1Als der Dichter Horaz einmal in einen kleinen Ort kam, wollte man ihm weismachen, dort würde Weihrauch ohne Flamme auf dem Altar schmelzen. Doch Horaz glaubte nicht an Wunder und war überzeugt: Für alles gibt es eine natürliche Erklärung. Ihn hatte schließlich der Epikur-Schüler Lukrez gelehrt, dass Ungewöhnliches in der Natur nicht von übellaunigen Göttern kommt.

Als Kinder der Aufklärung haben wir für Horaz' Reaktion Verständnis. Auch wir wollen uns nicht irritieren lassen, möchten jede Situation meistern können.

Und doch verunsichern uns die Ansprüche einer komplexer werdenden Welt: der Zwang, pausenlos Entscheidungen treffen zu müssen, ohne sich der hierfür notwendigen Kriterien sicher zu sein, die Herausforderung, sich unausgesetzt in fremdartigen Situationen zurechtzufinden. Anstatt unsere Umstände zu beherrschen, fühlen wir uns ihnen ausgeliefert.

Eine besondere Haltung scheint notwendig, um dem Ziel näher zu kommen, ein gutes und glückliches Leben ohne Verwirrung, in innerer Ausgeglichenheit zu führen. Eben hierzu will Epikurs Lehre beitragen. Die Episode mit Horaz ist symptomatisch. Sie illustriert, was der Philosoph Epikur verspricht: Die Fähigkeit zur Selbstheilung in irritierender Situation. Ein Heilkraut ist die Epikureische Lehre, die Überzeugung: "Vor Gott braucht man sich nicht zu fürchten, dem Tod soll man nicht mit argwöhnischer Angst gegenüberstehen, das Gute ist leicht zu beschaffen, das Schlimme jedoch leicht zu ertragen."

2Wer Glück sucht, muss Angst und Furcht überwinden

wer Glück verspricht, muss Mittel anbieten, diese Phänomene zu besiegen. Der Verkaufserfolg populärer Abhandlungen über Lebenshilfe signalisiert Bedarf. Auch die Philosophie bekundet wachsendes Interesse an praktischer Lebenskunst, angemessener Lebenshaltung und Handreichungen für ein glückliches Leben.

Dabei erinnert sie sich zunehmend an die Antike, an jene Konzepte antiker "Selbstsorge" (Pierre Hadot