Südafrika Der alte Mann gehtSeite 4/4
Apropos Moral. Immer mehr Bürger hinterziehen Steuern und Abgaben, die Weißen, weil sie annehmen, das Geld werde unnütz verpulvert, die Schwarzen, weil sie glauben, es stehe ihnen nach den leidvollen Jahren alles sofort und umsonst zu. Weil der Staat als Ordnungsmacht überfordert ist, werden Recht und Gesetz zunehmend mißachtet. Die Menschen verrohen im Verteilungskampf um knappe Güter. Regenbogen-Nation? Ein schöner Mythos, zerbrochen an den Realitäten, die 40 Jahre Apartheid hinterließen. Versöhnung? Alle Umfragen belegen: Seit der Wende sind die Gräben zwischen den Rassen tiefer geworden.
"Wir sind Gefangene unserer Vergangenheit", schrieb neulich ein Leser des Sunday Independent. Überall ist die Apartheid präsent, in den zweigeteilten Städten und Dörfern, in Schulen und Krankenhäusern, auf Sportplätzen und in Fabriken. Die geeinte, farbenblinde Nation von Schwarzen, Farbigen, Indern und Weißen kann eben nicht in einer oder zwei Legislaturperioden geschaffen werden; sie erfordert die Lebenskräfte von Generationen. Niemand zweifelt an einem klaren Wahlsieg des ANC. Sogar eine Zweidrittelmehrheit ist nicht auszuschließen, was höchst ungesund wäre, weil sie die künftige Regierung ermächtigte, die Verfassung nach eigenem Gusto zu ändern. Wer noch zur Wahl steht? "Mickymaus-Parteien!" spöttelt Mandela mit einem Anflug von Hoffart. Aber ganz unrecht hat er nicht.
Nehmen wir die National Party, die Erfinderin der Apartheid: ein Club von ratlosen Weißen im politischen Niemandsland. Die radikalen Parteien am linken und rechten Rand sind bedeutungslos. Nur der Democratic Party, einst Bannerträgerin des Liberalismus, heute ein Sammelbecken der weißen Reaktion, traut man mehr als fünf Prozent zu. Sie buhlt um die Stimmen der Besitzenden und ignoriert den Rest der Wähler. Der Unterton ihres Slogans - "Fight back!" - ist unmißverständlich: Schlag zurück gegen das schwarze Regime!
Aber die Schwarzen werden dieses Regime an der Macht halten, obwohl Millionen immer noch auf das versprochene bessere Leben warten. Denn trotz der gewaltigen Probleme, die den Prozeß der Umgestaltung begleiten, ist die Bilanz des abgelaufenen Jahrfünfts eben nicht so übel, wie sie die Propheten des Untergangs darstellen. Außerdem: Der ANC darf und wird noch lange vom Bonus einer Widerstandsbewegung zehren, die der geknechteten Mehrheit Würde und Selbstachtung zurückgegeben hat. Ihre Freiheit, die Freiheit aller Südafrikaner, ist auf ewig mit einem Namen verbunden: Nelson Mandela.
Der alte Mann freut sich auf die stillen Tage. Er will jetzt unter blühenden Bougainvilleen sitzen und mit seinen Enkelkindern scherzen. Siyabonga Madiba! Wir werden Sie vermissen.
- Datum 09.09.2009 - 10:26 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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