Keanu im Wunderland

Ein Cybertraum. "Matrix" ist das Kino-Abenteuer des Jahres

Zahlenreihen stürzen neongrün. Links oben blinkt ein Cursor, die Leinwand ist ein Bildschirm. Moderne Märchen sind digital. Schnitt. Nacht und Nebel, Regen. In einem heruntergekommenen Hotelzimmer wird eine junge Frau von Polizisten gestellt. Die schöne Lederlady setzt die Cops mit einem Kung-Fu-Wirbel außer Gefecht, flieht in Riesensätzen über die Dächer der Stadt. Zeit, Raum, Schwerkraft scheinen nicht zu existieren. Schnitt. Noch schläft Neo. Gleich schon wird sein Computer ihn mit der Nachricht wecken: "Folge dem weißen Kaninchen."

Es klopft. Vor der Tür eine Frau, sie trägt das Tattoo eines Kaninchens auf der Schulter. Alles ist wie im Märchen. Ist wie bei Alice, die einem Kaninchen nachläuft, bevor sie in die Tiefe stürzt, sich in das Wunderland träumt.

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Aber Matrix ist mehr als ein grandioses Cyber-Action-Spektakel. Die New York Times entdeckte "Einflüsse von Michel Foucault, Kabbalismus, Buddhismus, christlicher Eschatologie und surrealistischer Malerei - der Zuschauer treibt auf ihm wie ein Korken auf einem Meer von Religionen, Philosophien, Künsten und Wissenschaften". Das alles, und noch mehr.

Matrix ist schließlich der Film, der Keanu Reeves, den gefühligen Rebellen, endgültig zu dem Superstar macht, der er mit My Own Private Idaho und Speed bereits zu werden schien. Doch nach einer ganzen Serie von Flops überlegte der 34-Jährige schon, ob er nicht lieber mit seiner total erfolglosen Band Dogstar durch die Lande ziehen sollte, statt sich stets aufs Neue in den HollywoodDschungel zu wagen ("Ab und zu schicken die Produzenten mich rein"). Jetzt mussten Reeves und seine Darstellerkollegen Laurence Fishburne, Hugo Weaving und Carrie-Anne Moss zur Vorbereitung ein viermonatiges Tanz- und Kung-Fu-Training absolvieren. Mit Erfolg. Keanu ist nun endlich wieder im Wunderland.

Die Welt? Ein Videospiel, in dem man sterben kann

Was, wenn das Leben ein Traum wäre? Wir nur Gestalten im Traum eines anderen, sagen wir: eines Gottes? Das sind alte Fragen, gewiss. " We are such stuff / As dreams are made of, and our little live / Is rounded with a sleep ", sagt Prospero. Das Leben, ein Traum. Eine Furcht ist diese Vorstellung und eine Sehnsucht; die Angst, nicht real zu sein, und der Wunsch, einmal in einer anderen Welt wirklich zu sein. Das sind Kinderfragen, gewiss, deswegen sind es philosophische Fragen. Denn darum drehen sich die Fantasien von den Traumwelten letztlich: um das Problem des Selbstbewusstseins. Kann man seiner selbst und der Phänomene sicher sein?

Der Rationalist Descartes glaubte noch, den Zweifel bannen zu können. Auch wenn alle Welt Blendwerk eines trügerischen Gottes sei, meinte Descartes, ist doch eines sicher: dass wir es sind, die das denken. Im Zeitalter Künstlicher Intelligenzen aber ist längst nicht mehr klar, wer da denkt. Und in Cyber-Zeiten muss man Anderswelten nicht mehr träumen oder fantasieren. Man kann sie errechnen. Das ist die Wette oder besser das Experiment, das der Film eingeht: Was wäre, wenn unsere ganze Realität eine Computersimulation wäre? Und wenn man die Science-Fiction-Parabel übersetzt, lautet die Frage: Wie sehr ist unser Begriff von Realität durch Technologien beeinflusst, deren Wesen die Simulation ist?

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