Gift für das Vertrauen

Der Dioxinskandal in Belgien hat Industrienahrung in Verruf gebracht - zu Unrecht

Mal schädigt Glykol den Wein, dann verderben BSE-Erreger die Lust auf Fleisch. Diesmal fraßen Hühner, Schweine und Rinder dioxinhaltiges Futter, und die Folgen belasten den halben Supermarkt: Eier, Gebäck, Käse und Pralinen gehören zu den bald 500 verdächtigten Produkten auf der Verbotsliste. Die unsichtbare Gefahr im Regal verunsichert nicht nur die Konsumenten in Belgien. Auch hierzulande stehen in den Verbraucherzentralen die Telefone nicht mehr still. Was können wir noch essen?, fragen ratlose Menschen. Und wie nach jedem Skandal verdammen sie die industrielle Landwirtschaft, sehnen sich nach Fleisch, Obst und Gemüse von Großvaters Bauernhof.

Doch die Sehnsucht nach alter Idylle entbehrt der Grundlage - das Essen in Deutschland ist besser als jemals zuvor. Drei Viertel der Nahrungsmittel kommen inzwischen aus der gern verteufelten Industrieküche; auch wenn sie nicht jedem schmecken, bis auf wenige, sehr ausführlich diskutierte Ausnahmen sind sie sicher, hygienisch, nahrhaft und erschwinglich. "Unsere Lebensmittel waren noch nie so gut wie heute. Ihre Qualität ist gut bis sehr gut", urteilt Rolf Großklaus, Leiter der Fachgruppe Ernährungsmedizin am Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV). "Mit einer Landwirtschaft wie vor 100 Jahren wäre die heutige Qualität der Nahrung nicht aufrechtzuerhalten."

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Wer ein belastetes belgisches Ei plus 250 Gramm des inkriminierten Hühnerfleisches verspeist, nimmt ungefähr 4000 Pikogramm (1 Pikogramm = 1 pg = ein Millionstel von einem millionstel Gramm) Dioxin auf. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Erwachsener speichert in seinem Körperfett 30- bis 90-mal mehr Dioxin (120 000 bis 360 000 Pikogramm), ohne irgendwelche Krankheitssymptome. Die gefürchtete Chlorakne, die die Seveso-Opfer entstellte, tritt erst bei 15 000fach höheren Dosen auf (60 Millionen Pikogramm), als die belgische Mustermahlzeit bietet. Als Dauerkost bleibt sie riskant, doch drohe keine unmittelbare, akute Gefahr, beruhigt die Deutsche Gesellschaft für Pharmakologie und Toxikologie. In einer Stellungnahme heißt es, der einmalige oder kurzfristige Verzehr der belasteten Produkte aus Belgien führe "nur zu geringen, noch duldbaren Zunahmen der Körperlast".

Dennoch sitzt der Schock tief. Dem Verbraucher sei angesichts des Skandals "nicht mehr bewusst, dass er dank einer funktionierenden Lebensmittelüberwachung ruhig schlafen kann", sagt Rolf Großklaus. In der Tat ziehen Dutzende von Ämtern jedes Jahr Zehntausende von Proben, unentwegt sind Kontrolleure unterwegs. Ohne Voranmeldung schauen sie Köchen in die Töpfe, prüfen das Frittenfett, inspizieren Lebensmittelhersteller, sammeln Proben in Supermärkten.

Die "Belastung von Lebensmitteln mit unerwünschten Stoffen und Rückständen geht weiter zurück", kommentiert das BgVV. Auch das jüngste schriftlich vorliegende Lebensmittel-Monitoring aus dem Jahr 1996 bestätigt "die allgemein geringe Belastung der Lebensmittel mit unerwünschten Stoffen". Von der Einlegegurke bis zum Lammnierenfett hatten die Prüfer 4692 Proben untersucht.

Direkte Messungen bei den Konsumenten, sowohl im Blut wie in der Muttermilch, zeigen deutlich abnehmende Werte für Dioxin und seine Verwandten (siehe Grafik). Gleiches gilt für Umweltgifte wie die polychlorierten Biphenyle (PCB) und Pestizide. Die Debatten aus den siebziger und achtziger Jahren über die Gefährdung von Säuglingen durch Muttermilch sind verflogen. Die Nationale Stillkommission empfiehlt "das uneingeschränkte Stillen", und zwar bis zum "Übergang auf die Löffelnahrung". Zudem könne man die Untersuchungen von Frauenmilch getrost einstellen, noch wird sie "auf Wunsch von interessierten Müttern" durchgeführt.

Andernorts wird umso emsiger geprüft. Allein in Hamburg wurden 13 000 Lebensmittelproben im Jahr 1997 untersucht. In 12 Fällen ergaben sich Gesundheitsrisiken: Meist handelte es sich um Fleisch aus Großküchen, auf dem allzu viele Bakterien siedelten. Und in einer Leberwurst steckte ein Metallspan. Insgesamt wurden zwar etwa 16 Prozent aller Proben beanstandet - doch die waren keine Gefahr für die Gesundheit, sondern falsch gekennzeichnet. Da enthält der Fleischsalat zu wenig Fleisch, oder billiges Persipan füllt die Marzipankartoffel.

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