Die Hoffnung aus Bonn

Warum die Berliner Wirtschaft dringend Überlebenshilfe braucht von Klaus-Peter Schmid

Die Waggons mit den Umzugskartons des Bundeswirtschaftsministeriums sind an der Spree eingetroffen, am Wochenende tummeln sich in Berlin die wohnungssuchenden Rheinländer, Zug- und Flugpläne für die künftigen Pendler stehen. Nicht wenige Berliner fühlen sich von den Provinzlern in ihrer Ruhe gestört. Aber langsam spricht es sich herum: Die Hauptstadt braucht den Umzug von Regierung, Parlament und allem, was dazugehört. Endlich erhält die Wirtschaft einen Schub, kommt mehr Kaufkraft in den Handel, gibt es Nachfrage nach Büros und Wohnungen, bringen Politik, Diplomatie und Medien neues Leben in die Stadt. Und vor allem Jobs.

Eine Zahl kursiert in der Stadt: Mindestens 40 000 Arbeitsplätze werden mit dem Umzug entstehen, sofort und unmittelbar. Für Alexander Eickelpasch vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist das "eher obere Kante". Aber bei einer Arbeitslosenquote von 16 Prozent wird gerne optimistisch übertrieben. In Wahrheit hat Berlins Wirtschaft Impulse bitter nötig, denn sie ist in einem miserablen Zustand. Als einziges Bundesland schaffte die Hauptstadt im vergangenen Jahr kein Wirtschaftswachstum: Minus 0,3 Prozent hieß die Bilanz am Jahresende.

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Dass Berlins Wirtschaft so tief gefallen ist, verdankt sie vor allem der galoppierenden Deindustrialisierung. Längst verblichen ist der alte Glanz von the German Chicago, über das vor gut hundert Jahren Mark Twain nach einem Besuch in der Reichshauptstadt berichtete. In den dreißiger Jahren galt Berlin nach London, New York und Chicago als viertgrößte Industriemetropole der Welt. Ihre mechanische und elektrotechnische Industrie hatte Spitzenrang, über ein Viertel aller deutschen Aktiengesellschaften residierte an der Spree. Dann machte der Kalte Krieg Berlin zur geteilten Stadt und West-Berlin zu einer Insel. Mit gewaltigen Subventionen wurden Investoren an die Spree gelockt. Der Westteil wurde zur Tabak-, Schokoladen- und Kaffeestadt. Bis zur Wende kamen drei von vier in Deutschland hergestellten Zigaretten aus Berlin. Häufig wurde nur Lohnveredelung für westdeutsche Unternehmen betrieben - aber das waren Arbeitsplätze. Bis zu 20 Milliarden Mark ließ sich der Bund die Berlin-Hilfe Jahr für Jahr kosten, Umsatzsteuerpräferenz und andere "Zitterprämien" wurden von den Investoren gerne eingestrichen.

Doch 1989 fiel die Mauer, und Ende 1994 war es vorbei mit der Bonner Großzügigkeit. Prompt verschwand die Austria-Tabakfabrik aus der Stadt, ebenso Rothmans und Reynolds; die British American Tobacco verlagerte die HB-Fabrikation bis Ende 1998 von Spandau nach Bayreuth. Noch 1990 hatte der Konzern Kraft-Jacobs-Suchard eine Schokoladenfabrik (Milka, Lila Pause) im Bezirk Neukölln eröffnet, fünf Jahre später wurde die Produktion vollständig ins badische Lörrach verlegt.

Ein Aderlass ohnegleichen auch bei Traditionsfirmen. Siemens bot 1985 noch 24 000 Menschen Arbeit, heute sind es 14 000; 1998 wurde der letzte Siemens-Vorstand nach Erlangen abgezogen. Von der einstigen Hochburg AEG ist fast nichts übrig geblieben, in den Tegeler Borsig-Hallen macht sich ein Einkaufszentrum breit. Hoechst-Trevira, IBM, Elida-Gibbs, DeTeWe, ABB - sie alle haben Fabriken dichtgemacht.

In Ostberlin nahm der Ausverkauf der Industrie nach der Wende dramatische Formen an. Wie in anderen Städten der ehemaligen DDR schrumpften Kombinate und Volkseigene Betriebe zur Unkenntlichkeit oder verschwanden ganz - und mit ihnen die Arbeitsplätze. Zu DDR-Zeiten bot die Metall- und Elektroindustrie Ost-Berlins 118 000 Menschen Lohn und Brot; schätzungsweise 20 000 sind davon übrig geblieben. Einstige Großbetriebe wie Narva (Glühlampen) und EAW-Elektro Apparate Werke stehen heute nur noch für große Immobilienprojekte.

Natürlich ist die Industrie nicht ganz ausgestorben. Daimler baut die Motoren für den smart im Stadtteil Marienfelde, BMW seine Motorräder in Spandau. Im Osten der Stadt hat sich DWA-Bombardier, das einstige Kombinat Schienenfahrzeugbau Berlin, gehalten. Dazu kommen Unternehmen wie die Bundesdruckerei in Mitte, mit 2250 Mitarbeitern Berlins fünftgrößter Industriebetrieb, oder erfolgreiche Mittelständler wie Deutschlands größter Pizzabäcker Ernst Freiberger in Reinickendorf. Wer allerdings nach einem originären Berliner Industrieunternehmen von Rang sucht, der findet einzig Schering, den ersten Hersteller der Pille außerhalb der USA.

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