Das Unternehmen Kongo

Eine Kolonie ganz für sich allein: König Leopold II. von Belgien und seinturbokapitalistisches Abenteuer im Herzen Afrikas

Im Sommer 1876 belächelte der Chef des königlichbelgischen Kabinetts die afrikanischen Neigungen seines Dienstherrn noch. Afrika sei für den König der Belgier nur ein Spielzeug, das keinem weh tun werde, schrieb er. Leopold II., ein Verlierer im Poker um die Einflußsphären in Übersee. Bis ihm das Glück dann doch einmal hold war und er ein gigantisches Territorium gewann. Im Herzen Afrikas, am Reißbrett konstruiert, so groß wie Westeuropa.

Der königliche Spieler aus dem Hause Sachsen-Coburg agierte aus Passion. Seit seiner Jugend in den 1850er Jahren glaubte Leopold unerschütterlich an eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit, Absatzmärkte in Übersee zu erschließen. In seiner kolonialistischen Leidenschaft nahm er weltweit alle Territorien ins Visier, die verfügbar schienen. Als 26jähriger Herzog von Brabant schrieb der spätere König der Belgier 1861 kühn: "Eines Tages muß die belgische Flagge auf allen fünf Kontinenten wehen. Belgien muß die Hauptstadt des belgischen Imperiums werden, das sich mit Gottes Hilfe aus den pazifischen Inseln, Borneo, einigen Punkten in Afrika und Amerika und schließlich Teilen Chinas und Japans zusammensetzen wird." Erst 1875 erkannte er, daß weder die Spanier noch die Portugiesen, noch die Holländer bereit waren, ihm Gebiete zu verkaufen, und folgerte: "Ich werde mich diskret informieren, ob in Afrika nichts zu machen ist."

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Mit einem pathetischen Credo eröffnete Leopold im September des darauffolgenden Jahres im Königlichen Palast der belgischen Hauptstadt ein dreitägiges Treffen sogenannter amis de l'humanité, Freunde der Menschheit. "Der Zivilisation den einzigen Erdteil zugänglich zu machen, in den sie noch nicht vorgedrungen ist, und die Finsternis zu durchdringen, die noch ganze Völker umhüllt, dies ist ein Kreuzzug, der unseres Jahrhunderts des Fortschritts würdig ist." Elegant verschleierte der Gastgeber gegenüber den Konferenzteilnehmern sein Gier nach Kolonien und äußerte nur den bescheidenen Wunsch, Brüssel möge "das Hauptquartier der zivilisatorischen Bewegung" werden.

Die Geographische Konferenz hob die Association Internationale Africaine, die Internationale Afrika-Vereinigung, aus der Taufe und erkor Leopold zu deren Präsidenten. Diese Vereinigung sollte künftig Unternehmungen zur "wissenschaftlichen Erforschung der unbekannten Teile Afrikas", zur "Zivilisierung des inneren Afrika" und zur "Unterdrückung des Sklavenhandels" koordinieren. Für den belgischen König war die Geographische Konferenz von Brüssel ein grandioser Triumph, das Fundament seiner späteren kolonialpolitischen Erfolge.

In weiten Teilen Europas nahm die Öffentlichkeit das Engagement Leopolds wohlwollend zur Kenntnis. Man kannte Seine Majestät fortan als selbstlosen Wohltäter, als einen, der seine Privatschatulle strapazierte, um "arme Wilde" vom Joch der Sklaverei zu befreien und den "dunklen Kontinent" mit dem "Licht der Zivilisation" zu erhellen. Dieser vordergründige Altruismus kam nicht zuletzt bei den durch und durch kolonialskeptischen Belgiern gut an. Die Bürger des trotz europaweiter Depression prosperierenden Landes hatten zwar keinerlei Interesse an Risikoinvestitionen in Übersee, begeisterten sich aber für das Vorhaben, die Segnungen westeuropäischer Kultur im "unzivilisierten Afrika" zu verbreiten. Dabei blieben ihnen die eigentlichen Absichten ihres abenteuerlustigen Königs aber im wesentlichen verborgen. Denn sein Engagement für die Erforschung der vermeintlichen Terra incognita im Herzen Afrikas und sein Bemühen um den Glorienschein des Philanthropen waren ihm lediglich Mittel zum Zweck. Es verwundert also kaum, daß die Internationale Afrika-Vereinigung weder in der Bekämpfung des Sklavenhandels noch in der Erforschung der weißen Flecken auf Europas Afrika-Karte durchschlagende Erfolge verzeichnen konnte. Schnell zur Briefkastenassoziation verkommen, markiert sie dennoch einen Meilenstein in der Geschichte der europäischen Expansion - das Debüt Leopolds auf der Bühne der Kolonialmächte.

