Michel Leiris war ein Voyeur seines eigenen Seelenlebens. Man hat ihn häufig mit Marcel Proust verglichen. 1901 geboren und 1990 gestorben, Schriftsteller und Ethnologe, Freund und Weggefährte der großen Künstler und Intellektuellen Frankreichs - von Pablo Picasso und André Masson bis zu Jean-Paul Sartre und Georges Bataille -, ist er berühmt geworden durch seinen 1939 erstmals erschienenen Band Mannesalter. In diesem programmatischen Text der Literatur als Selbstentblößung hat er die Grundlage für den Plan einer mehrbändigen Autobiografie als ein das Leben begleitendes Projekt geschaffen. Begonnen hat er es mit dem ersten Band der Spielregel Biffures (Streichungen), 1948, und es 1976 mit dem vierten Band Frêle Bruit abgeschlossen, der nun unter dem Titel Wehlaut auf Deutsch vorliegt.

Es ist das Journal eines Menschen, der sich in seinen Ängsten und Schrulligkeiten, den fetischistischen und zwangsneurotischen Mechanismen geradezu masochistisch vorführt. Am Ende das Bekenntnis, er schreibe wie ein "Sänger, dessen Stimme schon so ruiniert ist, dass selbst seine Sangeslust erlischt, da ihm der Mut fehlt, immer mehr technische Tricks anzuwenden, die es ihm noch unlängst erlaubten, sich - jedenfalls sich selbst gegenüber - Täuschungen hinzugeben."

Wie in seinem gesamten Werk - das sich in seinen ethnologischen, prosaischen und lyrischen Teilen als ein autobiographisches Projekt lesen lässt - dreht sich auch in diesem Band fast alles um die Erinnerung an die eigene Kindheit, das Umspielen dieser Rückschau in Laut- und Wortassoziationen und deren Verbindung mit der Geschichte.

Die Magie der Sprache und des assoziativen Umgangs mit ihr hat sich bei Leiris niemals verloren. Im emotional und ästhetisch bewegendsten Teil des Bandes Wehlaut bekennt er sich mit Emphase zur Poesie als "Gegenstand einer Freßgier" und als einer "schönen Frucht". Sie habe, trotz seines starken Wunsches, am Politischen aktiv teilzunehmen, das letzte Wort behalten. Aber auch solche Einsicht wird von Leiris torpediert, wenn er sein Reden "devotes Getue" nennt und, statt zur Poesie zu gelangen, sich oft genug in "fruchtlose Sprachtretmühlen verrenne". Manchmal habe er davon geträumt, einfach nur zu singen, statt sich an einem Werk abzuarbeiten, das zunächst aus dem vagen Wunsch entstanden sei, "das Spiel makellos zu lernen".

Sein Traum: Die Verschmelzung von Revolution und Poesie

Oft verspielt, aber auch hartnäckig folgt Leiris der einmal aufgenommenen Fährte, versucht sich zu orten in vertrauten und fremden Umgebungen: in seiner Pariser Wohnung an der Seine, in seinem Landhaus in Saint-Hilaire und dem Musée de l'Homme, in dem er bis kurz vor seinem Tod im Kellergeschoss arbeitete, in den Kulturen Afrikas, dem bevorzugten Feld seiner ethnologischen Studien. Von besonderer Bedeutung auch sein Interesse an Kuba und seine Begeisterung für die Theorien Fidel Castros.

Vielleicht erhoffte sich Leiris nichts sehnlicher als die Einswerdung von Revolution und Poesie, die er und seine Freunde in Kuba zum Greifen nahe sahen. Ja, er spricht sogar von "erleuchteten Sätzen" Fidel Castros und Che Guevaras, von Überlegungen, die ihn an die Kernfragen des Lebens herangeführt hätten. Selbst wenn er wisse, dass er alles andere als ein Guerillero sei, ändere dieser Makel doch nichts an dem Willen zur Revolution. Die Revolution bleibe die "Flamme", in der Wesen und Dinge sich wandeln. Schonungslos sein Resümee: Im Grunde sei er eine "andere Art Gespenst, mit seinen Ketten rasselnd", das bald nach der Hofseite, bald nach der Straßenseite, von Fenster zu Fenster umherirre. Am belebtesten und souveränsten gibt er sich in seinem Büro im Musée de l'Homme, einer Art Höhle, wo er, wie es in einer der schönsten Passagen dieses Bandes heißt, seine "Untergrundarbeit" verrichte.