Die Lehrer an der High-School in der Nähe von Boston trauten ihren Augen nicht: "Atari Teenage Riot, 60 Seconds Wipeout" stand auf dem Plakat, dazu ein Datum in den nächsten Tagen. Zwar wusste niemand, wer oder was Atari Teenage Riot war, aber es klang gefährlich, und dazu war von Auslöschung die Rede, von Auslöschung in 60 Sekunden. Bereitete hier jemand ein Massaker vor wie in Littleton, Colorado? War er diesmal so irre, es vorher anzukündigen? Die Polizei ließ die Schule räumen, ein Sprengstoffkommando rückte an, durchsuchte Klassenzimmer nach Bomben und Schusswaffen. Gefunden wurde nichts.

Wie auch? Das Plakat war bloß die Ankündigung des neuen Albums der Berliner Band Atari Teenage Riot. Die Schüler lachten über das beabsichtigte Missverständnis, und einer schickte sogar eine E-Mail nach Deutschland: "Wegen euch hatten wir einen Tag schulfrei, das war ziemlich cool." Die Berliner genießen solche Reaktionen - zeigen sie doch, wie ihr Erfolgsprinzip funktioniert: Jugendliche lieben sie für ihre Provokationen und Geschmacklosigkeiten, weil selbst die tolerantesten Eltern für sie kein Verständnis haben. Atari Teenage Riot leisten pubertäre Identitätsstiftung in Zeiten, da Rockmusik die Erwachsenen schon lange nicht mehr schreckt - sie sind das letzte Mittel, Erziehungsberechtigte in die Flucht zu schlagen. Die schleppen ihre Gören ja mittlerweile selbst zu Konzerten der Rolling Stones, wo diese von Mick Jagger obszöne Gesten lernen.

Alec Empire ist ein schlaksiger, dunkelhaariger Junge von 26 Jahren. Er tritt gern mit kajalgeschwärzten Augen auf; so sieht er aus wie eine Mischung aus Luke Skywalker, Iggy Pop und Christoph Schlingensief. Wie der Berliner Theatermann hat Alec Empire einen Sinn für verwegene Aktionen. Zuletzt nutzte er die Demonstrationen zum Revolutionären 1. Mai 1999 in Berlin als Werbespektakel für seine neue Platte 60 Seconds Wipeout , die soeben erschienen ist. Im Stadtteil Kreuzberg fliegen an diesem Datum jedes Jahr Steine, und Schaufenster und Autos gehen zu Bruch.

Kulturkampf auf dem Sattelschlepper.

Mit einem Sattelschlepper setzten sich Atari Teenage Riot an die Spitze des Demonstrationszugs. Auf dem Wagen türmte sich eine Batterie von Lautsprechern, daneben turnten die vier Musiker - gekleidet und aufgeputzt, als kämen sie aus einem japanischen Manga-Comic: Nic Endo, das jüngste Mitglied der Band, trug asiatische Schriftzeichen auf ihrem kalkweiß geschminkten Gesicht, der Rapper Carl Crack lugte unter seiner Afrofrisur hervor wie ein zu allem entschlossener Black Panther; die Sängerin Hanin Elias, ganz in Schwarz und mit kräftigem Makeup, schrie atemlos die Parolen des Tages, Empireschem Liedgut entlehnt: "Destroy 2000 years of culture!", zerstört 2000 Jahre Kultur! Und: "Deutschland has gotta die!", Deutschland muss sterben! Dazu grollten blecherne Rhythmen, quietschten grelle Melodien, ertönte ein schmerzhaft verzerrtes Gurgeln zwischen Rock, Punk und Techno. Und über allem thronte Alec Empire, ein Hohepriester des Krachs, der jede seiner Gesten von einer Videokamera aufzeichnen ließ, damit seine Botschaft später verbreitet werden könne: Uns und unsere Musik werdet ihr Erwachsenen niemals verstehen.

Daran ist Empire selber schuld. Denn sich selbst erklären mag er gar nicht gern. Bestenfalls erzählt er Journalisten, dass er im beschaulichen Westberliner Stadtteil Frohnau aufgewachsen ist und als 12-jähriger Breakdancer Polizeibeamte hassen lernte. Der ausländischen Presse berichtet er lieber von seinen Großvätern. Der eine sei als Sozialist im Konzentrationslager gestorben. Der andere habe die erste elektronische Strickmaschine erfunden und sei damit in den fünfziger Jahren Millionär geworden. Allerdings habe er - als sei's ein Roman von Kempowski - in den Sechzigern alles wieder verloren. Deutsche Schicksale.

Das eigene Schaffen weiß Alec Empire ebenfalls überlebensgroß zu stilisieren. Wie langweilig wäre ein Musiker, der der Welt lediglich Zeichen ästhetischer Dissidenz entgegenschleudert - wie Punkbands vor 20 Jahren. Nein, Alec Empire meint seine Liedtexte wirklich ernst. "Wir sind Anarchisten, wir lehnen einen Nationalstaat ab", sagt er. Und er träumt tatsächlich von einem Land, in dem Antifaschisten Nazirudel über nachtdunkle Kreuzungen hetzen. RAF-Mitglieder verklärt er zu romantischen Außenseitern. Gudrun Ensslin zitiert er mit dem Satz: "Auch Sex ist politisch."