Ihren Brecht hat sie nie gelesen. Doch der Armen Schlechtigkeit, der Armen Armut kennt sie trotzdem. Sie kennt die Kichererbsenpampe und den Kampf um die Suppenknochen, den Zichorienkaffee und das zuckersüße Lächeln der Wendehälse, den Nachkriegswinter ohne Kohle, als es bloß im Kino warm war. "Aber wir konnten nicht hin, weil am Ende des Films das Cara al Sol ertönte und es deinen Vater anwiderte, mit ausgestrecktem Arm aufstehen zu müssen": kurz, sie kennt das zerrissene Spanien nach dem Bürgerkrieg.

Und wir kennen sie: Ana, die alte Frau aus dem valenzianischen Provinznest Bovra, die ihrem Sohn vom Leben in Zeiten der Diktatur erzählt, kann nur ein Geschöpf des Romanciers Rafael Chirbes sein. Nur er hat in den Neunzigern diesen knappen Stil, diesen reichen Ton und diese trostlosen Gestalten geschaffen, um die franquistische Vergangenheit aus der allzu bequemen Versenkung zu holen, während Spanien, auf der Suche nach den Segnungen des PSOE-Sozialismus, der Marktwirtschaft und der EU, ganz woandershin schaute.

Ana könnte die Schwester jenes Eisenbahners aus Bovra sein, der in Chirbes' fünftem Roman Der lange Marsch (dt. 1998) wie alle anderen Exrepublikaner scheitert. Und eigentlich ist sie das auch: Vier Romane lang, seit seinem Erstling von 1988, beschränkte sich der vor 50 Jahren bei Valencia geborene Autor auf Einzelperspektiven, bevor er sich in seinem auch hierzulande gefeierten Opus magnum an ein Gesellschaftspanorama von der Nachkriegszeit bis in die Siebziger wagte, das verwirrend vielen Figuren eine Stimme leiht. Aber die Bekenntnisse des Koofmichs Carlos in Der Schuß des Jägers (dt. 1996) oder eben die Erinnerungen der Verliererin Ana, nun auf deutsch unter dem Titel Die schöne Schrift erschienen, sind keine bloßen Fingerübungen für die spätere große Tour d'horizon.

Denn auch die kleine Tour d'horizon des jetzt übersetzten 140seitigen Büchleins, die von der Bettkante bis zum Gemüsebeet der Oma reicht, schließt alles ein: den Krieg, den Franquismus und sogar die transición, den Übergang zur Demokratie. All dies hat Ana überstanden, sitzt nun allein in ihrem verfallenden Haus, aus dem sie nicht ausziehen will, und redet von ihren "Schatten". Den Schatten der Toten, den Schatten der Vergangenheit und den Schatten der Kleinlichkeit. "Die Abende vor der Haustür, die Spaziergänge über die Felder, Picknick am Strand und das Gelächter und die Tanzfeste, ,ojos verdes, verde como el trigo verde', die Haare im Garçon-Schnitt, der Matrosenkragen und die neuen Schuhe, mit halbhohem, breitem Absatz, à la Greta Garbo. Alles war kaputtgegangen." Alles war kaputtgegangen, als der Bürgerkrieg das Land spaltete, als Anas Angetrauter, Gerber in einer Schuhfabrik, zur Volksfront ging und die Angst kam. Sie würde nicht mehr gehen: Nach der Angst vor den Bomben herrscht die Angst vor der Willkür, vor den Folterungen und Erschießungen. Anas Mann kehrt zurück, stellt sich den Falangisten, wird verprügelt, bekommt keine Arbeit. "Wir hatten weder Mehl, noch Öl, noch Zucker." Es sind die Frauen, die tagelang durchs Land fahren, heimlich Eier gegen Öl tauschen, Gemüse gegen eine Nacht auf dem Fußboden und ihr Leben gegen Informationen: gegen die Wahrheit über das Schicksal, von Mann, Sohn, Bruder.

Szene für Szene, Abschnitt um Abschnitt wie ein Gedicht konzentriert Chirbes' dritter Roman (span. 1992) das Bild der Zeit und hält sich doch immer an die Geschichten in der Geschichte, an den Blickwinkel der vereinsamten Frau. Mit Anas Erinnerungen springt der Text von den Bombennächten, in denen selbst die Ratten auf dem Dachboden zu rascheln aufhören, zum ersten Anstandsbesuch bei den Schwiegereltern in spe, als noch beinahe alles gut war; vom Hochzeitsfoto, auf dem wieder nur "Schatten" zu sehen sind, zur selbstgenähten Bettwäsche, die Ana seit ihrer Hochzeitsnacht wie einen Schatz gehütet hat. Als sich Anas Schwiegertochter Jahrzehnte später diese Laken wünscht, schenkt Ana sie nur unwillig her. "Vor einem Monat sagte sie mir nebenbei, daß sie die Bettücher in einem Koffer in der Abstellkammer des Landhauses deponiert hätte und daß sie dort stockig und unbrauchbar geworden seien." Da bleibt nichts Romantisches, keine große Liebe wird mit blütenweißer Wäsche besungen wie in Stifters Kalkstein, der Armen Armut ist nicht pittoresk wie der nette Buchumschlag: Da bleibt gar nichts.

Doch schlimmer als die Schrecken der Geschichte, schlimmer als die tägliche Tretmühle, die "keinen Winkel für Gefühle" läßt, ist - Isabel. Jahrelang war die Familie zumindest geeint in jenem "Egoismus, der Elend hieß". Mit ihr, der emanzipierteren, der ehrgeizigeren jungen Frau, die sich schminkt, öffentlich flirtet und eine sichere, schöne Schrift hat, zieht die Ungleichheit in die Notgemeinschaft ein. Sie heiratet Anas heimlich geliebten Schwager, den Künstler der Familie, der die politische Haft gerade so überlebt und mit der Hilfe seines Bruders eine Werkstatt aufgebaut hat. Sie steht nicht in der Schürze hinterm Herd, sondern in schicken Kleidern vor der Schöpfkelle, sie zinkt mit ihrer schönen Schrift die Bücher des kleinen Betriebs und streckt mit der Ortsprominenz ihr Gesicht in die (Franquisten-)Sonne, reckt die Cara al Sol. Böse Mädchen kommen überallhin. Aber glücklich wird keines.

In fünf Kapiteln aus vielen kurzen Szenen voller anskizzierter Geschichten treibt der meist flüssig übersetzte Roman jener leisen Katastrophe entgegen, die keine materielle ist und Ana trotzdem in Ruinen zurückläßt; Ruinen aus der Armen Schlechtigkeit und der Sinnlosigkeit des Leids - aus dem Schutt der Zeit, mit der Ana nicht gegangen ist. Bisweilen mögen die Beobachtungen der alten Frau trivial sein, bisweilen ein klein wenig sentimental, und seinen Moralismus versucht Camus-Verehrer Chirbes in keiner Weise zu verbergen. Wo Antonio Muñoz Molina spottet, wird der Valenzianer ernst. Aber wenn die nueva narrativa española, die sich in den Achtzigern entwickelt hat, ohne die prall-pointierten und doch melancholischzarten Romane von Rafael Chirbes, diese wortkargen Wunder an Anschaulichkeit, auskommen müßte, wäre sie um einiges ärmer: um der Armen Anmut, um eine schöne Handschrift in der Häßlichkeit der Zeit.