Jean-Jacques Rousseau und David Hume besuchten im März 1766 ihren Freund Daniel Malthus in der englischen Grafschaft Surrey, um ihn zur Geburt seines Sohnes Thomas Robert zu beglückwünschen. Wie die Mehrheit ihrer Zeitgenossen glaubten auch die beiden großen Aufklärer, daß eine wachsende Bevölkerung gut sei für die Entwicklung eines Landes: Mehr Hände und Köpfe leisten mehr - in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und auch im Krieg.

Der erwachsene Thomas Robert Malthus (1766-1834) erteilte diesem Credo eine entschiedene Absage: Immer mehr Mäuler stopfen zu müssen bedeute eine erhebliche Belastung für die Gesellschaft. In seinem 1798 veröffentlichten Essay on the Principle of Population - in deutscher Übertragung: Das Bevölkerungsgesetz - stellte er die These auf, daß Bevölkerungsentwicklung und Nahrungsmittelproduktion naturgesetzlich auseinanderklafften. Während sich die landwirtschaftliche Produktion nur linear erhöhen lasse, verdoppele sich die Bevölkerungszahl in nur 25 Jahren.

Malthus, der nach seinem Studium in Cam-bridge Geistlicher geworden war, meinte, eine göttliche Gesetzmäßigkeit entdeckt zu haben. In ewigem Wechsel fordere die Natur ihr Recht. Eine verarmte und geschwächte Bevölkerung werde durch Seuchen und Hungersnöte reduziert, bis ihr erneut ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung stünden. Kaum geht es den Menschen jedoch besser, führt ihr Fortpflanzungstrieb wieder zu einem Geburtenüberschuß, und der Zyklus beginnt von neuem.

Einen Ausweg aus dieser "Bevölkerungsfalle" sah Malthus in seinem ersten Essay nicht. Er teilte nicht die Fortschrittsbegeisterung der Aufklärer und glaubte auch nicht wie Adam Smith an die Segnungen des freien Marktes. Malthus' Thesen provozierten. Ihm wurde unterstellt, er wolle den Armen das Heiraten untersagen und begrüße Pest und Pocken als willkommene Entlastung für die (überlebende) Bevölkerung - laissez mourir statt laissez faire.

Weniger eine Kritik als eine Erklärung für den heftigen Streit um die Malthusschen Ideen lieferte sein Freund und wissenschaftlicher Rivale David Ricardo. Malthus, schrieb Ricardo, "gab den Reichen eine sehr erfreuliche Formel, die Mißgeschicke der Armen zu ertragen". Später sah auch Karl Marx in Malthus einen Interessenvertreter der herrschenden Klasse. Das Bevölkerungsprinzip, schrieb Marx, "wurde jubelnd begrüßt von der englischen Oligarchie als der große Austilger aller Gelüste nach menschlicher Fortentwicklung". Für John Maynard Keynes hingegen war Malthus der größte Ökonom der Klassiker, weil er die Anfälligkeit der Nachfrageseite entlarvte: "Wenn nur Malthus anstelle von Ricardo der Hauptstamm gewesen wäre, von dem sich die Ökonomie des 19. Jahrhunderts entwickelt hätte, um wieviel weiser und reicher wäre die Welt heute!"

Daß sich seine Prognosen Generationen später in den entwickelten Volkswirtschaften als falsch erweisen sollten, hätte Malthus vermutlich erleichtert. Steigende Einkommen in den Industrieländern nach dem Zweiten Weltkrieg zogen sinkende Bevölkerungszahlen nach sich. Auch unterschätzte Malthus die Dynamik des technischen Fortschritts, der allein schon die Produktivität in der Landwirtschaft vervielfachte.

Für die meisten Entwicklungsländer aller-dings sind Malthus' Thesen weiter aktuell. Um einen Ausweg aus der Bevölkerungsfalle wird dort noch immer verzweifelt gerungen - und das mit den Instrumenten, die bereits Malthus empfohlen hatte: Empfängnisverhütung (mangels wirksamer Mittel hatte der Pastor Malthus für Enthaltsamkeit plädiert) und Bildung. Malthus hatte richtig erkannt, daß die Hebung des allgemeinen Bildungsstandes einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung der Geburtenrate leistet, und empfahl deshalb eine Bildungsoffensive für die unteren Schichten der Gesellschaft.