Was Ambrose Bierce von Shiloh sah
Der amerikanische Schriftsteller und Journalist beschrieb als Erster dieSchrecken des Bürgerkrieges
Man kann nicht sagen, dass ihm viele nachgeweint hätten. Schon gar nicht seine Feinde. Und davon hatte Ambrose Bierce, als er am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1913 spurlos verschwand, mehr als jeder andere Zeitgenosse. Er starb, wie er gelebt hatte: allein. Was nach ureigenster Definition hieß: in schlechter Gesellschaft. Da war er 71 Jahre alt und allem Anschein nach nicht einmal verbitterter als sonst - der mysteriöse Abgang in den Wirren des mexikanischen Bürgerkrieges war wohl nur sein letzter makabrer Scherz.
"Ambrose Gwinett Bierce, 1842-1914?". Dieses Fragezeichen der Literaturgeschichte hängt immer noch in der Luft. Stumm und unbeantwortet, wie sein jüngster Biograf zugibt. Auch Roy Morris, Herausgeber eines Standardwerkes über den amerikanischen Bürgerkrieg, ist es nicht gelungen, Licht in das Dunkel zu bringen. Unter zahlreichen eher plausiblen (von Banditen erschossen) oder eher abstrusen Theorien (von Außerirdischen entführt, von kannibalischen Indios verspeist) bevorzugt Morris die Selbstmordversion: Danach hätte der Schriftsteller vorsätzlich eine falsche Fährte nach Mexiko gelegt, um sich anschließend in den Grand Canyon zu begeben, mit dem Vorsatz, sich an einer geeigneten Stelle ein hinreichend großes Loch in den Schädel zu schießen.
Eine Konsequenz, die zweifellos zu ihm gepasst hätte. Selbstmord stand an zweiter Stelle der Themen, von denen Bierce lebenslang besessen war, gleich hinter Blasphemie. Als Service für seine Leser verfasste er einmal eine Gebrauchsanweisung in der Kunst des Suizids: "Rasierklingen sind durchaus zuverlässig, nur muss ihrer Anwendung das Wissen um den Sitz der Halsschlagader vorausgehen. Veranschlagen Sie mindestens eine halbe Stunde nach Dienstschluss." Nicht minder bösartig sein Vorschlag für eine Neufassung des Vaterunsers: "O Herr, der Du, wie wir für den Zweck dieses Bittgebets annehmen wollen, Himmel und Erde erschaffen hast; und der Du, sagen wir mal, von Ewigkeit zu Ewigkeit währest: Dich flehen wir an, Deine Aufmerksamkeit zu richten auf einen Haufen der verworfensten Affenärsche, auf denen Dein Auge ruhen zu lassen Du jemals das Vergnügen hattest. Dies im Namen Deines Sohnes, den wir aufgeknüpft haben, Amen." Wie gesagt: Freunde machen konnte man sich im Land der Pilgerväter mit solcher Prosa nur bedingt.
Als ätzender Kommentator, als journalistisches Scharfgericht und literarischer Henker in einer Person fiel Ambrose Bierce vierzig Jahre lang über seine Landsleute her. Was andere neben ihm hervorbrachten, machte er umbarmherzig nieder. Eine typische Kurzkritik aus dem Frühjahr 1882: "Der König der Langweiler, Oscar Wilde, ist mit seinem opulenten Geschwätz bei uns eingefallen. Dieser unverbesserliche Stümper hat nichts zu sagen, und doch tut er dies mit großzügigen Kostproben schlechter Vortragskunst. Nie hat es einen abscheulicheren Aufschneider, einen größeren Holzkopf und einen platteren Phrasendrescher gegeben. Mehr fällt mir dazu nicht ein." Das zeugt immerhin noch von einem gewissen Respekt gegenüber dem berühmten Kollegen Wilde.
Andere kanzelte Bierce kürzer ab: "Aufgeblasene alte Schweinshaut", "Nasalprophet", "salzverkrusteter Schmalzfresser" - um Ausdruck war er als Kritiker nie verlegen. Freilich drosch er nicht nur mit dem Säbel; ganz nach Belieben standen ihm Schmähungen aller Art zur Verfügung, bis hinein in die feinste Ziselierung. Rühmte er zum Beispiel den "außerordentlich flüssigen Stil" eines Dichters, so verglich er ihn im nächsten Satz garantiert mit einer "Schlafzimmergarnitur, die im Sturzbach die Treppe herunterpoltert". Ein missglücktes Versmaß erinnerte ihn schon mal an das "rhythmische Gurgeln und Plätschern der Pumpe am Straßenrand, mit der gerade eine Pferdetränke gefüllt wird". Selbst als Weinkritiker setzte Bierce Maßstäbe. Über den berühmten kalifornischen Winzer Arpad Haraszthy schrieb er: "Sein Wein besitzt ein ganz eigenes Bouquet. Er kitzelt den Gaumen und gluckert, wenn er durch die Kehle rinnt. Er erwärmt das Herz und verbrennt die Magenschleimhaut." Der prompten Klage des Winzers auf Widerruf kam Bierce wie folgt nach: "Arpad Haraszthys Wein besitzt kein ganz eigenes Bouquet. Er kitzelt nicht den Gaumen und gluckert nicht, wenn er durch die Kehle rinnt. Er wärmt nicht das Herz, er verbrennt nicht einmal die Magenschleimhaut."
Der Leser sollte staunen: "Du lieber Herr Gesangverein!"
Man schätzt, dass Bierce alles in allem an die vier Millionen Wörter zu Papier gebracht hat. Der größte Teil war journalistisches Tagwerk - als Kolumnist, als town crier, als prattler wurde Bierce erst in San Francisco, dann landesweit zur Institution. Der Zeitungszar William Randolph Hearst heuerte ihn 1887 für den San Francisco Examiner an; eine gute Wahl, wie sich bald zeigte, denn Bierce passte hervorragend ins Konzept der Zeitung, welches darin bestand, jede Titelseite so zu gestalten, dass die Leser beim ersten Anblick unwillkürlich "Dunnerlittich!" riefen; auf der zweiten Seite musste die korrekte Reaktion "Lieber Herr Gesangverein!" lauten, auf der dritten Seite "Allmächtiger!"; alles unterhalb dieses Niveaus wurde als misslungen b etrachtet.
- Datum 24.06.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26/1999
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