vergangenheit. Das anwesende Immer-noch, Porträts von Schriftstellern an den Wänden, die hier ihr Leben zubrachten, läßt Claudio Magris von Triester Autoren erzählen, die in Deutschland nur schwach, wenn überhaupt bekannt sind: Giuseppe Fano, der für zahllose jüdische Verfolgte die Ausreise nach Palästina ermöglichte, "unter Aufopferung seiner selbst und dabei dennoch bestrebt, wann immer er konnte, im Bett zu liegen, das Scheitelkäppchen auf dem Kopf, um seine Kräfte zu schonen und ein hohes Alter zu erreichen"; Juan Octavio Prenz, italienischer Professor und spanisch schreibender Romancier; natürlich der Lyriker Umberto Saba. Giorgio Voghera sitzt an seinem üblichen Tisch, "nachweislich der Protagonist und vermutlich auch der Autor des Romans Das Geheimnis , befremdliches und bezauberndes Meisterwerk, erbarmungslose und quälende Geometrie des Verzichts, ein Buch, das, gegen das Leben geschrieben, dessen ganze Verführung aufleuchten läßt".
Es ist dieser Giorgio Voghera, den Magris mit einem Satz zitiert, der wie ein Motto für sein Buch geschaffen scheint: "Macht Kompromisse, so viel ihr wollt, aber laßt euch um Himmels willen auf keine Synthese ein!" Ob Magris in diesem Buch Kompromisse gemacht hat - vielleicht im Umfang, vielleicht im Verzicht auf noch eine Geschichte, noch eine historische Reminiszenz, noch eine beiläufige Aufklärung über das eine oder andere - kann man nur ahnen. Der Synthese aber hat er widerstanden.
Und das ist des Lesers Glück. Das Leben ist der Synthese unzugänglich, und Magris hat nichts Geringeres versucht - und nichts Geringeres ist ihm gelungen -, als etwas Lebendiges zu beschreiben: einen Teil seiner Welt, en gros, aber doch mehr noch en détail. Er entschied sich für die Verwobenheit, das Nichthierarchische, das selbstverständlich Endlose, das Erfahrung darstellt: ein Gespinst aus Erzähltem und Erlebtem, aus Wissen, Anschauung, Erinnerung und Wahrnehmung der Sinne. Er bereist die Provinzen seiner Heimat und seiner Biographie - das Dorf Manisio, aus dem sein Großvater kam, die Lagunenlandschaft vor Grado, ein slowenisches Waldmassiv am Ufer des Sneznik, das sich bis nach Kroatien zieht, die Landschaft Collina bei Turin, die Inseln der Adria und deren Küste, das Dorf Antholz in Tirol - und sammelt Geschichten ein; die von Fremden, die ihm begegnen, die von Verwandten und Freunden, schließlich aber auch Partikel seiner eigenen Geschichte, sofern man dazu nicht nur die Handlungen zählt, die einer vornimmt, sondern auch das, was er denkt, weiß und fühlt.
Magris erzählt von Liebschaften zwischen verfeindeten Dörfern, von in Rußland gefallenen Söhnen, von einem großen Jahresfest zur Maisernte, von einer dreißig Jahre währenden Scheinverlobung, die einer unschönen und "nicht vermittelbaren" Frau Würde und Lebensmut gab und so, gütiges Paradox des Fiktiven, Dämmer und Unglück verhinderte. Die Jahreszeiten der Natur und die des Lebens, Mahlzeiten und Rituale werden beschrieben, bizarre Begegnungen von Untertanen mit immer neuen Reichen, Regierungen und Parteien. Die in jedem Sommer wiederkehrende Vermutung der Bewohner der Insel Rab, ehemals Arbe, in einem der Touristen einen Schergen des ehemaligen Konzentrationslagers wiederzuerkennen, das von den Italienern unter deutscher Aufsicht in einer nahen Bucht eingerichtet worden war: Die Personen wechseln, aber der Verdacht wird bleiben, solange die Kinder der Opfer oder deren Witwen noch leben.
- Datum 06.05.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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