Das Unternehmen KongoSeite 3/3
Der neu erfundene Staat existierte vorerst nur auf dem Papier. Verwaltung und Infrastruktur mußten eingerichtet und finanziert werden. Es galt, obrigkeitliche Präsenz zu zeigen. Da dies am kostengünstigsten mit nationalen Missionen zu erreichen war, versuchte Leopold, nicht nur Staatsbeamte, sondern auch Sendboten des katholischen Glaubens in Belgien zu rekrutieren. Den belgischen Missionaren hatte er die Aufgabe zugedacht, die kongolesische Bevölkerung zur loyalen Belegschaft eines ökonomisch erfolgreichen Unternehmens zu erziehen.
In den ersten zehn Jahren war die wirtschaftliche Situation des Unabhängigen Kongostaats katastrophal. Schon im Frühjahr 1886 war Leopold angesichts der gewaltigen Ausgabenlast kurz davor, aufzugeben. Vergeblich bemühte er sich um einen Kredit des belgischen Staates und dachte sogar daran, abzudanken. "Ich möchte mich um die Angelegenheiten des Landes kümmern, und wenn sie (die Belgier) mir nicht folgen wollen, sollen sie sich einen anderen suchen." Diese Drohungen eines Gekränkten blieben jedoch folgenlos.
1890 und dann 1895 gewährte der belgische Fiskus dem Unabhängigen Kongostaat großzügige Anleihen, ohne die Leopold Bankrott hätte anmelden müssen. Doch die finanzielle Notlage entspannte sich erst, als der Marktwert des Kautschuks stieg. Für den Bau von Automobilen und Fahrrädern wurde weltweit immer mehr Gummi gebraucht, und in den tropischen Regenwäldern des Kongobeckens konnte reichlich Naturkautschuk gezapft werden. Leopold verpflichtete seine kongolesischen Untertanen kurzerhand zur Zwangsarbeit und schanzte 1892 entgegen den Vereinbarungen der Berliner Afrika-Konferenz zwei Monopolisten jeweils riesige Abbaugebiete zu. Das Gebiet um den Lac Léopold II (heute Mai-Ndombe-See) erklärte er zur Krondomäne, in der nur der Staat die Ressourcen ausbeuten durfte.
So begann wahr zu werden, wovon Leopold seit seiner Jugend geträumt hatte: Der Kongo erwirtschaftete Jahr für Jahr größere Gewinne, die Belgien zu Prachtbauten verhalfen. Die triumphale Anlage des Nationaldenkmals Cinquantenaire in Brüssel, das in einem hinreißenden französischen Garten gelegene Museum für Zentralafrika in Tervuren und der großzügige Ausbau der Königlichen Schloßanlage in Laeken demonstrierten den ökonomischen Aufschwung des afrikanischen Unternehmens. Für die kongolesische Bevölkerung jedoch war der Kautschuk eine Heimsuchung.
Im Februar 1904 blickte die Welt voller Grauen auf den Kongostaat. Das Londoner Außenministerium hatte einen Bericht des britischen Konsuls Sir Roger Casement veröffentlicht, der ein barbarisches Kolonialregime beschrieb. Die kongolesische Bevölkerung werde infolge von Zwangsarbeit, brutalen Strafmaßnahmen und blutigen Razzien des Militärs ausgerottet, ihre Arbeitskraft rücksichtslos zur Bereicherung des Staates ausgebeutet. Die selbsternannten Exponenten der sogenannten zivilisierten Welt zeigten anklagend auf den einst angesehenen Philanthropen Leopold.
Der Skandal im Kongobecken kam nicht ungelegen. Er gab Anlaß, dem an Freihandel längst nicht mehr interessierten Regime am Kongo den Garaus zu machen. Nachdem eine unabhängige, von Leopold entsandte Untersuchungskommission im September 1905 den Bericht Casements bestätigte, verlor der König auch in Belgien zunehmend an Rückhalt. Er konnte seinen afrikanischen Privatbesitz, den er selbst nie besucht hatte, nicht länger halten. Im Oktober 1908, ein Jahr vor seinem Tod, überschrieb Leopold dem Königreich seinen Staat, der bis zum Uhuru-Tag, dem Tag der Unabhängigkeit am 30. Juni 1960, Belgisch-Kongo heißen sollte.
Die Enthüllungen des Casement-Reports gingen als Topos von den "Kongogreueln" in die Geschichte ein und machen bis zum heutigen Tag Furore. Vor wenigen Monaten erst löste der amerikanische Journalist Adam Hochschild mit seiner These vom "vergessenen Holocaust" am Kongo in Belgien lebhafte Diskussionen aus. In dem Buch King Leopold's Ghost. A Story of Greed, Terror and Heroism (König Leopolds Geist. Eine Geschichte von Habgier, Schrecken und Heldentum) stellt Hochschild die Behauptung auf, zwischen 1880 und 1920 seien im Unabhängigen Kongostaat und im späteren Belgisch-Kongo zehn Millionen Menschen Opfer eines Genozids geworden. Da die erste offizielle Schätzung der kongolesischen Bevölkerung 1924 vorgenommen wurde, bleiben Hochschilds Angaben hypothetisch. Dennoch zeigten sich große Teile der belgischen Öffentlichkeit bereit, seiner Argumentation zu folgen. Leopold tauchte als der "Schlächter am Kongo" wieder in den Schlagzeilen auf. Ohne die fragwürdige Analogie zum Holocaust zu kritisieren, glaubte man in einem unehrlichen Versuch der Selbstreinigung, den ehemaligen König zum Sündenbock machen und die Frage nach der eigenen, der belgischen Verantwortung für Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Afrika umgehen zu können. Die Verflechtungen der Geschichte aber binden Belgien immer noch an das Land, das heute Demokratische Republik Kongo heißt.
- Datum 02.06.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23/1999
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