Das Licht von Oklahoma
Von Ralph Ellison, der mit seinem Roman "Der unsichtbare Mann" weltberühmt wurde, erscheint jetzt "Juneteenth" aus dem Nachlass
Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man die Uhr um ein paar Stunden zurückdrehen möchte, damit die Welt wieder ins Lot kommt. Als Ralph Ellison am 29. November 1967 vom Einkaufen in Plainfield, Massachusetts, zurückkam, sah er sein Sommerhaus in Flammen stehen. Seine Frau versuchte, das Fenster seines Arbeitszimmers aufzubrechen, doch Feuerwehrleute hielten sie zurück. Mit dem Haus verbrannte das Manuskript eines Romans, an dem Ellison zwölf Jahre lang gearbeitet hatte. Es gab keine Abschrift. Drei Auszüge aus dem geplanten Buch waren zuvor in amerikanischen Zeitschriften erschienen. Einer davon trug den Titel Juneteenth .
Über das, was nach dem Brand mit Ellison und seinem Werk passierte, gibt es verschiedene Berichte. Der Autor selbst bemühte sich, den Schaden herunterzuspielen. Zehn Tage nach dem Unglück schrieb er einem Freund, er habe den Großteil des Romans immer noch im Kopf und müsse ihn nur aufschreiben. Zwei Jahre später erklärte er, das Feuer habe die Arbeit von zwölf Monaten vernichtet, aber er sei dabei, das Verlorene zu rekonstruieren. Im Jahr 1980 sagte er in einem Interview, es sei ihm gelungen, "das meiste wieder zusammenzufügen".
Das Buch mit dem Titel Juneteenth , das am 19. Juni in den USA erschien, besteht zwar aus Texten von Ralph Ellison, aber es ist nicht Ellisons Werk. Sein Nachlassverwalter John Callahan hat Juneteenth in zweijähriger Arbeit aus den etwa 1500 Manuskriptseiten, die er in Ellisons Arbeitszimmer vorfand, zusammengestellt. Die amerikanischen Meinungen über den Erfolg von Callahans Operation sind geteilt. Der Kritiker der New York Times nannte das Buch eine Mischung aus "losen Ziegeln" und "Textzement" und verglich es mit "Frankensteins Monstern", während die Rezensenten von Time und der Los Angeles Times das Geschick des Herausgebers lobten. Freunde Ellisons, denen der Autor Teile seines Manuskripts zum Lesen gegeben hatte, beklagten das Fehlen wichtiger Passagen. Einig waren sich die Kommentare nur darin, dass es sich lohne, auf die von Callahan versprochene Studienausgabe zu warten, die sämtliche von Ellison hinterlassenen Fragmente enthalten soll. Doch da Philologen nur einen Bruchteil der Menschheit ausmachen, wird das Buch wohl so gelesen werden, wie Callahan es ediert hat.
Juneteenth beginnt mit einem Knalleffekt. Der schwarze Prediger einer kleinen Südstaatengemeinde, Alonzo Hickman, ist mit einigen seiner Schäfchen nach Washington gekommen, um den weißen Senator Adam Sunraider vor einem Attentat zu warnen. Die Bürodamen des ultrakonservativen Politikers lassen Hickman abblitzen, und so muss er hilflos mit ansehen, wie Sunraider während einer seiner wirren hurrapatriotischen und rassistischen Reden von einem jungen Schwarzen niedergeschossen wird.
Der Mann hatte zwei Leben. Ein schwarzes, ein weißes
Doch der Augenblick der Bluttat ist auch ein Moment der Erleuchtung. Im Zusammenbrechen hört Sunraider Hickmans Stimme im Publikum und erkennt in ihm seinen einstigen Ziehvater und Freund. Der Senator hat zwei Leben gelebt, ein schwarzes und ein weißes. In seiner ersten Existenz hieß er Bliss, Segen, und zog als kindlicher Prediger mit Hickman durch den amerikanischen Süden, von Kirche zu Kirche, von Zelt zu Zelt.
Der Rest des Buches, 300 von 350 Seiten, spielt an Sunraiders Bett im Krankenhaus. Die Situation gleicht der eines Einakters im Theater: zwei Männer in einem Raum, abgeschirmt von der Außenwelt; einer sitzt, einer liegt, einer lebt, einer stirbt. Doch es entspinnt sich kein Gespräch. Jeder der beiden spricht seinen eigenen Monolog, träumt seinen eigenen Traum. In Hickmans Erinnerungsschub fahren wir im Wagen des Wanderpredigers durch die Südstaaten, hören den Sermon der Gottesdiener, den Singsang der Massen und die Schreie der Betörten und erfahren, wie Bliss, das Mischlingskind einer weißen Mutter, als Sühneopfer für eine furchtbare Schuld in Hickmans Haus zur Welt kam.
- Datum 01.07.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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