Südafrika Der alte Mann geht
Südafrika wählt einen neuen Präsidenten. Viele Weiße sehen schwarz. Kann Thabo Mbeki wie sein großer Vorgänger Nelson Mandela das Land zusammenhalten?
Johannesburg
Wie bitte? Der angesehenste Staatsmann unserer Zeit? Die alte Dame schaut ungläubig. Im nächsten Moment packt sie der Zorn. "Mandela, euer Heiliger, ruiniert dieses Land!" Aber seine Kraft zur Versöhnung, trotz der 27 Kerkerjahre? "Den hätten sie nie freilassen sollen, diesen Terroristen!" Die Frau hetzt, wie von Furien getrieben, durch ihren Brillenladen, und wäre der Reporter nicht ein treuer Kunde, sie hätte ihn womöglich geohrfeigt. "Ihr Fremden wißt nichts über die Scheiße hier!" Die Scheiße hier: das neue Südafrika, fünf Jahre nach dem Untergang der Apartheid.
Ein Land, zwei Welten: hier die alte weiße Frau, ihre Zukunftsangst, ihre Verbitterung. Dort die jungen schwarzen Massen, hoffnungsfroh und voller Ungeduld. Dazwischen Mißgunst, Argwohn, subtiler Rassismus. Und ein Präsident, der unermüdlich Brücken schlägt - auch wenn sie die Unversöhnlichen nicht betreten wollen.
Nun verabschiedet sich der alte Mann, der sein Land von der Apartheid in die Demokratie geführt hat, und schwärende Ängste brechen wieder auf. Das Syndrom, vornehmlich unter Weißen verbreitet, heißt After Mandela. Was wird aus dem schönen Südafrika, wenn er einmal nicht mehr ist? Droht eine Ein-Parteien-Diktatur, gefolgt von der Afrikanisierung, also Verwahrlosung der Kaprepublik? Die Weißen sehen schwarz - als ob nach Mandela die Zukunft endete. In den Augen der Schwarzen hat sie gerade erst begonnen.
Sauberes Wasser für drei Millionen Menschen, Stromanschlüsse in zwei Millionen Haushalten, 10 000 neue oder renovierte Klassenzimmer, 700 neue oder modernisierte Kliniken, in denen Schwangere und Kinder unter sechs Jahren kostenlos behandelt werden. Die Zahlen, die Mandela in seiner letzten Rede vor dem Parlament präsentiert, können sich sehen lassen. Nicht alle Planziele wurden erreicht. Aber von einer Million Häuser stehen immerhin 500 000, und weitere 250 000 sind im Bau.
Welcher andere Staat auf der Südhalbkugel hätte solche Erfolge vorzuweisen? Wo sonst gäbe es nach Jahrzehnten der Unterdrückung und Ausbeutung eine vergleichbar stabile Demokratie, eine rechtsstaatliche Ordnung aus dem Geiste einer Verfassung, die den Leitbildern des Nordens ebenbürtig ist? Und welches Land außer Südafrika hätte einen Staatschef hervorgebracht, den alle Welt verehrt?
Man könne eines Menschen Denken und Wollen nicht ganz erkennen, eh' er in Staat und Ämtern sich erprobte, heißt es in der Antigone von Sophokles, einem Drama, das Mandela und seine Mitstreiter oft im Gefängnis aufführten. Natürlich sind ihm etliche Irrtümer und Fehler unterlaufen. Den African National Congress, der mehr einer Glaubensgemeinde als einer Partei gleicht, führte er mit päpstlichem Eigensinn. Gegner und Kritiker urteilte er gelegentlich mit selbstgerechter Schärfe ab. "Gottlob, er ist auch nur ein Mensch", sagte Erzbischof Desmond Tutu einmal.
- Datum 09.09.2009 - 10:26 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF



