Die Menschen sind durch Beziehungen so eng vernetzt, daß praktisch jeder jeden kennt: Über maximal sechs Zwischenstationen. Wer verbindet einen Berliner Falafelverkäufer mit seinem Helden Marlon Brando? Ein Experiment

Wenn alles gutgeht, wird Marlon Brando in ungefähr sechs Wochen einen Anruf bekommen. Am anderen Ende der Leitung wird jemand sein, der ihn gut kennt - jedenfalls so gut, daß er seine Telefonnummer weiß. Dieser Freund wird Marlon Brando vielleicht erzählen, daß es in Deutschland diese Wochenzeitung gibt, »called DIE ZEIT«, und in Berlin einen Falafelverkäufer, der glaubt, daß Marlon so ungefähr der beste Schauspieler der Welt ist. Wahrscheinlich wird Brando dann fragen, was das alles soll. Dann wird dieser Freund ihm einiges erklären müssen.

Das »Leben« wird in den nächsten Wochen versuchen, eine solche Menschenkette zu bilden. Unsere Ausgangsperson heißt Salah ben Ghaly, von dem einige Mitglieder der »Leben«-Redaktion glauben, daß der die beste Falafel der Welt macht. Wir haben ihn beim Mittagessen kennengelernt: hinter dem Tresen von Dada-Falafel, einem kleinen, weißgekachelten Imbiß in Berlin Mitte, in dem es Ziegenkäseröllchen und Hühnchen in Granatapfelsoße gibt. Im Hintergrund läuft Jazz, und die Kunden haben diesen gläsernen Blick, als hätte man ihnen Süchtigmacher ins Essen gemischt. Salah fand an unserem Vorschlag nichts merkwürdig: »Kein Problem, kommt morgen wieder.« Bis dahin wollte er sich überlegen, wer am Ende der Kette stehen soll.

Eigentlich ist Salah ben Ghaly Theaterregisseur: Er hat an der Kunstakademie in Bagdad studiert und arbeitet seit 1985 in Deutschland als Schauspieler und Regisseur. Als Zielperson hat er sich deshalb jemanden ausgesucht, den er für den besten Schauspieler überhaupt hält: Marlon Brando. Was ihn an Brando interessiert? »Seine Schüchternheit, seine Brutalität, sein Bewußtsein, sein Stolz.« Warum Brando sein Idol ist? »Er spielt sich selbst, und das ist wahnsinnig schwer. Er zeigt sich ganz nackt und schön in seinem Schauspiel - die meisten anderen zeigen sich mit Hemd und Hose.« Natürlich kennt Salah ben Ghaly den zurückgezogenen Superstar nicht, und er hat auch keine Kontakte zur amerikanischen Filmindustrie - jedenfalls keine direkten. Wenn die Theorie von der kleinen Welt stimmt, dann sollten zwischen ihm und seinem Idol nicht mehr als sechs Freunde stehen.

Marlon Brando scheint uns übrigens ein guter Kandidat für unser Spiel zu sein. Den Oscar lehnte er unter anderem wegen der Diskriminierung der Indianer in der Filmindustrie ab, Rassismus in Amerika ist ein Thema, das er oft angeprangert hat: Brando hat sich immer geweigert, die Welt so zu betrachten, als hätte sie nichts mit ihm zu tun.

Nächste Woche:

Wir nähern uns Marlon Brando, indem wir nach Kalifornien weiterfliegen. Dort lebt ein Freund, den Salah ben Ghaly noch aus seiner Studentenzeit kennt. Er ist Architekt und hat Salah kennengelernt, als dieser in Bagdad Theater spielte.