1 bis 6 Jahre

Porzellan für die Puppen.

6 bis 10 Jahre

Jüdin, aber nicht so richtig.

Meine Eltern waren bewusste Juden, aber keine religiösen. So bin ich ohne die jüdische Religion aufgewachsen. Obwohl der Antisemitismus in Wien tief verankert war und weiterhin ist, habe ich persönlichen Antisemitismus nie erlebt. Unsere Familie verkehrte mit Juden und Nichtjuden. Als Kind habe ich mich niemals gefragt, ob jemand, der zu uns ins Haus kam, um Musik zu machen oder mit mir zu spielen, ein Jude war oder ein Christ. Das waren Menschen, die ich entweder gern hatte oder nicht.

11 Jahre

Porridge von den Quäkern.

17 Jahre

Die Welt wirklich verändern.

Die Zwischenkriegsjahre waren eine wunderbare Zeit für mich. Die Kultur der Stadt und die Ideologie. Ich war durch meine Arbeit in der sozialistischen Jugendbewegung fest überzeugt, dass ich zur Generation gehörte, die die Welt wirklich verändern wird. Wir haben geglaubt, wir sind die Träger des sozialen Fortschritts, aber das war eine große Illusion. Für mich persönlich und für viele meiner Freunde eine sehr bereichernde Illusion. Ich glaube, die Beschäftigung mit der Zukunft ist für junge Menschen außerordentlich wichtig. Der Glaube, dass Verbesserungen möglich sind, das ist charakterbildend und bestärkend für junge Menschen und bringt Werte mit sich, die ein Leben lang halten.

20 Jahre

Ein Mann und ein Kind.

Paul Lazardsfeld war außerordentlich begabt. Er war sieben Jahre älter als ich. Ich war eine Anfängerin, er war etabliert. Ich habe von ihm sehr viel gelernt. Aber es waren viel persönlichere Dinge, viel emotionalere, als es zwischen uns angefangen hat. Was eben die Bücher über die erste Liebe sagen. Meine Eltern waren gegen die Ehe. Sie haben wahrscheinlich besser gewusst als ich, dass sich der Paul nie mit einer Frau begnügen würde. Aber es war nicht ihr Leben, das sich verändern würde, sondern meines. Die Entscheidung hatte wahrscheinlich auch viel mit meiner Rebellion gegen Autorität zu tun. Drei Jahre später kam Lotte auf die Welt. Mutter sein ist viel komplizierter als Vater sein. Denn wenn Lotte krank war, dann war die Wahl sehr einfach. Mit einem kranken Kind bleibt man zu Hause. Wenn sie aber nur schlecht aufgelegt war und gesagt hat, bleib bei mir, geh nicht in die Arbeit, war das unendlich viel komplizierter. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, das zu ihrem Vater zu sagen. Ich habe zu viel psychologisches Denken gelernt, um zu vergessen, dass es für ein Kind ganz wichtig ist, die Mutter nicht weggehen zu lassen. Wenn sie nur ein bisschen geraunzt hat, dann bin ich zwar weggegangen, aber ich hatte den ganzen Tag ein schlechtes Gewissen.

25 Jahre

Die Ehe scheitert.

Leider kann man mit dem eigenen Leben keine Experimente machen. Ich werde nie wissen, wie es gegangen wäre ohne meine Psychoanalyse. Wahrscheinlich habe ich die zahlreichen Konfliktsituationen in meinem Leben besser bewältigt, weil ich analysiert worden bin, aber beweisen kann ich das nicht. Der Anlass waren die Schwierigkeiten in meiner ersten Ehe. Ich dachte, dass mir mit größerer Selbsteinsicht die schweren Entscheidungen leichter fallen würden. Dass mein Selbstvertrauen gestärkt würde. Und es war ein sehr interessantes Erlebnis, wenn Sie einem gescheiten Mann jeden Tag eine Stunde lang alles erzählen können und er zuhören muss und nicht einschlafen darf. Als Kind habe ich Freud kennengelernt. Später las ich, dass Helene Deutsch einmal auf seiner Couch gelegen ist und der Teppich hat angefangen zu brennen, weil der Freud eingeschlafen ist und seine Zigarre auf den Boden fiel. Vielleicht war das auch nur eine Illusion, als ich dachte, mein Analytiker hört mir immer zu. Aber zumindest hat er nie den Teppich verbrannt. Ich glaube, die zeitlich befristete Ehe war eine gute Einrichtung, um ein Kind zu haben. Und dann 25 Jahre vollkommene Unabhängigkeit. Es hat sicher dazu geführt, dass ich mehr auf meinem Gebiet gearbeitet habe, als ich es in einer dauernden Ehe hätte machen können.

