Ökonomen mögen als Pedanten gelten - aber Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) ist kaum zu schlagen. Eigentlich war der Mann Landwirt, er hatte 1810 in der Nähe von Rostock das Gut Tellow erworben. Doch er betand darauf, höchstpersönlich alle Bücher zu führen: Pedantisch notierte er, was ihn die Herstellung und Lieferung von Holz, Roggen oder Butter gekostet hatten - zehn Jahre lang. Und das war nur die Vorarbeit. "Der heutige Tag wird in meinem Leben einen bedeutenden und angenehmen Abschnitt machen", schrieb er in der Silvesternacht 1820. Er habe jetzt alle Daten zusammen, um sein Werk Der isolierte Staat zu beginnen.

Von Thünens Erbsenzählerei war kein Selbstzweck. Der Landwirt und Ökonom war auf der Suche nach der optimalen Nutzung landwirtschaftlicher Fläche - eine der wichtigsten Fragen seiner Zeit. Deutschland, zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch stark agrarisch geprägt, steckte im Umbruch: Die Zeiten der bäuerlichen Selbstversorgung gingen zu Ende, die wachsende Bevölkerung in den Städten verlangte nach immer neuen Produkten vom Land, im Export winkten zusätzliche Gewinne. Die ehemaligen Rittergüter im Agrarstaat Preußen zum Beispiel machten glänzende Geschäfte mit dem Getreidehunger Englands.

Die Antwort suchte er im Gedankenexperiment des "isolierten Staates" - in dem er manchen Kunstgriff späterer Ökonomengenerationen vorwegnahm. Von Thünen beginnt mit der Grundannahme, dass Landwirte zu ihrem eigenen Vorteil arbeiten und den Gewinn maximieren - er hat seinen Adam Smith gelesen. Außerdem benutzt er die Methode der isolierenden Abstraktion: Bis heute zeigen Ökonomen, wie eine ökonomische Größe von der anderen abhängt, indem sie alle anderen Faktoren gedanklich konstant halten. Von Thünen konstruiert ein ganz schlichtes Szenario: eine fiktive Marktstadt, ringsherum eine homogene landwirtschaftliche Fläche mit überall gleicher Bodengüte, ohne Flüsse oder Straßen. Es gibt ein einziges landwirtschaftliches Produkt, nämlich Getreide, und dessen Preis ist vorgegeben.

Siehe da: Mit Hilfe des Modells und der vielen Daten aus der Gutsbuchhaltung konnte von Thünen nun nachweisen, dass sich die modische Intensivwirtschaft gar nicht immer lohnt - nämlich dann nicht, wenn der Bauer allzu weit vom Zentrum ackert. Gedanklich verschob er seine eigene Gutswirtschaft Tellow im Raum - und ab einer bestimmten Entfernung von der Stadt zehrten die Transportkosten die zusätzlichen Erträge auf. Der Landwirt auf der Schwelle ist der sogenannte "Grenzanbieter". Erstmals bemüht der mathematisch talentierte Junker hier das Instrument der Grenzanalyse.

Im nächsten Gedankenexperiment gab von Thünen den Bauern die Wahl unter Produkten und Anbaumethoden - und zeigte so, warum sich die Gutsherren je nach Entfernung von der Stadt unterschiedlich entscheiden. Wie Jahresringe an einem Baum entstehen Zonen unterschiedlicher Nutzungsart, manchmal Thünensche Kreise oder Ringe genannt. Die Intensivwirtschaft findet nicht mal immer in der größten Stadtnähe statt, eben weil die Transportkosten eine so wesentliche Rolle spielen. Im innersten Kreis werden bei von Thünen leichtverderbliche Güter hergestellt wie Milch und Gemüse, außerdem transportempfindliche wie Heu, Kartoffeln und Rüben. Dann folgt überraschend die Forstwirtschaft (wegen teurer Holztransporte), dann verschiedene Formen des Getreidebaus, schließlich extensive Viehzucht.

Die praktischen Aspekte in von Thünens Arbeit haben wesentliche Grundlagen für den Übergang von der feudalen Selbstversorgungswirtschaft zum Agrarkapitalismus gelegt, und seine Methoden der exakten Kostenrechnung sind bis heute von Bedeutung. Doch vor allem war von Thünen die erste betriebliche Standorttheorie gelungen und eine ökonomische Lehre vom Raum. Erstmals sagte er voraus, nach welchen Regeln Flächen auch dann unterschiedlich genutzt werden, wenn sie gar keine natürlichen Unterschiede aufweisen.

Die Resonanz auf von Thünens 1826 veröffentlichtes Werk war gewaltig, die Universität Rostock ernannte ihn zum Ehrendoktor. Seine Erkenntnisse wurden ein Jahrhundert später wieder von Walter Christaller und August Loesch aufgenommen und auf ganz andere Wirtschaftssektoren übertragen, und Stadtgeografen fanden die Erkenntnisse vom Mecklenburger Land interessant: Um städtische Flächennutzung zu erklären, erwiesen sich Thünens "Ringe" nämlich als äußerst nützlich.