Dabei war diese Vereinigung nur die erste von insgesamt drei Organisationen, unter deren Etikett der König seine Kolonialpolitik de facto im Alleingang verfolgte. Auf Initiative Leopolds konstituierte sich im November 1878 das Comité d'Études du Haut-Congo, das Komitee für die Erforschung des Oberen Kongo, das dank belgischer, niederländischer und britischer Subskriptionen mit einem für damalige Verhältnisse stattlichen Kapital von einer Million Belgischer Franc bestückt wurde. Das Geld sollte klug investiert werden: in den Giganten der Afrika-Forschung persönlich, den amerikanischen Journalisten Henry Morton Stanley.

Kautschuk sorgte für Riesengewinne, die Kongolesen leisteten Zwangsarbeit

Dieser Name war in aller Munde, seit der Amerikaner im November 1871 im Auftrag der Klatschzeitung The New York Herald den totgeglaubten schottischen Missionar, Arzt und Afrika-Forscher David Livingstone am Ostufer des Tanganjikasees wiedergefunden hatte. Als er im September 1877 mit einer sensationellen Afrika-Durchquerung Schlagzeilen machte, konnte es für Leopold keinen Zweifel mehr daran geben, daß Stanley sein Mann war. Obschon nur 115 Männer, Frauen und Kinder der ursprünglich 300köpfigen Expedition den 999tägigen Gewaltmarsch über 12 000 Kilometer von Sansibar nach Boma überlebt hatten, wurde der Durchbruch des Amerikaners allenthalben bejubelt. Leopold schrieb dem belgischen Botschafter in London: "1. Ich will Stanley sehen, sobald er in London gefeiert worden ist. 2. Wenn Stanley mir gefällt, werde ich ihm Geld besorgen, damit er einige Gebiete am Flußlauf des Kongo und an seinen Nebenflüssen erforscht und dort Niederlassungen gründet. 3. ... Ich möchte Stanley also zunächst einen Auftrag zur Erforschung geben, der nirgends Anstoß erregen wird und uns dort Niederlassungen verschaffen wird, von denen wir profitieren werden, sobald man sich in Europa und Afrika an unsere Ansprüche am Kongo gewöhnt haben wird." Leopold wollte dort einen Fuß in die Tür bekommen, Stanley sollte sie öffnen.

Aus purer Verzweiflung folgte der ehrgeizige Afrika-Reisende schließlich der Einladung nach Brüssel, nachdem die britische Regierung es abgelehnt hatte, ihn unter Vertrag zu nehmen. Am 10. Dezember 1878 unterzeichnete der 37jährige Forscher in Brüssel einen Kontrakt, der ihn auf 10 Jahre an das Komitee für die Erforschung des Oberen Kongo band. "Es geht darum, einen neuen Staat zu gründen, so groß wie möglich, und ihn zu verwalten", hieß es darin. "Es versteht sich, daß es nicht vorgesehen ist, den Schwarzen auch nur die geringste politische Autorität zuzugestehen. Das wäre absurd. Die Weißen, die den Stationen vorstehen, werden die Staatsgewalt innehaben."

In diesem Sinne errichtete Stanley zwischen 1879 und 1882 fünf Stationen entlang des Oberen Kongo und legte Landwege an, wo man zu Wasser nicht vorankommen konnte. Mit den Oberhäuptern verschiedener kongolesischer Stämme schloß er Verträge ab, die dem Komitee für die Erforschung des Oberen Kongo Souveränitätsrechte sicherten. Stanley ahnte nicht, daß von seinem Auftraggeber inzwischen nur noch der Name übriggeblieben war. Leopold war für das finanziell ausgetrocknete Komitee in die Bresche gesprungen und bestritt fortan alle weiteren Unternehmungen am Kongo aus seiner Privatschatulle.

1882 gründete der König die Association Internationale du Congo (AIC), die Internationale Kongo-Vereinigung, die aus dem internationalen, von Portugal losgetretenen Gerangel um Vorrechte am Kongo schließlich als lachender Dritter hervorging. Mehr noch als ihre beiden Vorläufer war die AIC lediglich ein Firmenschild für ihren Protagonisten.

