Leben wie ein Gott auf ErdenSeite 6/6
Keineswegs ist sich ein Epikureer selbst genug, um Lust und Glück zu gewinnen. Hierzu bedarf er neben Nahrung und Hinwendung zur Welt der Mitmenschen, der Freundschaft. Selbstsicherheit und Geborgenheit bedürfen nämlich einer dem eigenen Glück zuträglichen Umwelt. Diese mag zunächst in einem kleinen Kreis von Gartengenossen bestehen. Doch sehen die Epikureer die Welt als gemeinsame Wohnung an.
Das Ziel ist für die Epikureer wie später für John Stuart Mill das größtmögliche Glück einer größtmöglichen Zahl. Dann, so lautet die Hoffnung, ist man auf dem Weg zu einer idealen Gesellschaft: Soziales Leben ohne Gesetze, ja ohne Staat, auf der Grundlage wohlverstandenen Eigennutzens wird nicht nur Epikur, sondern allen Menschen ein Leben wie ein Gott auf Erden erlauben. Epikurs viel zitierte Aufforderung zu politischer Abstinenz - "Lebe im Verborgenen" -, die von ihm propagierte Pflege des Selbst, die utilitaristische Grundlage seiner Philosophie sollten nicht über den philanthropischen Charakter der Lehre hinwegtäuschen. Es scheint paradox: Epikurs utilitaristische Lehre fordert Hinwendung zum Mitmenschen und fördert gesellschaftliche Entwicklung.
Der Kepos ist keine Kuschelecke für Weltflüchtlinge. Das Angebot, mit der Welt einen Pakt zu schließen, sich als Teil von ihr zu begreifen und dem Leben dadurch Sinn zu geben, macht die Lehre Epikurs attraktiv. Gewiss, zentrale Bereiche Epikureischer Philosophie scheinen heute obsolet. Der praktische Aspekt seiner Lehre jedoch, die von ihm entwickelten Techniken der Selbstsorge, ist schon in der Antike und auch zu Zeiten platonischer und christlicher Jenseitssehnsucht in der Spätantike quasi als Propädeutik, als Dispositionsbildung für die "wahren Lehren" akzeptiert, praktiziert, ja literarisch geworden. Schon damals kamen sie der Suche nach neuen Formen der Lebensführung offenbar entgegen. Noch Dante wusste trotz vehementer Ablehnung seiner Grundthesen Freundliches über Epikur als Lehrer einer Kunst der Lebenspraxis zu sagen, und Raffael scheute sich nicht, Epikur zusammen mit den anderen bedeutenden philosophischen Schulen der Antike unter diesem Aspekt an den Wänden des Vatikans zu verewigen.
Die Erkenntnis, dass der Bereich unserer Möglichkeiten begrenzt ist, dass wir lernen müssen, uns in der Welt einzurichten, die Beobachtung, dass sich infolge der Computerisierung eine sachbezogene Weltsicht mehr und mehr zu einer subjektbezogenen Weltsicht wandelt und der Mensch zum Hauptzweck seines Tuns wird, bedingen, dass Fragen praktischer Lebenskunst an Bedeutung gewinnen. Was andere ängstigt: Zufälligkeit und Einmaligkeit des eigenen Lebens, Komplexität der Welt, neue Technologien und fremdartige Situationen - das sind für Epikur Herausforderungen, denen man sich stellen muss und mit seiner Hilfe auch stellen kann. Resultat ist eine Lebenshaltung, die sich in jener heiteren Gelassenheit den Dingen gegenüber äußert, die noch in der Renaissance Lorenzo Valla als Merkmal von Epikureern konstatiert. Du musst lachen und philosophieren, das fordert Epikur. Beides gehört zu seinem therapeutischen Konzept. Denn Lachen ist gesund.
Michael Erler lehrt Gräzistik in Würzburg. Er gibt in Kürze den Kongressband "Epikur und Epikureismus in der späten Republik und der Kaiserzeit" heraus (Franz Steiner Verlag)
- Datum 01.07.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27/1999
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