Alles einfach, möglichst einfach. Kein Geprotz, kein falscher Aufwand. Keine Übertreibungen, kein Trara. Theater heißt nicht mehr: etwas demonstrieren, etwas beweisen müssen. Theater heißt nur noch: staunen können, spielen wollen.

"Und sägt auch die Luft nicht zuviel mit der Hand, so, sondern macht alles unaufdringlich; denn gerade im Sturzbach, Sturm, und wie ich sagen möchte, im Wirbelwind eurer Leidenschaft, müßt ihr ein Maß halten, das nie aus dem Gleis gerät ..." Was Hamlet (in den Worten von Elisabeth Plessens neuer Fassung) dem bunten Trüppchen der Vaganten einschärft, das am dänischen Königshof auf seinen großen Auftritt wartet, hat Peter Zadek sich nicht zweimal sagen lassen: Aus dem Gleis gerät diese Inszenierung im Wiener Volkstheater wahrlich nie. Alles bleibt maßvoll und moderat - aber vieles auch zahm und zag.

22 Jahre nach dem Bochumer Hamlet, dem Glanz- und Endpunkt seiner frühen, furiosen Shakespeare-Schlachten, hat der große Zampano, inzwischen 73jährig, mit einigen kampferprobten Schauspielern, die auch damals schon dabei waren, sich dem Drama im Staate Dänemark noch einmal nähern wollen. Dies aber auf anderen, neuen Wegen: nicht streit- oder spaßversessen, nicht provokant, sondern bescheiden und friedfertig. So erzählt diese Unternehmung auch viel vom Selbstverständnis und Selbstbewußtsein eines Regisseurs: Mag Shakespeare auch der alte geblieben sein - ein Peter Zadek bleibt sich niemals treu. Oder doch nur in einem einzigen Grundsatz: Wechsel und Wandel muß sein. Nicht reißerisch, grell und anarchisch will er es heute haben ("Avantgarde ist vorbei"), sondern unaufgeregt, sanft. Der Zadeksche Spätstil, die neue Shakespeare-Gelassenheit, prägt unübersehbar auch diesen Wiener Hamlet, den die Festwochen mit der Berliner Schaubühne, dem Théâtre National in Straßburg, den Zürcher Festspielen und den Theaterformen in Hannover koproduziert haben.

Schlicht und abwechslungsfrei die Bühne: ein Container, sonst gar nichts. Wilfried Minks hat das Riesending mitten in den dunklen, leeren Raum gestellt, mit Türen an den Seiten und ein paar Neonröhren im Innern. Aus ihm treten die Schauspieler heraus, dorthin verschwinden sie nach ihren Auftritten wieder. Eine Spielbox, halbwegs praktikabel - aber vielleicht auch eine Art Zauberkasten? Solche Assoziationen versickern rasch - für Poesie ist hier kein Platz. Und für geschlagene viereinhalb Stunden ein Container nicht eben viel.

Zadek treibt ein riskantes Spiel: Er setzt allein auf die Kraft, die Ausstrahlung und die Gewitztheit seiner Schauspieler. In Tschechows Ivanov von 1990, am Wiener Akademietheater, war dieses Spiel mit dem leeren Raum in eindrucksvoller Weise aufgegangen. Die unvergeßliche Anna Petrowna jener Aufführung war - Angela Winkler. Es war ihre erste Begegnung mit Zadek.

Wer aber sollte jetzt den Hamlet des zu Ende gehenden Jahrhunderts spielen? Bei dieser alles entscheidenden Frage sei ihm, so Zadek in einem Gespräch, ein Name spontan eingefallen: Angela Winkler. "Und dann stellte sich zufällig heraus, daß es eine Frau ist." Die weibliche Besetzung der Titelrolle war also nicht das Ergebnis komplizierter interpretatorischer Tüftelei, nicht pure Variationslust oder gar das Bedürfnis, an eine theater- und filmhistorische Ahnenfolge anzuknüpfen (vor Jahrzehnten hatten auch Sarah Bernhardt und Asta Nielsen weibliche Hamlets verkörpert). Es war, wenn wir Zadek glauben wollen, der reine Instinkt für die richtige Rolle. Wir glauben ihm.

Ein Glücksgriff war es - und nur er rettet jetzt diese sonst oft im Unscharfen, im Lauen sich verlierende Aufführung. Es ist in höchstem Maße erstaunlich: Nicht einen Moment lang empfindet man die Schauspielerin als Besetzung wider den Strich. Die langen Haare bis auf den schwarzen Pullover fallend, die Augen groß und dunkel - Angela Winkler, gehüllt in Nachtfarben, spielt weder Mann noch Frau noch irgendeines der bekannten Bilder und Vorbilder der Hamlet-Konvention, den intellektuellen Zauderer, den Grübler und Skeptiker, den melancholischen Finsterling, den reflexionskranken Romantiker, den jungen Wilden der Zeitenwende ... Sie spielt, auf eine sehr inständige, unmittelbar berührende Weise, ein großes, wundes, wehes Kind. Den kleinen Prinzen, der sich nicht abfindet mit der Welt der Erwachsenen, mit ihrer Falschheit, Stumpfheit und Kälte. Mit dem Zynismus der Macht, dem Lächeln der Mörder, der entsetzlichen Unfähigkeit zu trauern. Und der es mit dieser Welt nun aufnehmen muß, ob er will oder nicht.