Das Prinzip GewaltverzichtSeite 3/3

Sowenig der Euro eine Kriegserklärung gegen den Dollar war, sowenig wäre die Europäisierung Europas ein unfreundlicher Akt gegenüber Amerika. Im Gegenteil, die Vereinigten Staaten würden entlastet durch eine Ordnung in Europa, in der ihre militärische Anwesenheit eine Art Notbremse wäre - eingebaut, aber kaum benutzt. Amerika könnte global tun, was es für richtig hält, aber in Europa hätte es die Regeln der Ordnung zu befolgen. Das ist der Preis seiner Entlastung, den es im Prinzip schon entrichtet hat, als es die Charta von Paris unterschrieb, sich am auszubauenden Vertragswerk der OSZE beteiligte und die Nato-Russland-Akte lobte.

Ein politisch handlungsfähiges Europa nimmt Amerika nichts von seiner militärischen Stärke. Es kann nur dafür sorgen, dass sie hier weniger gebraucht wird. Der atomare Schirm bleibt ohnehin, und ein nachlassendes Interesse Amerikas ist nicht zu befürchten: Dafür bleibt der Westteil Eurasiens global zu wichtig. Vielleicht kann Amerika auf diesem Weg sogar erfahren, dass die Summe seiner imponierenden gesellschaftlichen und kulturellen Kräfte attraktiver ist als seine überwältigende militärische Macht.

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Im Februar 1970 fragte mich der sowjetische Außenminister Gromikow besorgt, wann denn die politische Union Europas zu erwarten sei. Ich empfahl "Wiedervorlage in zwanzig Jahren". Die politische Handlungsfähigkeit war wohl ohnehin eine Illusion, solange Westeuropa auf den Schutz Amerikas vor der Sowjetunion angewiesen war. Nachdem der Schwall transatlantischer Bekundungen verhallt ist und sich der Qualm über den Trümmern Jugoslawiens gelegt haben wird, wird der Widerspruch zwischen der amerikanischen und der europäischen Logik unübersehbar werden. Es ist der Widerspruch zwischen fortdauernder amerikanischer Dominanz über Europa nach dem Rezept Roms: divide et impera und der Handlungsfähigkeit Europas nach eigenem Recht, zwischen Beherrschung und Selbstbestimmung Europas.

Nun lebt es sich erfahrungsgemäß so schlecht nicht auf unserem Kontinent, jedenfalls auf der Seite des Siegers. Aber inzwischen kann kaum bezweifelt werden, dass die globalen Probleme eher friedlich zu lösen sind als militärisch. Und die europäischen auch. Und dass die Neigung zu Interventionen nach den Erfahrungen auf dem Balkan ziemlich gedämpft sein wird. Wenn im Herbst in Wien die öffentlich fast vergessenen Verhandlungen der Konferenz über Sicherheit in Europa erfolgreich abgeschlossen werden, kann der Kontinent die Weichen zur Erlangung seiner Identität stellen. Sie werden seinen Weg bis weit in das nächste Jahrhundert entscheiden.

Egon Bahr war einer der Architekten der westdeutschen Ostpolitik.

 
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