Der Leidensweg mancher Krabbelkinder beginnt beim Planschen: Babys Bauch fühlt sich beim Baden auf einer Seite seltsam knubbelig an. Weil der offenbar schmerzlose Knubbel nicht verschwindet, sondern wächst, wird der Kinderarzt befragt. Der entdeckt auf dem Ultraschall eine Geschwulst im Nierenbereich und überweist das Kind zum Fachmann, etwa zu Norbert Graf an der Universitätsklinik des Saarlandes in Homburg. Dessen Diagnose: Es handelt sich um die bösartige Nierengeschwulst namens Wilms-Tumor.

Vor 100 Jahren hat der Heidelberger Chirurg Max Wilms erstmals diese für Babys und Kleinkinder typische Wucherung beschrieben. "Früher führten Wilms-Tumore trotz Operation fast durchweg zum Tod. Heute können wir über 90 Prozent der Kinder heilen", sagt Graf. "Eine Chemotherapie läßt den Tumor innerhalb weniger Wochen um etwa die Hälfte schrumpfen. Dann können wir ihn operieren und dabei oft sogar die befallene Niere weitgehend retten." Doch just die lebensrettende Chemotherapie könnte Kinderärzte wie Graf "juristisch in Teufels Küche bringen". Denn eines der benötigten Standardmedikamente gegen den Wilms-Tumor, Dactinomycin, ist für "Kinder unter 6-12 Monate" nicht zugelassen, der Beipackzettel rät von einer Anwendung in diesem Alter ab (Kontraindikation).

Für die Herstellerfirma ist es eine durchaus willkomme Begrenzung ihres Haftungsrisikos, wenn der Anwendungsbereich eines Medikamentes auf dem Papier eingeschränkt ist. Setzt nun der Arzt das kontraindizierte Medikament notgedrungen ein, dann ist allein er verantwortlich, wenn etwas schiefgeht. Und das ist bei hochwirksamen Antitumormitteln nicht auszuschließen. Kommt es zu gravierenden Schäden, dann wird es für den Doktor äußerst schwierig, vor Gericht zu beweisen, daß sein kontraindizierter Heilversuch nicht die Ursache war. Der Arzt sitzt in der Klemme: Setzt er das Medikament nicht ein, riskiert er das Leben des Babys. Er verschreibt es doch - und steckt mit dem Kopf in der Schlinge.

Das Dilemma von Norbert Graf verdeutlicht ein Grundproblem in der Kinderheilkunde. Ähnliches gilt für die Therapie von kindlichen Herzkrankheiten oder etwa für die Behandlung resistenter Infektionen mit neuen, wirksamen Betablockern oder Antibiotika. Nun rebellieren zunehmend die Kinderärzte. So beklagte vor wenigen Wochen die von dem Marburger Pädiater Hannsjörg Seyberth geleitete Kommission für Arzneimittelsicherheit der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin in einem Memorandum: "Die nicht zugelassene Arzneimittelanwendung ist nahezu der Regelfall in der Pädiatrie. Nur etwa 20 Prozent der auf dem Markt befindlichen Arzneimittel sind hinreichend mit Kindern und Jugendlichen geprüft und für pädiatrische Indikationen zugelassen." Und das bleibt nicht folgenlos.

"Unter diesen Umständen haben Kinder ein höheres Risiko für Arzneimittelnebenwirkungen als Erwachsene", heißt es weiter. "Unglücklicherweise wird dies auch durch die Vergangenheit belegt, da sich die meisten ernsthaften Arzneimittelschäden bei ungeborenen Kindern, Frühgeborenen und Neugeborenen ereignet hatten."

Ein komplexes Ursachengeflecht wird dafür verantwortlich gemacht, daß sorgsame Arzneimittelprüfungen für Kinder bisher meist fehlen. Obenan stehen die Kosten: Die Entwicklung eines neuen Medikamentes, das an 1600 bis 3000 Patienten erprobt werden muß, kostet durchschnittlich etwa 500 Millionen Mark. Da schwere Erkrankungen bei Kindern zum Glück selten sind (mehr als 98 Prozent der Krebskranken sind Erwachsene), lohnt sich der Markt für die Pharmabranche nicht. Im Fachjargon heißen solch seltene Leiden orphan diseases : Waisenkrankheiten. Pharmakologisch haben Kinder tatsächlich oft einen Status zwischen Halb- und Vollwaisen, klinische Pharmakologen wie Seyberth in Marburg sind in Deutschland eine Ausnahme.

Erschwerend kommt hinzu, daß ein heranwachsender Mensch in den verschiedenen Entwicklungsphasen ganz unterschiedlich auf Arzneimittel reagieren kann. Man muß Patienten deshalb in Gruppen unterteilen wie Frühgeborene, Neugeborene, Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Unerwünschte Medikamentenwirkungen schwanken je nach Alter der Kinder um das Drei- bis Zehnfache. Daß zudem genetische Faktoren die Verträglichkeit von Arzneimitteln beeinflussen, erschwert die Suche nach der richtigen Medizin noch weiter (siehe obenstehenden Artikel).