Die Mächte der Finsternis

Am 11. August schiebt sich der Mond vor die Sonne. Auf der Erde wird das Naturschauspiel nach allen Regeln der Kunst vermarktet

Störenfriede lauern überall. Bei der Sonnenfinsternis von 1878 waren es Hühner, die Thomas Edison zur Weißglut brachten. Der Erfinder der Glühlampe hatte sich zur stillen Beobachtung in einen Hühnerstall zurückgezogen. Doch kaum schob sich der Mond vor die Sonne, drängte das Federvieh zum Schlafen herein und störte den Forscher auf. 1991 dagegen nervte ein Filmteam. Eine Schar Sternenfreunde harrte in der mexikanischen Wüste des Naturschauspiels. Just als der Höhepunkt der Verdunkelung erreicht war, tauchte ein Hubschrauber des Senders CNN auf - und leuchtete für Filmaufnahmen die Szene mit starken Scheinwerfern aus.

Bei einer Sonnenfinsternis ist mit allem zu rechnen. Sicher ist nur eines: Das kosmische Ereignis löst auf der Erde stets gewaltige Aufregung aus. Der nächste Beweis wird am 11. August angetreten. Wenn sich um die Mittagszeit die Sonne über Europa verfinstert, werden Glockenkonzerte dröhnen und Planetenopern erklingen, Volksfeste gefeiert, "Mittertagsmeetings" abgehalten und esoterische Sonnenzeremonien zelebriert.

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Während die einen auf das Naturschauspiel mit Panik reagieren, werden andere geradezu süchtig danach. Die eclipse-chaser, die Finsternisjäger, reisen der nur wenige Minuten dauernden Sonnenverhüllung rund um die Welt nach. "Nikotin, Alkohol, Glücksspiel, Rauschgift, du kannst noch so viele Laster aufzählen - vom Schatten des Mondes abhängig zu sein ist schlimmer", stöhnt etwa Glen Schneider aus Maryland/USA im Fachmagazin Sky and Telescope, nachdem er mehr als ein Dutzend Sonnenfinsternisse miterlebte.

In Deutschland war eine totale Sonnenfinsternis zum letzten Mal 1887 zu beobachten. Die nächste ist erst für das Jahr 2135 angekündigt. So wird der 11. August zum "Jahrhundertereignis" hochstilisiert, und kaum jemand in der "Totalitätszone" entkommt dem Trubel. Die Astroshow wird zum Großereignis - und zum Lehrstück, wie sich die kurze Dunkelheit nach allen Regeln der Kunst vermarkten lässt.

Als Zentrum des Finsternisrummels profiliert sich vor allem Stuttgart, liegt doch die schwäbische Landeshauptstadt genau in der Mitte des 110 Kilometer breiten Kernschattenbereichs. "So ein Geschenk des Himmels bekommt man nicht alle Tage", strahlt Touristikdirektor Klaus Lindemann: "Das versuchen wir natürlich ganz schamlos auszunutzen." Schon vor zwei Jahren warben die Schwaben auf der Touristikbörse in Tokyo ("Die Japaner haben als Erste ein Faible dafür entwickelt") für einen speziellen Finsternistrip: vom Flughafen Frankfurt aus nach Stuttgart zur Verdunkelungsshow, inklusive Werksbesuch bei DaimlerChrysler, und dann weiter zu europäischen Sehenswürdigkeiten wie Eiffelturm oder Canale Grande. Als im vergangenen Jahr eine Stuttgarter Delegation selbst zur Sonnenfinsternis auf die niederländischen Antillen reiste und die Fremdenverkehrsexperten sahen, dass dort im Umkreis von 100 Kilometern jedes Hotel ausgebucht war, "da wurden wir touristisch ganz heiß", erzählt Lindemann.

Auf eine halbe Million Besucher hofft man in der Landeshauptstadt. Und damit nicht etwa widrige Wolken das Spektakel zunichte machen, haben die Veranstalter für den 11. August sogar ein Flugzeug gechartert, das die Sonnenfinsternis auch über den Wolken filmen und auf riesige Videoleinwände in der Stadt übertragen soll. Ein gewaltiges Begleitprogramm lockt die Touristenströme - von der House-Party "Sundance City" im Stuttgarter Hauptbahnhof über ein zwölfstündiges Open-Air-Konzert bis hin zum Auftritt des Weltjugendchors.

Hotels und Einzelhandel hoffen auf den großen Reibach, und natürlich ist "das Thema auch prima an die hiesige High-Tech-Szene angedockt", frohlockt Lindemann. Einschlägige Institute und Firmen präsentieren sich auf einem Wissenschaftsjahrmarkt und einer Solarmesse. In der "Fernrohrstraße" dürfen Laien am 11. August versuchen, einen Blick durch eines von 100 bereitgestellten Teleskopen zu erhaschen. Die Stuttgarter Zeitschrift bild der wissenschaft bietet derweil ("Damit Sie gut aussehen, während Sie zusehen") das passende Outfit zum Event - vom nachtschwarzen Sonnenfinsternis-TShirt über die Finsterniskappe bis hin zur Uhr Eklipse '99.

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