Die Geister, die der Krieg rief

Der Kosovo-Konflikt und die Osterweiterung des deutschen Bewusstseins

Die Geister, die der Krieg rief

Mit dem Bombenkrieg gegen Slobodan Milocevic ist zugleich eine Zeit der intellektuellen und politischen Erregung und Überhitztheit zu Ende gegangen, eine Art Fieberzustand der deutschen Öffentlichkeit. Wie bei Fieberkranken üblich, redete das hektisch gerötete Kollektivbewusstsein mehr und schneller als bei Normaltemperatur. Von Tag zu Tag meldeten sich neue Schriftsteller, Philosophen, Gelehrte und Publizisten zu Wort, verteidigten oder verurteilten die Intervention, wollten immer schon Recht gehabt haben oder gaben ihre Konversionserlebnisse zu Protokoll. Es war eine wogende Meinungsschlacht, bisweilen mit unübersichtlichem Frontverlauf, und mehr als einer der beteiligten Streithähne wird sie wichtiger genommen haben als das reale Kampfgeschehen. Jetzt, da der heftig umstrittene Luftkrieg vorbei ist, kann man auch eine erste Bilanz der Debatte versuchen, eine Besichtigung der Thesen-Walstatt. Was ist da eigentlich vor sich gegangen seit dem 24. März, als die Angriffe begannen? Was war verantwortungsloses Gerede, ideenpolitisches Schreibtischstrategentum - und was hat Bestand? Welche Fragen bleiben, und welche neuen Lager haben sich formiert?

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Es waren ganz andere Kriegsgegner als die üblichen Verdächtigen, die nun auf sich aufmerksam machten. Alfred Dregger etwa, den man schon fast vergessen hatte, plädierte (in der FAZ vom 6. April) für eine Feuerpause und eine Verhandlungslösung - mit durchaus pragmatischen Gründen, aber zugleich mit unverkennbar amerikakritischer Pointe: gegen Interventionismus und Weltpolizistentum, für die Bewahrung der Nato als "erfolgreichstes Verteidigungsbündnis der Geschichte". Langsam formierte sich das Bild einer konservativen Opposition. War nicht auch State-Department-Metternich Henry Kissinger gegen diesen Krieg, ebenso wie der bewährte journalistische Haudegen Peter Scholl-Latour? Alte und jüngere Realpolitiker wehrten sich gegen das Gutgemeinte dieser humanitären Intervention, das leider, wie auch sonst im Leben, das Gegenteil des Guten sei. Die Essayistin Cora Stephan, die seinerzeit gegen die Gesinnungsethik des Pazifismus gestritten hatte, machte nun (in dem Buch Krieg im Kosovo) dieselbe gefährliche Blauäugigkeit auf der Seite der Bellizisten aus: "Es ist, als ob der alte Rigorismus der Friedensbewegung die Politik wieder bestimmte - diesmal nicht mit einem pazifistischen, aber mit einem moralischen Imperativ, der ebenfalls dazu angetan ist, alle Argumente unterhalb der großen moralischen Geste für belanglos zu erklären. Moralisierung ist das Zeichen eines sich zum Totalen hin wendenden Kriegsgeschehens. Die moralische Aufladung, die Dämonisierung des Gegners und die Ausweitung von Kriegszielen über die eigenen Interessen hinaus widerspricht einer uralten Kriegsökonomie, wonach es in Kriegen nicht um die Ausrottung des Gegners geht, sondern auf eine möglichst schnelle und möglichst wenig blutige Entscheidung in strittigen Fragen ankommt. Moral, das ist das entscheidende Argument gegen sie, macht Kriege tendenziell unendlich."

Der Bogen des "konservativen" Widerspruchs spannte sich weit nach rechts außen, bis hin zum Vorwurf der DVU gegen die Grünen, nun schickten sie deutsche Truppen in einen Krieg für fremde Interessen, während sie eben noch der Verunglimpfung braver Wehrmachtssoldaten durch die Reemtsma-Ausstellung applaudiert hätten. Der völkisch gewendete Exterrorist Horst Mahler war gleichfalls mit nationalistischer Polemik zur Stelle. Die PDS konnte natürlich auf eine eigene Ostblocktradition der Nato-Feindschaft zurückgreifen, sie verwaltete mit dem Antiamerikanismus aber zugleich ein linkes Erbstück, das sich auch rechts gebrauchen ließ. Früh schon fasste der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (in der FAZ vom 14. April) die überraschenden Umgruppierungen auf dem ideologischen Feld zusammen: "Die Reste der Friedensbewegung demonstrieren in Deutschland Seite an Seite mit den Anhängern eines Kriegsverbrechers. Zwischen Kommunisten, Gaullisten und Rechtsradikalen kommt es zu seltsamen Bündnissen."

