Mir ist schon öfter zu Ohren gekommen, daß die Eskimos mehr als 20 Ausdrücke für Schnee haben. Andererseits habe ich es ebensooft bestritten gehört. Wie verhält es sich nun damit?Albrecht Schmidt, Werneck

Ein schönes Beispiel für die inflationäre Verbreitung einer Legende: Der Anthropologe Franz Boas erwähnte Anfang des Jahrhunderts, die Eskimos hätten vier Wortstämme für Schnee - als Beleg für die Komplexität angeblich "primitiver" Sprachen. Ein Schüler von Boas war Edward Sapir, und bei dem studierte wiederum Benjamin Lee Whorf, auf den die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese zurückgeht, nach der unser Denken von der Sprache bestimmt (und begrenzt) wird. Bei Whorf waren es schon sieben Wörter, und dann nahmen die Dinge ihren Lauf: Manchmal hört man, daß die Eskimos Hunderte von Schneearten unterscheiden.

Tatsächlich sind es aber erstaunlich wenige. Die Zählung ist schwierig, weil die Eskimosprachen agglutinierend sind, das heißt, sie verschmelzen viele Satzteile zu Riesenwörtern. Zählt man nur die Wortstämme, so kommt man kaum auf zehn. Und wenn man überlegt, daß wir auch in unseren Breiten von einer ganzen Palette verschiedener Schneearten reden, dann ist das nicht gerade ungewöhnlich. So kennen die Bergler in den Alpen rund zwanzig Ausdrücke für das kühle Naß. Da findet sich Locker- und Wild-, Neu- und Pappschnee. Da kennt man filzigen Schnee und Oberflächenreif, fachsimpelt über Harsch, Firn und Sulz. Der Skifahrer schwingt sich durch Pulver- und Faulschnee, oder er gerät in eine auf Schwimmschnee zu Tal donnernde Schneebrettlawine.