Nachdem das internationale Terrain für weltoffene Leser bei DuMont flächendeckend ausgekundschaftet scheint, lenkt der Verlag den Blick endlich auch auf das weite Feld der Wissenschaft. 1997 rief er das Prestigeobjekt Voyage ins Leben, ein Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung, dessen zweiter und jüngster Band das Bild der Fremde - Reisen und Imagination schwerpunktmäßig unter die Lupe nimmt. Das Vorwort des Mitherausgebers und Publizisten Christoph Hennig bringt die etwas abstrakt anmutende Themenstellung auf den Punkt: "Der großen Mehrheit heutiger Reisender geht es nicht vorrangig um die Erkenntnis fremder Länder. Vielmehr suchen sie nach Bildern, die in der kollektiven Imagination vorgeprägt sind", lautet die These, die den meisten Essays des Bandes zugrunde liegt. Der Tourist wird also zum nahen Verwandten von Autokäufern und Kosmetikkonsumenten. Klischee und Vorurteil leiten ihn bei der Wahl des Reiseziels, das sich als Projektionsfläche für Wunschträume entpuppt. In welchem Maße das Design das Sein bestimmt, weist der Kulturwissenschaftler Karlheinz Wöhler in seiner Theorie von der "Imagekonstruktion fremder Räume" nach.

Die Probe aufs Exempel machen die Koautoren. Der Germanist Dieter Richter weckt Lust auf Meer, indem er den Bedeutungswandel des Meeres vom antiken Todesmythos bis zum postmodernen Strandsportplatz nachvollzieht. Das Amerikabild der Rockmusik wird ebenso kritisch hinterfragt wie der schöne Schein der heilen Urlaubswelt am Busen der Natur.

Gewissenhaft gehorcht das Jahrbuch der Chronistenpflicht. Es füttert Branchenkenner und interessierte Laien mit aktuellen Rekordzahlen und Fakten aus dem Kosmos des mobilen Menschen. Es liefert Rezensionen über tourismuswissenschaftliche Neuerscheinungen und stimmt einen klangvollen Abgesang auf den Reiseschriftsteller Hans Scherer an, der noch lange hätte leben müssen.

Aber vor allem rechnet "Voyage" endgültig ab mit dem Ammenmärchen von der Unschuld des Reisens: Der Tourist nimmt sich mit, wohin er fährt und fliegt. Als moderner Kolonisator stülpt er der Fremde das heimische Wertesystem über. Tourismus ist Raumkonsum.

Tobias Gohlis, Christoph Hennig, H.Jürgen Kagel- mann, Kramer, Hasso Spode (Hrsg.): Voyage Jahrbuch für Reise- & Touris- musforschung: Das Bild der Fremde - Reisen und Imagi- nation; DuMont Buchverlag, Köln 1998; 200 S., 39,80 DM