ZEIT: Wann kommt der Einsatz der Bodentruppen?

COHN-BENDIT: Ich bin nicht so pessimistisch im Hinblick auf eine Verhandlungslösung. Die Möglichkeiten einer UN-Resolution sind sehr viel konkreter geworden. Dennoch ist es falsch, den Einsatz von Bodentruppen prinzipiell auszuschließen. Man kann hohe Hürden für einen solchen Einsatz formulieren, aber ihn auszuschließen hieße, dem Gegner in die Hände zu arbeiten. Vielleicht sollte man jetzt, nach sechs Wochen, die Luftschläge aussetzen und gleichzeitig mit der Mobilisierung von Bodentruppen beginnen. Damit schafft man einerseits Raum für eine diplomatische Lösung, aber man installiert zugleich eine glaubwürdige Drohung für den Fall, daß es auch während der Feuerpause keine Verhandlungsfortschritte gibt.

COHN-BENDIT: Die deutsche Öffentlichkeit will generell keinen Einsatz von Bodentruppen. Ich glaube aber, daß wir alle über den technologischen Krieg, den Nintendo-Krieg, wie ich ihn nenne, nachdenken müssen. Die Intervention legitimiert sich durch das Ziel, die Rückkehr der Kosovaren durchzusetzen. Wenn man die Rückkehr und den Schutz nicht durch den jetzigen Ansatz - Luftschläge, politischer Druck und Verhandlungslösung - erreichen kann, dann stellt sich die Frage, welche anderen Mittel dazu geeignet sind.

ZEIT: Aber niemand kann mit Sicherheit sagen, ob sich die Kriegsziele mit Bodentruppen erzwingen lassen. Sicher ist lediglich, daß das Risiko wächst.

COHN-BENDIT: Ich bin kein fanatischer Anhänger von Bodentruppen. Doch wenn sich herausstellt, daß die bisherigen Mittel und die Diplomatie nicht ausreichen, wird man über diese Alternative nachdenken müssen. Das Argument, das die westliche Öffentlichkeit mehrheitlich überzeugen dürfte, lautet: Man darf Milocevic nicht gewinnen lassen.

ZEIT: Wie einig ist sich der Westen im Hinblick auf seine Strategie?

COHN-BENDIT: Die Europäer müssen Herr des diplomatischen Prozesses bleiben. Die Amerikaner haben eine andere Strategie: Sie können sich vorstellen, längere Zeit zu bombardieren und in der Zwischenzeit die UÇK zu bewaffnen. Sie wäre dann "unsere" Bodentruppe. Darin liegt eine wirkliche Gefahr. Wenn der Krieg ohne Ergebnis endet, dann wird man einen jahrelangen bewaffneten Befreiungskrieg erleben, mit Hunderttausenden Vertriebenen in Lagern und einer bewaffneten Guerilla.