DIE ZEIT: Seit Anfang der neunziger Jahre treten Sie dafür ein, Menschenrechte notfalls auch mit militärischer Gewalt zu verteidigen. Sind Ihnen angesichts des Kosovo-Krieges Zweifel gekommen, ob eine militärische Intervention das geeignete Mittel ist, humanitäre Ziele zu erreichen?

DANIEL COHN-BENDIT: Ich habe Zweifel an der Art, wie die militärische Intervention angelegt wurde. Die Legitimität eines solchen Einsatzes ist die eine Frage, die Mittel, die man anwenden will, um sein Ziel zu erreichen, eine andere. Es gibt ein grundsätzliches Problem, wenn Demokratien in den Krieg ziehen. Sie können sich relativ leicht zu einem Selbstverteidigungskrieg entschließen, wenn sie angegriffen werden. Jetzt haben sie sich zu einer Intervention für die Menschenrechte durchgerungen. Aber die ethische Legitimität dieses Vorgehens beantwortet noch nicht die Frage, welchen Preis sie hierfür zu zahlen bereit sind. Die westlichen Gesellschaften wollen - das ist verständlich - den Preis so gering wie möglich halten. Das zeigt sich auch an der Kriegsführung der Nato gegen Serbien.

COHN-BENDIT: Es gibt auf jeden Fall eine humanitäre Dimension dieses Krieges: keine Opfer auf seiten derjenigen, die die Intervention beschlossen haben. Man hat sich auf einen technologischen Krieg geeinigt - mit hohem Risiko für viele und niedrigem Risiko für die Handelnden. Aber diese Kriegsführung hat nicht verhindern können, was man verhindern wollte, nämlich die massenhafte Vertreibung der Kosovaren. Deswegen bin ich verunsichert. Ich weiß nicht, ob die Art der Intervention sinnvoll ist.

ZEIT: Die Intervention war von Anfang an falsch konzipiert?

COHN-BENDIT: Die Intervention war ein Versuch, einzugreifen, ohne einzugreifen. Natürlich hätte man im letzten Oktober nicht nur 2000 OSZE-Beobachter in das Kosovo, sondern auch 50 000 Soldaten an die Grenzen entsenden können, verbunden mit der Drohung: Wenn die serbische Armee in das Kosovo einmarschiert, gehen wir auch hinein, um den Vertrag zwischen Holbrooke und Milocevic notfalls auch militärisch abzusichern. Es ist auch völlig unverständlich, daß man schon zu Beginn der Bombardierungen gesagt hat, der Einsatz von Bodentruppen sei völlig ausgeschlossen. Damit wurde Milocevic signalisiert, man sei allenfalls bereit, einen halben Krieg zu führen. Milocevic wußte, daß er die Probleme des Krieges in die Nato-Staaten zurückverlagern würde, wenn er nur lange genug standhalten würde. Das ist der Preis für das Konzept des halben Krieges.

ZEIT: Die Legitimität der Intervention war in der westlichen Öffentlichkeit anfangs kaum umstritten. Die Zweifel wuchsen erst, nachdem klar wurde, daß der Krieg länger dauert und die eingesetzten Mittel womöglich nicht ausreichen, ihn erfolgreich zu beenden.

COHN-BENDIT: Es war von Anfang an falsch, die Erwartung zu wecken, mit ein paar begrenzten Luftschlägen lasse sich Milocevic zum Einlenken zwingen wie seinerzeit in Dayton. Aber Dayton wurde nicht durch Luftschläge erzwungen, sondern in der Kombination aus Luftschlägen der Nato und der Bodenoffensive der kroatischen und der bosnischen Armee. Vor Dayton stand die militärische Niederlage. Dann erst hat Milocevic nachgegeben.