Dank der Vermittlung Henry Shelton Sanfords, eines Leopold treu ergebenen amerikanischen Agenten, erkannte das Weiße Haus im April 1884 die AIC als Souverän über den État Indépendant du Congo, den Unabhängigen Kongostaat, an. De facto galt die Anerkennung Leopold. Mit diesem Trumpf in der Hand und der Unterstützung des deutschen Finanziers Gerson von Bleichröder im Rücken ließ es sich auch mit dem Kanzler des deutschen Kaiserreichs besser verhandeln. Sieben Tage vor Beginn der von Bismarck initiierten Afrika-Konferenz im November 1884 in Berlin erkannte Deutschland überraschend die Souveränität der Kongo-Vereinigung an. Es gelang Leopold auch, die französischbritische Rivalität zu seinen Gunsten auszunutzen. Während er die Briten ebenso wie die Deutschen mit einer Freihandelszone lockte, verabredete er mit Frankreichs Ministerpräsidenten Jules Ferry ein droit de préférence: Sollten die Besitzungen am Kongo eines Tages verkauft werden, so seien die Franzosen rechtmäßige Voranwärter auf deren Erwerb.

Die diplomatische Karriere Leopolds stand in ihrem Zenit. Das Plazet der Belgier allerdings wurde erst nachträglich eingeholt. Erst im Anschluß an die Afrika-Konferenz änderten Senat und Parlament die Verfassung von 1831, die es dem König verbot, zugleich Oberhaupt eines anderen Landes zu sein. Das delikate Problem wurde durch eine formale Trennung von Privatperson und Amtsperson gelöst. Als Privatier war Leopold fortan in Besitz eines gewaltigen Territoriums im Herzen Afrikas, in dem schätzungsweise 20 bis 40 Millionen Menschen lebten.

Die Sturheit, mit der dieser konstitutionelle Monarch eines kolonialpolitisch unambitionierten Landes seine fixe Expansionsidee verfolgte, legt die Frage nach der psychischen Verfassung nahe. Möglicherweise wollte Leopold mit seinem Engagement für die territoriale Erweiterung des kleinen belgischen Königreichs private Enttäuschungen und Malaisen wie den frühen Tod seiner geliebten Mutter Louise-Marie, die darauf folgenden einsamen Jugendjahre oder die unharmonische Ehe mit der habsburgischen Erzherzogin Marie-Henriette kompensieren. Ein königlicher Sekretär berichtet, Leopold habe ihm gegenüber oft betont, daß er erst seit dem Tod seines einzigen Sohnes 1869 all seine Energie auf die Erwerbung kolonialer Besitzungen gerichtet habe. Wenn er seinem Land schon keinen Sohn habe schenken können, solle es wenigstens eine Kolonie von ihm bekommen.

Der neu erfundene Staat existierte vorerst nur auf dem Papier. Verwaltung und Infrastruktur mußten eingerichtet und finanziert werden. Es galt, obrigkeitliche Präsenz zu zeigen. Da dies am kostengünstigsten mit nationalen Missionen zu erreichen war, versuchte Leopold, nicht nur Staatsbeamte, sondern auch Sendboten des katholischen Glaubens in Belgien zu rekrutieren. Den belgischen Missionaren hatte er die Aufgabe zugedacht, die kongolesische Bevölkerung zur loyalen Belegschaft eines ökonomisch erfolgreichen Unternehmens zu erziehen.

In den ersten zehn Jahren war die wirtschaftliche Situation des Unabhängigen Kongostaats katastrophal. Schon im Frühjahr 1886 war Leopold angesichts der gewaltigen Ausgabenlast kurz davor, aufzugeben. Vergeblich bemühte er sich um einen Kredit des belgischen Staates und dachte sogar daran, abzudanken. "Ich möchte mich um die Angelegenheiten des Landes kümmern, und wenn sie (die Belgier) mir nicht folgen wollen, sollen sie sich einen anderen suchen." Diese Drohungen eines Gekränkten blieben jedoch folgenlos.