Früher Ruhm.

Noch heute wollen alle mit mir über meine Studie Die Arbeitslosen von Marienthal sprechen. Als hätte ich die letzten 66 Jahre nichts anderes geschrieben! Also gut. Ich glaube, die Arbeitslosigkeit wird für die nächsten 100 Jahre ein zentrales Problem für alle Länder in der Welt bleiben. Ich sehe keine andere Möglichkeit. Arbeit ist ein so wichtiger Bestandteil des menschlichen Lebens. Diejenigen, denen die Arbeit weggenommen wird, leiden immer - nicht nur wirtschaftlich und gesundheitlich, sondern in ihrer gesamten menschlichen Existenz.

29 bis 30 Jahre

Gefängnis und Würmer.

Als wir in Österreich noch nicht von den Nazis erobert waren, aber als in Deutschland die Juden verfolgt wurden und die Sozialisten in Konzentrationslager wanderten, zu der Zeit haben viele von uns gedacht, wenn nur die Westmächte eingreifen würden! Wenn nur die Welt zur Kenntnis nehmen würde, was da geschehen ist, dann kann vielleicht das Ärgste vermieden werden. Damals war der Westen eine Hoffnung, eine vergebliche Hoffnung, und das macht meine Einstellung zu dem gegenwärtigen Bombenabwurf in Jugoslawien kompliziert. Denn wenn der Westen frühzeitig eingegriffen hätte, vielleicht hätte es den Zweiten Weltkrieg nicht geben müssen. Unter dem austrofaschistischen Regime waren die Wiener Gefängnisse nur Gefängnisse, keine KZ. Es gab keine physische Folter. Das schlimmste waren die hygienischen Zustände. Würmer in der Erbsensuppe, Wanzen zu Tausenden.

Der erste Tag war hart. Der zweite schon nicht mehr ganz so schlimm. Ich bin mir erst viel später bewusst geworden, wie sehr historische Ereignisse und Zufälle mein Leben bestimmt haben. Zu der Zeit habe ich mir immer vorgemacht, alles sei meine eigene Entscheidung, aber das ist eine Illusion. In Wirklichkeit ist der Zufall viel größer als der freie Willen. Die furchtbare Entscheidung, die ich treffen musste nach neun Monaten Gefängnis - entweder weiterhin Gefängnis oder sofortige Ausreise aus Österreich ohne meine Lotte -, war die beste in meinem ganzen Leben. Wir wissen alle, was die Nazis mit mir getan hätten.

38 Jahre

Bomben auf London.

In London hätte jede Nacht die letzte sein können. Erst vor zwei Tagen hatte ich einen schrecklichen Traum davon, wahrscheinlich wegen Serbien. Ich habe geträumt, dass ich in meinem Schlafzimmer bin und die Bomben fallen. Ich will zum Schutz unters Bett kriechen, aber ich konnte das nicht zustande bringen. Ich sah damals viele schreckliche Dinge. Aber trotzdem, es war eine eindrucksvolle Zeit in London, weil die Schrecken des Krieges die Menschen besser und nicht schlechter gemacht haben. Die Engländer haben sich alle wunderbar benommen. Nach dem Krieg ging ich nach Amerika. Ich hatte sieben Jahre lang meine Tochter nicht mehr gesehen. Meine erste Stelle war eine Forschungsassistenz bei Max Horkheimer. Wir schrieben zusammen die Studie zur "autoritären Persönlichkeit". Ich glaube, Adorno war der brillantere von den beiden Frankfurtern, aber auch der verrücktere.

Ich hatte viele Meinungsverschiedenheiten mit Horkheimer und Adorno. Aber niemals wäre mir eingefallen, sie darauf zurückzuführen, dass ich eine Frau bin und sie die starken Männer. Frauen denken wirklich anders als Männer, aber nicht besser oder schlechter. Der Unterschied ist anatomisch bedingt. Ich bin überzeugt, dass das Körpergefühl der Männer grundverschieden ist. Die weiblichen physiologischen Erlebnisse sind so tiefgreifend. Irgendetwas im Berufsleben, im Geistesleben, im Gefühlsleben bei Frauen muss anders sein als für Männer.

