DIE ZEIT: 50 Jahre Bundesrepublik waren auch 50 Jahre Frieden. Und jetzt sind wir Teilnehmer eines Krieges in Europa. Löst sich damit für Sie das Bild, das Sie von der Bundesrepublik hatten, auf? Oder liegt diese neue Rolle vielleicht in der Konsequenz dessen, was die Bundesrepublik geworden ist?

MARION GRÄFIN DÖNHOFF: Ich hätte mir nie vorgestellt, daß ich in meinem Leben noch einmal solche Bilder zu sehen bekomme, wie wir sie jeden Abend im Fernsehen haben. Jedenfalls nicht in Europa. Ich dachte, auf der nördlichen Halbkugel ist Krieg wirklich erledigt durch zwei Weltkriege und den Holocaust. Die Welt ist schon enorm anders geworden. Nicht nur durch den Krieg, aber auch durch den Krieg.

DÖNHOFF: Das wurde mir natürlich als eine böse Unmenschlichkeit angehängt. Aber heute frage ich mich wirklich, ist es nicht viel schlimmer geworden durch die Einmischung? Inzwischen habe ich das Gefühl, wahrscheinlich wie wir alle, beides ist schrecklich: nicht einmischen einerseits oder andererseits ein ganzes Land und seine Infrastruktur total kaputtzumachen.

ZEIT: Erinnern Sie die Bilder von Flucht und Vertreibung auf dem Balkan an das, was Sie selbst erlebt haben?

DÖNHOFF: Nein. Das war ganz anders. Wir wurden aus politischen Gründen vertrieben, nicht aus ethnischen. Wir wurden nicht systematisch verfolgt und beschossen, sondern da war dieser trostlose Zug von zwölf Millionen Flüchtlingen. Wir wußten nicht, was aus uns wird. Die Heimat hinter uns war weg, und vor uns war nichts. Im Kosovo dagegen werden die Leute zu Tausenden umgebracht und vertrieben, aber die Flüchtlinge hoffen natürlich, in ihre Heimat zurückkehren zu können.

ZEIT: Sie sind als Person sehr mit der Brandtschen Ostpolitik, mit Friedenspolitik in Europa verbunden. Haben Sie jetzt das Gefühl, Ihre Rechnung sei nicht aufgegangen?

DÖNHOFF: Ohne die aktive Ostpolitik, die auf Entspannung beruhte und nicht nur auf Rüstung, wäre es nie zur Wiedervereinigung gekommen - insofern bin ich zufrieden.