Fantasma real
"Megacities", ein Film in zwölf Geschichten von Michael Glawogger
Das Kino ist ein fahrender Zug. Und jeder einzelne Film kann zum Waggonfenster werden, in dem eine neue Landschaft, der Hauch einer Geschichte, ein fremdes Leben aufscheinen. In dieser alten Metapher sind die frühen, scheinbar unschuldigen Filmreisen der Lumière-Brüder genauso enthalten wie die Ausfahrten, die der österreichische Regisseur Michael Glawogger hundert Jahre später nach Mexico City, Bombay, Moskau und New York unternommen hat. Die zwölf Geschichten vom Überleben, die er aus diesen Megacitys mitbringt, sind zwölf leidenschaftliche Blicke durch das Fenster des Zugs. Sie müssen einem strengen Belastungstest standhalten. Hinter der Neugier auf das Andere, auf fremde Lebensweisen zum Beispiel, wird heute rasch "Exotismus" vermutet. Außerdem: Wie viel Welt, wie viele Geschichten gehen in 90 Minuten Kino hinein, ohne dass am Ende Matsch herauskommt?
Die Souveränität, mit der Megacities solchen Bedrohungen begegnet, verdankt sich einem unbändigen Willen zur literarischen Konstruktion. Der dienstbare Dokumentarist wird zum gelenkigen Erzähler, und seine Protagonisten geraten zu Schauspielern. Ihr Tagewerk beginnt, wenn sich die offiziellen Wirtschaftskreisläufe schlafen legen - das gilt für den traurig schillernden Farbenmann Ali Akhbar wie für Cassandra, die Sexvarieté-Künstlerin aus Mexico City, für die kleinkriminellen Buben im Moskauer Kanalsystem wie für Toni, den Hustler, der in den Straßen New Yorks air pussy verkauft: heiße Vorlust, heiße Luft. Die aberwitzigen Tauschverhältnisse, mit denen sie ihre Existenz sichern, und ihre Versuche, in eine "bessere Welt" zu entfliehen, sind eng miteinander verknüpft. Eskapismus wird hier zur Lebensbedingung: Drogen und Alkoholismus, lesen und Märchen erzählen, musizieren und von der Liebe träumen, auf der Müllhalde tanzen wie Michael Jackson. Das alles ist weder desolat noch heroisch, sondern höherer Realismus.
Vielleicht ist es das, was manche Betrachter von Megacities so verstört - dass dieser Film inmitten der wirklichen Welt "den moralischen Reichtum" und die wilde Schönheit des Surrealen zu feiern beginnt.
- Datum 17.06.1999 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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