Glück

Glück, das ist heißer Sex am karibischen Strand. Mit großen Gefühlen und kühlen Cocktails. Keiner hat das klarer gesehen als Udo Jürgens: "Und fragt mich einer, wie definierst du Glück? Dann sag ich: Die Sonne, die Sonne und Du(huhuu)". So trällerte es der Schlagerstar - auch privat dafür bekannt, dass ihm 17 Jahr, blondes Haar eher zu alt sind - in den Achtzigern, zu den karibisch-luftigen Klängen des Sunshine-Reggae.

Ist der Alltag öd und verregnet, dann liegt das Glück in sonniger Ferne. Vielleicht ohne es zu wissen, gleicht der heutige Mensch einem postmodernen Hiob. Heimgesucht ist er von allen Plagen der Banalität. Einem Job, der nicht richtig gut und nicht richtig bezahlt ist. Einer Beziehung, die nicht so glücklich ist wie im Kino, und einem Fernsehprogramm, das so traurig ist wie das Leben. Das alltägliche Dasein ist nun mal, so hat es bereits der stets miesepetrig dreinschauende Philosoph aus dem Schwarzwald gelehrt, bestimmt von der "Sorge". Dass ein Gott ihm die abnimmt, glaubt Hiob nicht. Also macht er sich selbst auf die Suche nach dem, was er nicht hat, dem Glück.

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Natürlich ist das alles Lüge: dieser zweiwöchige Ausnahmezustand namens Glück, der von Frauenzeitschrift und Fremdenverkehrs-wirtschaft verhängt wird. Bester Beweis: Es ist überhaupt niemand unglücklicher als Redakteurinnen von Frauenmagazinen, die ja eigentlich wissen müssten, wie man das macht mit dem Glück. Stattdessen sind sie wöchentlich tragisch verliebt. Dann trinken sie deswegen. Und werden bulimisch. Oder beides.

Früher war natürlich alles anders. Hatte mehr Größe und Erhabenheit. Die antiken Philosophen bestimmten ein glückliches Leben als ein solches, das sich am Guten orientiert. Nicht Geld, Macht oder Ruhm sollten den Königsweg zu einem gelingenden Leben pflastern, sondern ethisches Verhalten. Mehr noch: Das Erkennen selbst wurde als Form des Glücks bestimmt. Und Erkenntnis, das war halt immer die vom Guten, Wahren und Schönen. Natürlich kann man heute den Alten auch nicht mehr alles glauben. Das ist Friedrich Nietzsche zu verdanken. Der behielt als Einziger einen klaren Kopf in der kalten Bergluft von Sils Maria, gegen die er sich mit warmen Socken wappnete, die die Mutter ihrem "Fritz" schickte. "Was liegt mir am Glücke!", rief Nietzsche verächtlich aus. Recht hatte er: Das Erkennen ist nun mal der Job des Philosophen. Es dann zum Glücksbringer zu stilisieren sieht doch stark nach einer berufsbedingten Missachtung der Arbeit anderer aus. Mit dem gleichen Recht wie ein Philosoph das Erkennen könnte ein Bäcker das Backen als Glück ausgeben.

Außerdem: Wer die irdischen Glücksgüter verachtet, gerät schnell in Verdacht, sie nicht zu haben. Vom Schönen und Wahren schwärmen immer die, denen es am Schnöden und Baren fehlt. Wer früher auf dem Marktplatz oder heute im Elfenbeinturm doziert, der hat einfach nicht genug Kohle für ein wildes Leben. Und ethisches Verhalten predigen auch nur die, denen das das elende Gefühl gibt, sich selbst ein bisschen besser zu finden als die anderen.

Die Philosophie versagt bei der Glückssuche also mal wieder völlig. Seit die Psychoanalyse erfunden ist, wagt auch keiner mehr zu sagen, das Glück der Erde liege auf dem Rücken der Pferde. Und selbst wenn die 68er im Verdacht stehen, dass mal ernsthaft getan zu haben, glaubt heute keiner mehr, eine Liaison mit einer politischen Idee haben zu müssen.

Dem postmodernen Hiob bleiben da nur noch zwei Wege zum Glück: die Einsamkeit und die Zweisamkeit. Einsamkeit sollte man sein lassen, das klingt so esoterisch. Außerdem ist es besser, gar nicht erst zu wissen, wohin man kommt, wenn man zu sich selbst kommt. Man könnte sich erschrecken. Aber da ist noch die Zweisamkeit, das von Jürgens besungene "Du(huhuu)". Der Wunsch, zu zweit ein einziger Kugelmensch zu sein, die totale Erfüllung im Taumel eines amour fou. Nun ist es aber so, dass man in der Liebe nie den anderen begehrt, sondern nur, von ihm begehrt zu werden. Und wenn das schon mal klappt, ist das auf Dauer ja auch ganz schön langweilig, immer begehrt zu werden. So endet das halt: Nach dem heißen Sex am karibischen Strand sitzt man auch nur wieder auf dem heimischen Einbausofa nebeneinander.

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