Die Macht der Widmungen
Nachlässige Leser mögen die Grußadressen in Büchern für eine reine Privatsache der Schreibenden halten: Hier müssen soziale Pflichten erfüllt werden, die sie eigentlich nichts angehen. Doch weit gefehlt. Es ist auch ein Pakt mit den Lesern, den ein Autor bei der Abfassung einer Widmung einhalten muss: Er ist verpflichtet, ihnen einen flüchtigen Blick auf den Menschen hinter dem Buch zu gewähren.
Den missratenen Widmungen kommt dabei die größte Wirkung zu. Die nach 1933 von Martin Heidegger getilgte und nach 1945 wieder eingesetzte Dedikation von Sein und Zeit an Edmund Husserl ist eines der extremsten Beispiele. Normalerweise aber ist das Desaster kein moralisches. Es hält bloß die Leser vom Zugriff ab. In Deutschland wird gerne diesem und jenem und noch einem Herrn Professor für segensreiche Geduld oder Ungeduld gedankt, des weiteren diversen Privatdozenten, nicht zu vergessen die tapferen Doktorinnen und Doktoren, die gemeinsam mit dem Autor durchgehalten haben. Das Buch eines Menschen aber, der selbst seinen Freunden unter Angabe ihres Titels huldigt, sollte man umgehend aus der Hand legen. Denn wie sollte ein serviler Geist ein souveränes Buch verfassen?
Junge Akademiker, die nichts falsch machen wollen, versehen ihre frühen Werke gerne mit einem schlichten "Meinen Eltern". Aber das ist für Leser so langweilig, dass sie sich zur Strafe von den Verfassern ein langweiliges Bild machen. Schon besser ist es, wenn wenigstens die Namen der Erzeuger mitgeteilt werden - aus einem schlichten "Für Frido und Irene Heugabel" kann unsere Fantasie schon allerhand machen. Ein besonders schwieriges Widmungsgenre ist die Dankabstattung unter Eheleuten. Liebespflichten können nämlich auch übererfüllt werden. Die Gattin des Philosophen John Searle, der ihr aber auch jede seiner Publikationen widmet, stellt man sich unvermeidlich etwas drachenhaft vor. Um wie viel glücklicher ist da der Dreizeiler, mit dem Jürgen Habermas das Buch Der philosophische Diskurs der Moderne (Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1985) seiner Tochter zugeeignet hat: "Für Rebekka, / die mir den Neostrukturalismus / nähergebracht hat". Der zarte Komparativ macht die Sache glaubhaft und hebt eine Grundspannung des Textes hervor.
Ein guter Kunstgriff ist die Verbeugung vor Leuten mit Namen, in denen selber bereits ein Geheimnis steckt. Dieter Thomä hat sein jüngst erschienenes Buch Erzähle dich selbst (Beck-Verlag, München 1998) unter die Patenschaft von Magnús Baldursson und Sigridur Thorgeirsdottir gestellt, was für den beängstigenden Titel durchaus entschädigt. Raffiniert sind auch enigmatische Widmungen, wie wir eine in Albrechts Wellmers fulminanten Endspielen finden (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993). "Für die Eisbären" heißt es da. Fällt einem die amerikanische Ausgabe in die Hände, die auf dem Umschlag einen Eisbären auf der leeren Bühne des Wuppertaler Tanztheaters zeigt, bekommt die Sache einen zusätzlichen Dreh. Was man für die Reminiszenz an einen privaten Zirkel hielt, verwandelt sich in die Animation durch eine künstlerische Metapher.
Die Magie von Widmungen kann sich sogar auf ihre Adressaten erstrecken. Über dem Eingang zu Charles Taylors monumentalem Buch über Hegel (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1978) findet sich die Inschrift "To Karen, / who stepped in at the beginning / and thought it would never end". Der klatschsüchtige Leser denkt sich eine entnervte Geliebte, die das Entstehen des tiefgründigen Werkes mit dem Sopran ihres Quengelns begleitet. In Wahrheit jedoch handelt es sich erneut um eine Tochter, die zur Welt kam, als der Vater gerade in die Welt Hegels aufgebrochen war. An der Rolle, die er der damals Neugeborenen später entworfen hat, scheint sie Gefallen gefunden zu haben. Jene Karen, die hereingesteppt kam, um die Leser einen Augenblick lang in Atem zu halten, sie wurde im wirklichen Leben - Tänzerin.
- Datum 24.06.1999 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26/1999
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