Julia und die Geister
Roger Michells scheinbar romantischer Film "Notting Hill"
Sie hat diese Augen, in denen das Licht sich auszuruhen scheint, bevor es zurückfällt an den körperlosen Raum. Das wäre nichts Besonderes, tobte in ihrem Gesicht nicht jener ständige Kampf zwischen Lachen und Weinen, der ihre Lippen auseinanderreißt und die Zähne entblößt, während sich oben schon die Tränen ballen und die Stirn sich verdunkelt in Zorn und Schmerz. Sie strahlt oder flennt, dazwischen gibt es nur wenig, was sie ausdrücken kann. Doch in den Extremen ist sie unerreicht. Das Verletztsein ist ihr Naturzustand, darum braucht sie so dringend das Gegenmittel, die grinsende Freude, die rasende Heiterkeit. Sie hungert nach Licht, damit ihre Dunkelheit leuchten kann, und die Fotografen, die Scheinwerfer, die Kameras schenken es ihr.
Sie heißt Anna Scott. Aber nur ein Narr wird bezweifeln, dass Anna Scott Julia Roberts ist, und so muss man Notting Hill als einen Versuch lesen, die Geschichte von jemandem zu erzählen, der keine Geschichte hat. Und kein Leben. Jedenfalls nicht das, was wir unter einem Leben verstehen, dieses Nacheinander von Jugend, Beruf, Kinderkriegen, Erfüllung und Alter. Prominenz ist in jener Sphäre, in der die wirklichen Kinostars sich bewegen, nicht einfach die Steigerung von Bekanntheit. Sie ist ein anderes Sein. Wer in ihren Bann gerät, hat seine gewöhnliche Existenz verwirkt. Doch anders als Künstlern oder Politikern fehlt den Stars ein Werk, von dem sie zehren können. Sie haben nur ihr Gesicht, ihren Körper, ihr Bild - und die Bilder, die die Kamera von ihnen macht. Als irdische Schatten ihrer Kino-Ichs laufen sie durch die Straßen, gehetzt von Sterblichen, die nicht begreifen wollen, dass man Unsterblichkeit nicht anfassen kann.
Ein paar jener Zufälle, die es natürlich nur in Kinoromanzen gibt
Das klingt nicht besonders dramatisch, und natürlich kriegt Anna auch nicht das Kuchenstück. Nur ein Star kann sich vorstellen, was es bedeutet, kein Star mehr zu sein. Dennoch liegt über der Szene ein Geruch von Wahrheit, der im kommerziellen Kino selten ist. Die Worte der Anna Scott könnten irgendwann als Epitaph auf Julia Roberts' Karriere stehen, und Roberts weiß das, während sie sie spricht, so wie Bette Davis wusste, dass die Rolle der Margo Channing in All about Eve ein Spiegelbild ihres Lebens war. Roger Michell, der Regisseur von Notting Hill , hat mit britischem Gleichmut von "persönlichen Erfahrungen" gesprochen, die Miss Roberts in ihren Part eingebracht habe. Wenn man indessen den Blick sieht, mit dem die Schauspielerin manche ihrer Dialogsätze spricht, begreift man, dass Anna Scott diesmal kein Rollenname ist, sondern ein Pseudonym. Im Vordergrund bei Notting Hill steht freilich nicht das Schicksal des Stars, sondern das Erlebnis des kleinen Mannes von der Straße. William Thacker (Hugh Grant) betreibt eine Buchhandlung in dem gemütlich verfallenen Londoner Stadtteil, auf den der Film getauft ist. Ein paar jener Zufälle, die es nur in Kinoromanzen gibt, bringen Anna Scott in sein Haus, in sein Herz und in sein Bett. Richard Curtis, der Drehbuchautor, hat die Story entlang derselben Stereotypen komponiert, die schon seinem Debüt Vier Hochzeiten und ein Todesfall den Weg wiesen: Scheuer, verschrobener Engländer trifft mondäne Amerikanerin und führt sie schließlich heim; zwischendurch wird reichlich britisches Lebensgefühl serviert.
Dass Notting Hill besser ist als Vier Hochzeiten , liegt daran, dass es Curtis eine gute Weile lang gelingt, das Glücksverlangen des Zuschauers zu enttäuschen. Jener Abend, an dem der Buchhändler den Star seinen Freunden vorstellt, führt zunächst zu nichts, und am nächsten Tag, als Anna Thacker in ihr Hotelzimmer einlädt, sieht sich der Engländer dem amerikanischen Freund (Alec Baldwin) seiner Freundin gegenüber, der ihm einen abgegessenen Teller und ein Trinkgeld in die Hand drückt. Als Anna später dann bei William übernachtet, sorgt dessen verlotterter Untermieter Spike (Rhys Ifans) rasch für ein Ende des Idylls: Ein Rudel Fotografen, von Spike alarmiert, stürzt sich auf das ungleiche Liebespaar. Wenn man Michell glauben will, wurden die falschen Paparazzi bei den Dreharbeiten von echten Bildreportern belagert, sobald Julia Roberts zu sehen war. So verdoppelt sich die mediale Fiktion des Films in der fiktiven Wirklichkeit der Medien.
Mit den Journalisten erlaubt sich Notting Hill seine besten Späße. Auf einem jener Press-Junkets, die sich wie eine Beulenpest rings um den Kino-Globus verbreitet haben, gibt sich Thacker als Reporter der Zeitschrift Pferd und Hund aus, um zu seiner Angebeteten vordringen zu können. Den Film, um den sich das Junket dreht, hat er nicht gesehen, doch die Regeln des Interviewspiels sind unerbittlich. Thacker fragt Anna, ob in Helix auch Pferde vorkämen. "Nicht ganz", antwortet sie, "da der Film doch im Weltraum spielt." Das trifft ziemlich genau das Niveau solcher Veranstaltungen.
Schließlich muss Notting Hill aber doch zu Potte kommen, und da entgleist der Film gründlich. Statt eines Schlusses hat er drei, und jeder ist falscher als der andere. Statt sich wie Audrey Hepburn und Gregory Peck in William Wylers Ein Herz und eine Krone (1953) auf ein freundschaftliches Entsagen zu verständigen, müssen Anna und William zwanghaft zum Paar werden. Die media royalty von heute mag auf den ersten Blick freizügiger sein als die Prinzen und Prinzessinnen von damals. In Wirklichkeit sind es gerade die Medien, die jene Romanzen wirkungsvoll verhindern, deren Gelingen sie ihrem Publikum vorgaukeln. Dass Pferde durchs Weltall galoppieren, ist wahrscheinlicher als das Glück von Thacker und Scott.
- Datum 01.07.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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