50 Jahre

Die zweite Hochzeit.

Es kommt mir wie eine sehr gute Lösung für das Altern vor, dass ich mit 50 Jahren noch einmal geheiratet habe. Es vermeidet die Einsamkeit, es gibt einem die gefühlsmäßige Zugehörigkeit, es ist ein neues großes Erlebnis. Mit 50 Jahren hat man weniger Ehrgeiz. Obwohl, ich muss gestehen, ich habe dann noch eine Menge Dinge gemacht. Wissen Sie, das Gleichgewicht ist besser gewesen in meiner zweiten Ehe. Das Leben hat einen größeren Zusammenhang, eine größere Einheitlichkeit, wenn man zu zweit ist.

60 Jahre

Politisches.

Mein zweiter Mann war Abgeordneter der Labour-Partei. Ich habe mich immer wieder eingemischt. Vor allem in der sozialen Frage. Was für ein Glück es ist, dass ich nicht Ministerpräsidentin von Großbritannien geworden bin.

Mein Ehrgeiz in diese Richtung hat im Lauf meines Lebens immer mehr nachgelassen. Als wir jung waren, wussten wir auf alle schwierigen Fragen die Antwort. Heute ist das einzige, was wir haben, schwierige Fragen. Ich habe immer geglaubt, wir können eine bessere Welt schaffen, aber es ist nicht gelungen. Ich bin mir der technologischen Fortschritte sehr bewusst, aber im politischen Denken und im Gesamtzustand der Welt sehe ich keinen Fortschritt.

86 Jahre

Der Mann vergisst sie.

Am 23. November 1994 ist mein zweiter Mann gestorben. Er hatte Alzheimer. Er nahm immer weniger Notiz von mir. Manchmal sprach er von mir, als wäre ich nicht da.

Wieder eine Entscheidung. Ich hätte zu meiner Tochter und meinen Enkeln in Amerika ziehen können. Aber ich wollte nicht. Die alte Generation sollte nicht die junge belasten.

Meine Tochter und ihr Mann sind beruflich sehr aktiv. Ich habe eine Gesellschafterin, die für mich kocht, einkauft und Geschirr wäscht. Das ist die viel bessere Lösung, als die eigene Familie anzuketten. Und dann kann ich in meinem Haus bleiben. Ich wohne in Keymer in Sussex seit über 30 Jahren. Im Haus und im Garten kenne ich jeden Schritt. Das ist eine sehr große Hilfe.

87 Jahre

Ewige Nacht.

Seit dem Schlaganfall ist das Leben schwierig geworden. Besonders, weil ich blind bin. Was ich am meisten vermisse, ist das Schreiben mit der Hand. Und ich höre nicht gut, und meine Knie sind steif, und meine Arme funktionieren nicht so gut. All die normalen Alterserscheinungen. Ich bin aber froh, dass ich geistig an der Welt teilnehmen kann und nicht so sterben muss wie mein zweiter Mann.

92 Jahre

Spaziergänge.

Mein Bruder hat immer gesagt: ,Das Alter hat nur zwei Nachteile: Das erste ist die Vergesslichkeit, und das zweite habe ich vergessen.' Ich habe keine Schmerzen, und ich gehe noch mit meinem weißen Stock allein spazieren, weil ich das Gefühl der Unabhängigkeit schätze. Der Blindenstock hat mein Vertrauen in die Menschheit vergrößert. Wenn ich an einer Straßenecke stehe, dauert es nur zwei Minuten, und es kommt ein halbes Dutzend Leute, um mir über die Kreuzung zu helfen.

Ich habe mich überzeugt, dass das Sterben nicht schlimm ist. Als ich noch jung und dumm war, sah ich das Sterben als ein persönliches Erlebnis. Ich habe gesagt, ich will dabei sein, wenn ich sterbe, so wie bei der Geburt meiner Tochter. Heute weiß ich, das Sterben ist genauso wie das Einschlafen. Man schaut um 23 Uhr auf die Uhr, und das ist das letzte, was man noch weiß. Ich habe keine Angst davor. Es ist eine gute Einrichtung, dass es zu Ende geht, dass der Körper nicht immer mehr verfällt. Sonst würde einem zuletzt noch die Freude am Leben verdorben.