1890 und dann 1895 gewährte der belgische Fiskus dem Unabhängigen Kongostaat großzügige Anleihen, ohne die Leopold Bankrott hätte anmelden müssen. Doch die finanzielle Notlage entspannte sich erst, als der Marktwert des Kautschuks stieg. Für den Bau von Automobilen und Fahrrädern wurde weltweit immer mehr Gummi gebraucht, und in den tropischen Regenwäldern des Kongobeckens konnte reichlich Naturkautschuk gezapft werden. Leopold verpflichtete seine kongolesischen Untertanen kurzerhand zur Zwangsarbeit und schanzte 1892 entgegen den Vereinbarungen der Berliner Afrika-Konferenz zwei Monopolisten jeweils riesige Abbaugebiete zu. Das Gebiet um den Lac Léopold II (heute Mai-Ndombe-See) erklärte er zur Krondomäne, in der nur der Staat die Ressourcen ausbeuten durfte.

So begann wahr zu werden, wovon Leopold seit seiner Jugend geträumt hatte: Der Kongo erwirtschaftete Jahr für Jahr größere Gewinne, die Belgien zu Prachtbauten verhalfen. Die triumphale Anlage des Nationaldenkmals Cinquantenaire in Brüssel, das in einem hinreißenden französischen Garten gelegene Museum für Zentralafrika in Tervuren und der großzügige Ausbau der Königlichen Schloßanlage in Laeken demonstrierten den ökonomischen Aufschwung des afrikanischen Unternehmens. Für die kongolesische Bevölkerung jedoch war der Kautschuk eine Heimsuchung.

Im Februar 1904 blickte die Welt voller Grauen auf den Kongostaat. Das Londoner Außenministerium hatte einen Bericht des britischen Konsuls Sir Roger Casement veröffentlicht, der ein barbarisches Kolonialregime beschrieb. Die kongolesische Bevölkerung werde infolge von Zwangsarbeit, brutalen Strafmaßnahmen und blutigen Razzien des Militärs ausgerottet, ihre Arbeitskraft rücksichtslos zur Bereicherung des Staates ausgebeutet. Die selbsternannten Exponenten der sogenannten zivilisierten Welt zeigten anklagend auf den einst angesehenen Philanthropen Leopold.

Der Skandal im Kongobecken kam nicht ungelegen. Er gab Anlaß, dem an Freihandel längst nicht mehr interessierten Regime am Kongo den Garaus zu machen. Nachdem eine unabhängige, von Leopold entsandte Untersuchungskommission im September 1905 den Bericht Casements bestätigte, verlor der König auch in Belgien zunehmend an Rückhalt. Er konnte seinen afrikanischen Privatbesitz, den er selbst nie besucht hatte, nicht länger halten. Im Oktober 1908, ein Jahr vor seinem Tod, überschrieb Leopold dem Königreich seinen Staat, der bis zum Uhuru-Tag, dem Tag der Unabhängigkeit am 30. Juni 1960, Belgisch-Kongo heißen sollte.

Die Enthüllungen des Casement-Reports gingen als Topos von den "Kongogreueln" in die Geschichte ein und machen bis zum heutigen Tag Furore. Vor wenigen Monaten erst löste der amerikanische Journalist Adam Hochschild mit seiner These vom "vergessenen Holocaust" am Kongo in Belgien lebhafte Diskussionen aus. In dem Buch King Leopold's Ghost. A Story of Greed, Terror and Heroism (König Leopolds Geist. Eine Geschichte von Habgier, Schrecken und Heldentum) stellt Hochschild die Behauptung auf, zwischen 1880 und 1920 seien im Unabhängigen Kongostaat und im späteren Belgisch-Kongo zehn Millionen Menschen Opfer eines Genozids geworden. Da die erste offizielle Schätzung der kongolesischen Bevölkerung 1924 vorgenommen wurde, bleiben Hochschilds Angaben hypothetisch. Dennoch zeigten sich große Teile der belgischen Öffentlichkeit bereit, seiner Argumentation zu folgen. Leopold tauchte als der "Schlächter am Kongo" wieder in den Schlagzeilen auf. Ohne die fragwürdige Analogie zum Holocaust zu kritisieren, glaubte man in einem unehrlichen Versuch der Selbstreinigung, den ehemaligen König zum Sündenbock machen und die Frage nach der eigenen, der belgischen Verantwortung für Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Afrika umgehen zu können. Die Verflechtungen der Geschichte aber binden Belgien immer noch an das Land, das heute Demokratische Republik Kongo heißt.

 
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