Maestro aus der Urne

128 Berliner Philharmoniker wählen sich in diesen Tagen einen neuen Chefdirigenten

Es ist nun wieder die Zeit, in der die berühmtesten Dirigenten der Welt kurz vor dem Einschlafen an etwas ganz Bestimmtes denken. Etwas sehr Verlockendes. Ein Angebot, das vielleicht nur einmal im Leben kommt - oder nicht kommt. Kein Maestro würde hinausposaunen, dass er höchst interessiert ist an diesem Angebot, oder öffentlich erklären, dass er sich für den idealen Kandidaten hält. Das wäre nicht klug. Das könnte sich negativ auswirken. Deshalb herrscht zur Zeit erwartungsvolle Stille im Musikbetrieb, der doch sonst ein Kampfplatz der Eitelkeiten ist. Bis einer dann - spätestens am 23. Juni - den entscheidenden Anruf erhalten wird: Möchten Sie Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters werden?

128 Musikerinnen und Musiker füllen in diesen Tagen Stimmzettel aus und wählen einen neuen künstlerischen Leiter, den sechsten der Berliner Philharmoniker nach Claudio Abbado, Herbert von Karajan, Wilhelm Furtwängler, Arthur Nikisch und Hans von Bülow. Kompliziert ist das Wahlverfahren, alles streng geheim. Ein Staatsakt hinter verschlossenen Türen. Denn hier wird nicht irgendeine Personalie entschieden, hier befindet eine Institution, die sich zu den ersten Kulturrepräsentanten der Nation zählt, über ihre Zukunft.

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Das wird immer gerne behauptet. Weil es sich sowieso nicht nachprüfen läßt. Weil sich die Wiener Philharmoniker dann ärgern, die mindestens genauso gut sind, wenn sie Lust haben, das beste Orchester der Welt zu sein, was freilich nicht so oft vorkommt wie bei den Berlinern. Weil die amerikanischen Philharmoniker in Chicago, Cleveland und Boston ganz anders sind, viel amerikanischer. Weil man das Concertgebouw-Orkest Amsterdam leider immer vergißt bei solchen Vergleichen. Weil sowieso alle Orchesterranglisten unsinnig sind. Die Berliner Philharmoniker sind ein sehr, sehr gutes Orchester.

Aber Claudio Abbado wird sie verlassen. Vor gut einem Jahr hatte er erklärt, daß er seinen bis zum Jahr 2002 laufenden Vertrag als Chef der Philharmoniker nicht verlängern will. Für die Musikwelt eine kleine Sensation, denn die Verbindung zwischen Dirigent und Orchester schien nach anfänglichen Problemen immer fruchtbarer zu werden. Die Abbado-Skeptiker freilich, die es immer gegeben hat, fühlten sich bestätigt, daß die Liaison keine glückliche war. Und die Musiker waren irritiert. Einer hat gefragt: "Fänden Sie es nicht auch seltsam, wenn Ihnen Ihre Frau sagen würde, in vier Jahren lasse ich mich scheiden?"

Abbado, der Undurchschaubare, der Nachdenkliche, der Zurückhaltende. Die italienische Sphinx. Als er 1990 sein Amt in Berlin antrat, war er 57 und wurde trotzdem noch mit elanvoller Jugendlichkeit in Verbindung gebracht. Eine 68er-Gestalt: In frühen Jahren war er kulturpolitisch aktiv, hat Gewerkschaftskonzerte gemeinsam mit Pollini und Nono organisiert und versucht, die Mailänder Scala umzukrempeln. Er hat sich immer für die zeitgenössische Musik eingesetzt und seine Leidenschaft für Jugendorchester gepflegt. Bei seinem Wechsel nach Berlin und der vorübergehenden Ämterhäufung - er war gleichzeitig Chef der Wiener Staatsoper - wollten manche in ihm schon den zukünftig mächtigsten Dirigenten der Welt sehen. Aber zur Macht hat Abbado ein gebrochenes Verhältnis. Seine plötzliche Ankündigung, sich selbst von begehrtesten Dirigentenposten mit dem Argument zurückzuziehen, er wolle wieder mehr Zeit zum Segeln und Lesen haben, weist Parallelen zur Kurzschlussreaktion eines Oskar Lafontaine auf - auch ein Abgang, um sich und jedem zu beweisen, dass man das alles gar nicht zum Lebensglück braucht.

Abbado, der Gespaltene. Einerseits ist er noch immer eine feste Größe im Dirigenten-Glitzergewerbe, einflussreich und bereit auch, die gebotenen Konzessionen an den Main- stream einzugehen. Ein Zugpferd, für das die konservativen Salzburger Osterfestspielgäste Höchstpreise zu zahlen bereit sind. Andererseits ist er der Antityp des eitlen Klassik-Zampanos, einer, der seine Zweifel zu haben scheint am effizient abschnurrenden Konzertbetrieb. Am Pult der Berliner Philharmoniker kam ihm die schwierige Aufgabe zu, die Überfigur Karajan zu überwinden. Souverän hat er sie gelöst. Trotzdem bleibt er eine Figur des Übergangs.

Müsste nun nach Furtwängler, dem Patriarchen hehrer deutscher Kunst, nach Karajan, dem Wirtschaftswunder-Darling, dem Medienimperator, der Perfektions- und Fortschrittsikone, und Abbado, dem abrupt aussteigenden Achtundsechziger, nicht konsequenterweise ein weiterer Generationsschritt erfolgen und ein jüngerer Dirigent mit ganz anderen inneren Antrieben und noch viel weiter reichenden Impulsen das erste Orchester der Republik übernehmen? Oder soll man sich wieder mehr auf das Bewährte besinnen, auf die Tugenden von früher zurückziehen und der unsicheren Zukunft mit einem polierten alten Glanz entgegentreten? Das Spannungsfeld am Ende des Jahrhunderts - die Verteidigung der ererbten Werte einerseits, die (un)heimliche Lust am kühnen Aufbruch andrerseits - findet sich auch in der Berliner Philharmonie. Die Musiker müssen nur aus den Fenstern schauen, um den sich rabiat wandelnden Kontext ihrer Arbeit zu bemerken: Direkt gegenüber, am Potsdamer Platz, baut die Firma Sony, deren Konzernchefs vor zehn Jahren noch am Totenbett Karajans saßen und eine innige Verbindung zu den Philharmonikern pflegten - die sich inzwischen aber von der Klassik mehr und mehr abgewendet hat. Ein paar Schritte weiter leuchten mit Imax-Kino und Musicaltheater die neuen Entertainmenttempel.

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