Auf dem Satellitenbild lässt sich vage der Umriss eines Dorfes ausmachen. Einige Flecken in der unteren linken Ecke sind ausschnittweise vergrößert: Undeutlich heben sich dort weiße Punkte vom grauen Untergrund ab. Das sei das Dorf Malisevo im Kosovo, erläutert der Nato-Sprecher Chuck F. Wald. Und die weißen Punkte seien Vertriebene. Südöstlich von dem Dorf irrten noch einmal Zehntausende Flüchtlinge umher. "Sehen wir sie? Ja, wir sehen sie tatsächlich", sagt Wald.

Aber für die Journalisten im Pressezentrum und für die Fernsehzuschauer war in den zurückliegenden Kriegswochen auf den Satellitenbildern nichts zu erkennen von den angeblich Tausenden Menschen. Auch die grell gelb gerahmten Bildausschnitte halfen bei der Interpretation nicht. Die Nato-Sprecher mochten weder verraten, woher die Bilder stammten, noch wie die Flüchtlinge beobachtet wurden. Die vorgeblichen Belege für einen Flüchtlingsstrom suggerierten lediglich, dass aus den Satellitenfotos das technisch maximal Machbare herausgeholt wurde. Aber stimmt das wirklich?

Seit Anfang der neunziger Jahre kreisen mindestens drei dieser Späher von der Größe eines Lastwagens alle anderthalb Stunden einmal um die Erde, und zwar im Abstand von 300 bis 800 Kilometern. Die beeindruckende Auflösung führt jedoch zum Verlust des Überblicks. Pro Überflug kann ein Keyhole- Satellit jeweils nur ein paar hundert Meter überschauen. Um doch ein größeres Gebiet zu erfassen, wird der Satellit in eine Kipplage manövriert, sodass sein Teleskop wie ein Suchscheinwerfer die Erdoberfläche abtastet. Keyholes sind Tag und Nacht einsetzbar und können mittels Wärmemessung sogar Bunker aufspüren, die 20 Meter tief in der Erde liegen. Durch Wolken können die Schlüssellochspäher allerdings nicht blicken. Deshalb kreisen im Dienst der Amerikaner noch mindestens zwei Lacrosse- Radarsatelliten, die auch bei bedecktem Himmel Objekte bis auf einen Meter genau am Boden wahrnehmen können.

Damit lassen sich prinzipiell auch Menschen aufspüren. "Mit Radar kann man sehr präzise Höhenunterschiede feststellen - bis auf einen Millimeter genau", erklärt Gerrit Dedden, Radarexperte bei der Rüstungsfirma Hollandse Signaal. "Radarsignale werden von Wasser besonders gut reflektiert, und Menschen bestehen zu einem Großteil aus Wasser." Moderner Radar registriert nicht nur, wie viele Signale von einem Objekt zurückgeworfen werden, sondern kann auch Bewegung sehr genau wahrnehmen. "Ein Spaziergänger ist mit bewegungsempfindlichem Radar schnell aufzuspüren." Die Lacrosse -Satelliten können daher in jeder Wetterlage große Menschengruppen lokalisieren, auch wenn sie in dichtem Wald umherirren.

Dennoch bekommt die Öffentlichkeit solche Bilder aus dem Kosovo nie zu sehen. Die Nato behauptet, sie wolle dem Gegner nicht allzu viel verraten. Offiziell heißt es, aus dem jeweils gezeigten Gebiet, der Tageszeit und weiteren Details könnten Belgrader Experten schließen, welche Bahn der Spionagesatellit am Himmel zieht und Militäraktionen darauf abstimmen. Doch dieses Argument scheint fragwürdig. Denn die Flugkoordinaten lassen sich mittlerweile schon aus dem Internet herunterladen. Die Daten stammen von Amateurbeobachtern aus der ganzen Welt, die die Bahnen der Satelliten verfolgen. Da klingt das Geheimhaltungsargument der Nato wenig stichhaltig.

Vielmehr scheint es so zu sein, daß die Amerikaner die fantastischen Leistungen ihrer Himmelsspione nicht allzu bekannt machen wollen. Und dass sie den eigenen Verbündeten misstrauen. Verteidigungsminister Scharping monierte bereits zu Beginn des Jugoslawien-Krieges in geradezu undiplomatischer Direktheit, man bekomme keinen direkten Zugang zu den Informationen der Amerikaner. Dann beklagte sich die EU-Kommissarin für Humanitäre Hilfe, Emma Bonino, über mangelnde "humanitäre Aufklärung". Erst Wochen nach Beginn des Krieges legten die Amerikaner geheime Satellitenbilder dem internationalen Gerichtshof in Den Haag vor, der daraufhin prompt Milocevic als Kriegsverbrecher anklagte.

Kein Wunder, daß die europäischen Außen- und Verteidigungsminister Mitte Mai ihre "mangelnde Handlungsfähigkeit" im Kosovo-Konflikt unter anderem auf "Defizite bei der militärischen Aufklärung" zurückführten. Mit dem Beschluss des EU-Gipfels in Köln vergangene Woche zur Stärkung der europäischen Sicherheitspolitik soll auch auf diesem Feld Abhilfe geschaffen werden. Schon vor Wochen forderte etwa der Vorsitzende des deutschen Verteidigungsausschusses, Helmut Wieczorek, den Bau eines europäischen Aufklärungssatelliten.