Börsenweisheit
Warum Anleger das Tiefgründige im Trivialen suchen sollten
Es soll ja Menschen geben, die bei Büchern zuerst den letzten Satz lesen. Diese Zeitgenossen werden bei Friedhelm Busch wenig Freude haben. "Information gleich Ruination" ist in seinem Börsenbrevier als letzter Ratschlag zu lesen. Damit endet das Buch und läßt den Leser verstört zurück.
"Information gleich Ruination" hätte auch als Titel für dieses Buch herhalten können. Aber Betriebswirt Busch hat es sich zum Ziel gesetzt, in seinem 295 Seiten starken Werk Börsenweisheiten beim Wort zu nehmen. So mußte es denn auch eine Börsenweisheit als Titel sein: "Greife nie in ein fallendes Messer". Was die Hausfrau als kleines Kücheneinmaleins bezeichnen würde, hat Friedhelm Busch im Oktobercrash des Jahres 1987 mühsam lernen müssen. ",Greife nie in ein fallendes Messer', war der Rat meiner Freunde aus New York", schreibt Busch, der dramatisch schildert, wie der Zinskrieg zwischen der Bundesbank und dem damaligen US-Finanzminister Baker 1987 weltweit die Börsen erschütterte. Und den Buchautor gleich mit. Denn der stand mittendrin, leitete - damals noch beim Sender Sat.1 - die börsentägliche Fernsehsendung Telebörse und reportierte den tiefen Fall des Dax. Das ist lange her, aber immer noch gut genug, um dem Leser den tieferen Sinn plump anmutender Börsenweisheiten näherzubringen.
Platon hat die Weisheit einst als Kardinaltugend bezeichnet, und schon in der Bibel steht geschrieben: "Die Weisheit baute ihr Haus und hieb sieben Säulen." Busch setzt noch drei dazu und nimmt insgesamt zehn Börsenweisheiten als jeweilige Kapitelüberschriften ("Politische Börsen haben kurze Beine", "Keine Chance ohne Risiko", "Kaufen, wenn die Kanonen donnern", "Angst ist ein schlechter Ratgeber", "Die Börse ist eine Einbahnstraße", "Der Aktionär ist dumm und frech", "Gewinne laufen lassen", "Haussen sterben in Euphorie", "An der Börse braucht man einen langen Atem"). Derlei Weisheiten dürfte Platon nicht im Sinn gehabt haben, aber der hauptamtliche n-tv-Moderator und Börsen-Busch rechtfertigt sich gleich in seiner Einführung: "... lange Gespräche mit erfahrenen Börsianern haben mich gelehrt, daß in der Banalität einer alten Börsianerregel oft mehr Weisheit steckt als in mancher noch so modisch geputzten quantitativen Analyse."
Busch, den das Nachrichtenmagazin Spiegel einst als die "Schalke-Nordkurve der deutschen Hochfinanz" bezeichnete, reiht Börsenweisheit an Börsenweisheit. Er, der mit seinem grauen Zauselbart, den grobkarierten Sakkos und Falten auf der kahlen Stirn vor der Kamera beinahe so vertrauenswürdig wirkt wie Onkel Dittmeyer (Valensina), verkauft jeden seiner Ratschläge hübsch verpackt in ein historisches Ereignis. Das alles ist gut zu lesen. Er hangelt sich von den Zusammenbrüchen der Aktienmärkte 1987 und 1989 über den Irak-Krieg, den Gorbatschow-Putsch 1991 bis zum Debakel der Hedge-Funds im Oktober des Vorjahres.
Allerdings dürfte zumindest der Buchhändler vor dem Problem stehen, in welche Sparte dieses Werk einzuordnen ist. Für einen echten Ratgeber ist es zu wenig sachorientiert, für eine Biographie über das bewegte Leben des Autors allzu lückenhaft.
Steht Busch bei n-tv vor der Kamera, hat der promovierte Börsenplauderer im Schnitt fast eine halbe Million Zuschauer. Die einen lieben seine launigen Reden vom Dax, der bei ihm wahlweise Schwielen auf der Seele hat oder gerade in die Grütze geht. Andere finden seine populär-plakativen Sprüche schlicht unerträglich.
Seine Fans jedenfalls werden von seinem ersten Buch enttäuscht, seine Kritiker angenehm überrascht sein. Allzu flott kommt das Buch nicht daher, auch wenn einige Passagen den Leser an die maritimen Abenteuer des Grafen Luckner erinnern: "Die Daimler-Aktie säuft ab. Wie von einem Torpedo getroffen, geht das Flaggschiff der deutschen Börse unter." Bei den Schilderungen der Dax-Historie verfällt Busch gelegentlich in den Ich-war-dabei-Duktus eines Börsenveteranen. Andererseits liefert er seitenweise interessante Hintergründe und Analysen.
- Datum 06.05.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19/1999
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