Es wäre freilich ganz falsch, die Skepsis gegen die internationalistische Moral des Kosovo-Krieges ganz in diese Ressentiment-Ecke zu stellen. Sie hat auch einige der klügsten Beiträge dieser Wochen inspiriert. Dazu gehört die Bundestagsrede des CDU/CSU-Außenpolitikers Karl Lamers vom 15. April, in der er seine Zweifel am offiziellen Nato-Ziel der Wiederherstellung eines multiethnischen Kosovo anmeldete. Wenn Serben und Albaner nun einmal nicht zusammenleben wollen - haben wir das Recht oder auch nur die Fähigkeit, sie im Namen unserer Fortschrittlichkeit und Modernität, im Namen unserer Überzeugung von der Überholtheit des "völkischen" Denkens dazu zu zwingen? Auch nach dem Sieg über Milocevic ist mehr als fraglich, ob es dieses multiethnische Kosovo je wieder geben wird oder ob es am Ende von Serben "gesäubert" bleibt.

Darf man, muss man vielleicht sogar um der Durchsetzung der Menschenrechte willen Krieg führen - gegen den Buchstaben des Völkerrechts, gegen die Klugheitsregeln klassischer Realpolitik, gegen die relativistische Binsenweisheit "Andere Völker, andere Sinnen"? Das war der philosophische Kern des Disputs über den Nato-Einsatz. Jürgen Habermas hat sich, nicht ohne Kautelen, aber eindeutig in der Tendenz (in der ZEIT Nr. 18/99) zum Fürsprecher der Intervention gemacht, die er als wie auch immer unvollkommenen Vorgriff auf eine noch ausstehende Weltinnenpolitik rechtfertigte: Die Nato handelt gleichsam treuhänderisch für eine künftige globale Bürgergesellschaft, in der die Menschenrechte bindendes Gesetz, für jedermann einklagbar, werden. Gegen eine solche Prinzipienpolitik sind mancherlei Einwände vorgebracht worden, durchaus nicht nur im Sinne jenes Carl Schmittschen Ideologieverdachts gegen jede Moralisierung der Politik ("Wer Menschheit sagt, will betrügen"), den Habermas sogleich vorhergesehen hatte. Der Soziologe Karl Otto Hondrich wies (in der ZEIT Nr. 22/99) darauf hin, dass die Verweigerung eines wirklichen Kampfes durch die Nato, dass die bloße Prinzipienvollstreckung aus sicherer moralischer und flugtechnischer Höhe dem Gegner die Anerkennung verweigere und ihn entwürdige. Das Streben nach einer gleichsam klinisch sauberen Militäraktion "kann sogar einen Verlust der instinktiven Sicherungen und kulturellen Regelungen bedeuten, durch die jeder körperliche Kampf eingehegt ist. Hiroshima ist ein Fanal dafür, wie nah das Ideal des Krieges ohne Kampf und die verheerendste Vernichtungsgewalt beieinanderbleiben." Nur der Krieg für das Eigene, Konkrete, für Land, Leute und Lebensweise ist sowohl kraftvoll als auch begrenzt zu führen. Der Moralkrieg dagegen ist schwächlich und maßlos zugleich.

Nicht dass der Westen für Moralprinzipien ins Feld zog, wurde von den Kritikern bezweifelt. Sondern, erstens, ob diese Prinzipien wirklich universal, ob sie nicht doch typisch westlich seien - keine Menschheitsgesetze, sondern eben jene euroatlantische Sicht der Dinge, deren missionarische Ausbreitung über den Globus bei den übrigen Beteiligten eines clash of civilizations den Eindruck von Kulturimperialismus machen musste. War es nicht auch in Sachen politischer Moral besser, in einer multipolaren Welt zu leben statt unter einer Hegemonialmacht?

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