Schaubühne des Schreckens
100 Jahre nach seiner Gründung erlebt das anatomisch-pathologische Kabinett der Charité eine Renaissance
Vorbei sind die Zeiten, in denen arme Eltern ihre missgebildete Totgeburt vom Apotheker in einem Glas mit Weingeist aufsetzen ließen und für Geld auf dem Jahrmarkt zeigten. Der Ultraschall macht selten, was nicht nur der Pöbel schon immer sehen wollte. Wer heutzutage Monstrositäten anschauen will, der stiehlt sich nach Berlin: ins Institut für Pathologie der Charité, dritter Stock.
Der Satz "Für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet" an der gläsernen Pforte ist eine Einladung. Eine Nonne aus Osnabrück steigt die bröckeligen Stufen hinauf, im Schlepptau 20 lärmende Schwesternschülerinnen, die bald verstummen werden. Ein Vater schiebt seinen neun Jahre alten Sohn voran ("der will mal Pathologe werden"); und zwei Damen aus Wilmersdorf, 59 und 62 Jahre alt und Tüten von Karstadt unterm Arm, sind ebenfalls gekommen, im Herzen Berlins die Reste der einst umfangreichsten Präparatesammlung der Welt zu besichtigen. Ein Flaumklumpen namens "Monstrum humanum amorphum", der eingeschlagene Schädel eines französischen Soldaten, der schwarze Fuß eines Diabetikers, der Birnenkopf einer Indiofrau oder etwa der vom Krebs zerfressene Hoden eines Namenlosen sind hier zur Schau gestellt - seit der Einweihung durch den Pathologen Rudolf Virchow vor genau 100 Jahren und der Wiedereröffnung im vergangenen Jahr wagt das Kabinett einen kühnen Balanceakt zwischen Wissenschaft und Show.
"Ich versuche meine Fantasie zu zügeln, anders kann man hier nicht arbeiten", sagt Petra Lennig, die in Jeanshosen mit Schlag und schwarzer Bluse zum Dienst erschienen ist. Bevor der erste Besucher kommt, stellt sie die Fenster auf kipp, damit später keiner umkippt. Dass die fürsorgliche Museumsdirektorin eine Doktorin der Philosophie ist (und nicht etwa der Pathologie), dass die 44 Jahre alte Frau kein Blut sehen kann, bisher noch jeder Leiche aus dem Weg gegangen ist und folgerichtig den Institutskeller meidet, gehört in dem Klinkerbau zu den harmlosen Absonderlichkeiten.
Nachdenklich stimmt das Schicksal des Biologen Peter Krietsch, der ursprünglich Zoodirektor hatte werden wollen. Nach einem Praktikum blieb er, stieg auf zum Kustos und bewahrte dieses Haus der Opfer zu DDR-Zeiten vor dem Untergang. Zur Tragik des hageren Mannes gehört, dass er nicht nur seine Präparate in Alkohol einlegte und sich dadurch um die Früchte seines Lebenswerks gebracht hat. Und so übernahm Petra Lennig, eigentlich Historikerin an der Charité, Anfang des Jahres Krietschs Job, den sie nur noch so lange ausüben muss, bis der neue Direktor gefunden ist, und der ihr bis dahin "eine Menge Respekt" einflößt.
Das alles ahnen die Schülerinnen und Schüler der Berufsschule in Magdeburg nicht, als die Frau Doktor phil. ihnen an diesem Morgen einen "interessanten Rundgang wünscht, einen schönen kann man ja nicht wünschen". Zu den 1000 schaurigen Schaustücken zählen die Unterleibsgeschwülste der Kutschersfrau Sape, die nur 34 Jahre alt wurde. In der Nähe liegt der Wurmfortsatz von Friedrich Ebert, Reichspräsident. Der Nachtwächter Wilhelm Wendt ging vor 100 Jahren zugrunde an Steinen in der Milz, die hier ausliegen. Die ältesten Exponate sind Jahrgang 1729: sechs Harnblasensteine eines jungen Mannes. Die Fundstücke rühmte man in Berlin als Seltenheit, da sie "fast gar nicht in den Ländern sich erzeugen, wo nur Bier getrunken wird", notierte ein früher Anatom. Bizarr erscheint das Ende eines 32-Jährigen: Sein praller Darm von der Dicke eines Oberschenkels windet sich in einem Zylinder aus Plexiglas. "Kotstau durch Unterbrechung der Nervenversorgung eines Darmabschnitts" steht am dicksten Darm der Welt. "Todesursache: Kompression lebenswichtiger Organe."
Wie magisch festgehalten, verharren die Besucher vor der Vitrine mit den Zyklopen, Sirenen und Spottgeburten. Das war im vergangenen August, als sich in der Berliner "Langen Nacht der Museen" 4500 Menschen vor den beleuchteten Gläsern drängten, genauso wie an diesem Tag. Vor den Augen der Betrachter baden die Föten in Formalin und Glyzerin. Das Gemisch, das die zersetzende Aktivität der Bakterien stoppt, hat den allzu leicht entflammbaren Alkohol verdrängt. "Voyeurismus ist dabei, und ich spüre ein angenehmes Gruseln", sagt Uwe von Lipinski, ein 37 Jahre alter Telekom-Beamter aus Herne. "Es hat für mich eine gewisse Ästhetik." Von der lassen sich auch Studenten der Kunsthochschulen verzaubern, wenn sie ihre Skizzen zeichnen.
Abartige Föten kämen durch Verkehr mit dem Teufel auf die Welt oder etwa durch Hurerei von Priestern und Kardinälen, glaubten die Menschen früher. Ende des 18. Jahrhunderts wollte die Obrigkeit solchem Aberglauben die Basis entziehen und ließ Missgeburten zur Examination nach Berlin schaffen. 1794 befahl das preußische Allgemeine Landrecht unter Androhung von Zuchthaus: "Wenn Leibesfruechte, die gar keine menschliche Gestalt zu haben scheinen, lebendig zur Welt kommen, so sollten weder die Aeltern, noch die Hebamme, dergleichen Geburt eigenmaechtig fortzuschaffen sich unterfangen." Und im Jahre 1811 bekräftigte ein Erlass, dass "alle menschlichen Mißgeburten bei Erstattung der anfallenden Unkosten dem Anatomischen Institut zugesandt werden" müssten - damit machte die Wissenschaft die Zurschaustellung erstmals gesellschaftsfähig, und fortan hatten die übelsten Launen der Natur einen Platz in Berlin.
- Datum 24.06.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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