"Welch weiteren Zerreißproben sind Lehrer und Schüler ausgesetzt, wenn, wie hierzulande Praxis, die rigorose Abschiebung ganzer Familien als fortgesetzte ,ethnische Säuberung' alltäglich geworden ist?"

"Wie läßt sich Schülern das verfassungswidrige Verhalten der Großindustrie und der Banken als hinzunehmender Machtanspruch erklären?"

Tastend, wie in einem Gelände, dem Fallgruben nachgesagt werden, also mit gehörigem Bammel, wage ich mich in eine Provinz, die gelegentlich mit abschätzigem Nebengeräusch die "pädagogische" genannt wird. Es ist eine Provinz mit offenen, jedenfalls nicht sichtbaren Grenzen, in der sich jedermann glaubt ergehen zu können, um sie alsbald, kaum hat er seine Kritik an unübersichtlicher Wegeführung, fehlenden Warnschildern, zu streng begrenzten Revieren und zu wenigen Rastplätzen abgesondert, sichtlich erschöpft zu verlassen. So werde auch ich immer wieder versucht sein, mich dünnezumachen. Erlauben Sie mir deshalb bitte von Absatz zu Absatz Fluchtgebärden oder zumindest entlastende Ausflüchte, denn der sich hier in Position zu bringen erkühnt, versteht zuwenig von der landesweit betriebenen Curriculum-Forschung, von letzten und vorletzten Strukturplänen und von der Vielstimmigkeit didaktischer Lehre; emsig Angelesenes möchte ich Ihnen nicht zumuten.

Wer von Berufs wegen, das heißt aus Neigung und jeglicher Enttäuschung zum Trotz, die pädagogische Provinz als hier bloß geduldeter, dort anerkannter Gesamtschullehrer besiedelt hat, wird sich vorerst mit meinem Laienbekenntnis begnügen müssen: Ja, ich bin für die Gesamtschule. Seit den sechziger Jahren - damals dem Reformeifer des Berliner Schulsenators Carl-Heinz Evers verbunden - spreche ich mich zu ihren Gunsten aus. Von ihr war das Aufbrechen des starren Fachwissens zu erwarten, zugleich die Abschaffung der Zensuren. Seitdem ist, der Theorie nach, auf richtigem Weg manches mißglückt und auf krummen Nebenwegen viel gelungen. Und ich bin zu der Einsicht gekommen, daß heute, inmitten der neuen sozialen Eiszeit, einzig die Gesamtschule in der Lage sein könnte, die schlimmsten Auswirkungen wiederum spürbarer Klassenunterschiede, nein, nicht zu verhindern, wohl aber zu mildern.

Eine, zugegeben, dürftige Einsicht. Die Gesamtschule als sozialer Ausputzer. Mehr nicht? Um verständlicher zu werden, will ich versuchen, meinen vorerst schmalen Befund aus eigener Schulerfahrung anzureichern. Allerdings war meine Schulzeit kriegsbedingt kurz bemessen. Nach vier Jahren Volksschule und fünf Jahren Realgymnasium kleidete mich, wie viele meines Jahrgangs, die Uniform der Luftwaffenhelfer. Als 15jähriger, mit meinem Latein so oder so am Ende, lernte ich in der Funktion des K 6 vor allem das Bedienen der Zünderrichtmaschine bei einem 8,8-Flakgeschütz. Mein Lehrer hieß Krieg. Die Schule war aus.

Ich habe das damals kaum bedauert, denn als extrem einseitig interessierter Schüler - Deutsch, Geschichte und Fächer, die dazumal Erdkunde und Zeichnen hießen - hatte ich auf wechselnden Oberschulen einen schweren Stand. Ich blieb in der Quarta sitzen und war, was Mathematik und Chemie oder Englisch und Latein betraf, ohne familiären Rückhalt, mithin ganz auf mich, was heißen soll, auf die Willens- und Unwillensakte früh ausgeprägter Egozentrik angewiesen. Zwar haben sich die Eltern krummgelegt, um meiner Schwester und mir, die wir es einmal "besser haben sollten", den Sprung von der Volksschule auf die Oberschule zu ermöglichen, sie haben dafür sogar während Danzigs Freistaatzeit Schulgeld zahlen müssen, aber die den anderen, zumeist aus dem gehobenen Mittelstand kommenden Schülern gewährte elterliche Beihilfe bei den Hausarbeiten war ihnen nicht möglich, desgleichen keine teuren Nachhilfestunden. Bei anhaltender Schieflage stand ich permanent auf der Kippe. Der Eins in Deutsch stand die Fünf in Mathematik gegenüber. Die Eins in Zeichnen konnte die stets drohende Fünf in Latein nicht aufwiegen. Gerade noch schaffte es die Zwei in Geschichte und Erdkunde, die Vier in Englisch zu relativieren. Mein Scheitern, was die Oberschule betraf, war angezeigt, wenn nicht vorgegeben; so - und nur so gesehen - wurde ich in kriegsbestimmter Zeit rechtzeitig Luftwaffenhelfer.

Wäre es mir als Schüler in einer Gesamtschule, hätte es sie damals gegeben, besser ergangen? Diese Frage - ich weiß - mag müßig anmuten. Dennoch habe ich sie mir gelegentlich gestellt. Und gewiß haben meine so leidvollen wie kurzfristigen Schulerfahrungen dazu beigetragen, mein grundsätzliches Plädoyer für das Modell Gesamtschule, das heißt für eine sozial gerechte Förderung der Chancengleichheit im Bildungssystem, zu stärken. In heutiger Zeit ist diese Funktion und Möglichkeit der Gesamtschule ausgeweitet, weil ihre auf Solidarität bauende Gliederung einer Vielzahl von Schülern ausländischer Herkunft weiterführende Bildungswege eröffnet: Niemand, der lernend "nicht mitkommt", fällt ins Bodenlose, niemand wird ausgegrenzt.