Der Mensch als Firma

Sind Unternehmer ohne jedes Personal Vorbilder? Oder bloß Tagelöhner und Scheinselbstständige? Ein Report aus der Welt der neuen Marktwirtschaft, in der sich die Politik nicht mehr auskennt

Am Rande von Hannover entdeckte Jürgen Wallek die freie Marktwirtschaft. Er fuhr dort Pakete aus für den DPD, den Deutschen Paketdienst. Morgens um halb fünf fing er an, abends um sechs war er fertig. Dazwischen schleppte er 30 Kilo schwere Pakete durch die halbe Stadt. Je stärker ihm nachts der Rücken schmerzte, desto mehr hatte er verdient. Denn Wallek (Name geändert) wurde nach Paketen bezahlt. Zwei Mark pro Stück. Von dem Geld gingen noch die Raten für den Lieferwagen mit dem DPD-Logo ab. Außerdem die Reparaturen und das Benzin, schließlich die Steuern. Wurde er krank, waren rund 600 Mark fällig pro Tag. Lohnabzug im Krankheitsfall. Eine deutsche Firma, die so mit ihren Angestellten umspringt, bekommt ein rechtliches Problem. Aber die meisten Paketausfahrer des DPD sind keine Angestellten. Juristisch stehen sie genauso da wie Schuhputzer in Südamerika. Sie sind freie Unternehmer. Ihr einziges Produkt ist ihre Arbeitskraft.

Der Soziologe Ulrich Beck nennt das die Brasilianisierung der deutschen Arbeitswelt. Das wollte Arbeitsminister Walter Riester verhindern und erließ das neue Gesetz zur Bekämpfung von Scheinselbstständigkeit. Es soll Leute wie den Paketzusteller Wallek sozial absichern - Mikrounternehmer, die nur zum Schein, zwecks Geldersparnis für deren Arbeitgeber, auf eigene Rechnung arbeiten, in Wahrheit aber nichts anderes tun als Festangestellte. Unternehmen, bei denen die Behörden Scheinselbstständige vermuten, müssen nun in die Kassen der Sozialversicherungen einzahlen, wenn die Beschuldigten nicht das Gegenteil beweisen können - eine Umkehr der Beweislast (siehe "Im Zweifel gegen den Angeklagten" auf Seite 17).

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Wie die "freien Lanzenträger" im Mittelalter von Krieg zu Krieg zogen und den Burgherren ihre Kampfeskunst anboten, reist Bode von Firma zu Firma: stets auf eigene Rechnung, immer willkommen als der Mann, der Probleme löst. Gerade war der Münchner für ein paar Monate bei der Computertochter einer großen Handelskette. Erst half er, ein Verkaufssystem zum Laufen zu bringen, danach die Firmensoftware umzustellen. Diesmal dauerte der Job länger als sonst, ein Jahr. Er hatte in der Firma seinen Schreibtisch, nahm an Sitzungen teil, aß in der Kantine mit den anderen Mitarbeitern. Wie ein Angestellter. Hätte er nicht noch einen zweiten Kunden in München, dann wäre Bode vermutlich ein Scheinselbstständiger - einer, den das Gesetz zu schützen vorgibt. Doch vor wem sollte man Bode schützen? Vor den Computerfirmen? Die sind froh, dass sie ihn haben. Vor schlechter Bezahlung? Ulrich Bode hat niemals in seinem Leben weniger als 100 Mark in der Stunde verdient, meist das Doppelte. Die Wirklichkeit ist komplizierter, als der Gesetzgeber dachte.

Freie Unternehmer gibt es in Deutschland seit über hundert Jahren. Früher waren das wohlhabende Männer mit eigener Fabrik, in der ihre Angestellten arbeiteten. Heute hat die Zukunft der Arbeit begonnen, und die scheint darin zu bestehen, dass Angestellte aufhören, Angestellte zu sein. Nach einer Untersuchung der Universität Mannheim ist die Zahl der Einmannunternehmen in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren um rund 400 000 auf knapp zwei Millionen gestiegen. Mit den freien Unternehmern von einst haben die nur eines gemeinsam: die Gefahr des Bankrotts.

Die Paketzusteller des DPD bekommen weder Arbeitslosengeld noch gesetzliche Rente, und Kündigungsschutz besteht für sie schon gar nicht. Wer beim DPD rausfliegt, etwa weil er zu alt ist zum Paketetragen, dem bleibt nur noch die Sozialhilfe. Von der lebt inzwischen Jürgen Wallek. 39 ist er jetzt, hat 15 000 Mark Schulden, keinen Job in Aussicht und erst recht keine Ahnung, wovon er leben soll, wenn er alt ist.

Einige Miniunternehmer enden als Sozialfälle, andere als Millionäre

Der Freelancer Ulrich Bode dagegen hat sein Studienfach nach dem späteren Verdienst ausgesucht. Informatik erschien ihm am lukrativsten. Während des Examens standen viele Kundentermine im Kalender. Stellen als Angestellter hätte er haben können, wollte er aber nicht. Auf seinem Anrufbeantworter sammeln sich die Anfragen: Ein neues Projekt, ob er denn Zeit habe ...

20 Jahre lang hat die staatliche Arbeitsmarktpolitik vergeblich versucht, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Jetzt sollen die Mikrounternehmer das Problem selbst lösen. Auf Messen und Symposien werden sie als "Neue Helden" gefeiert - ganz im Sinne der Regierungschefs Schröder und Blair, die in ihrem gemeinsamen Papier eine Gesellschaft einklagen, "die erfolgreiche Unternehmer ebenso positiv bestätigt wie erfolgreiche Künstler und Fußballstars". Gesucht werden Menschen, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, die ihre eigene Firma sind, und dann - vielleicht - irgendwann anderen Leuten Arbeit geben.

Was sind die Mikrounternehmer Jürgen Wallek und Ulrich Bode: Neue Helden, Neue Arme? Der Begriff Mikrounternehmer täuscht eine Gemeinsamkeit vor, die es nicht gibt. Im Gegensatz zu den klassischen Selbstständigen wie Handwerkern oder Ärzten sind die neuen Unternehmer nicht auf bestimmte Tätigkeiten beschränkt, ihre Qualifikationen nicht standardisiert. Friseure mieten in "Rent a Chair"-Salons eigene Frisierstühle und bekommen für dieselben Haarschnitte weniger Geld. Speditionen verwandeln ihre Fahrer von teuren Arbeitnehmern in billige Auftragnehmer. Selbstständige Unternehmensberater verbinden ihren Schreibtisch in Hamburg per Modem mit Firmenzentralen in London und Boston. Die einen stuft das Gesetz als scheinselbstständig ein, die anderen nicht. Die einen treibt die Angst vor der Arbeitslosigkeit, die anderen der Wunsch nach Unabhängigkeit. Die einen können sich zwei Häuser bauen, die anderen nur eine kleine Mietwohnung leisten.

Was da in Deutschland seit wenigen Jahren entsteht, ist keine neue gesellschaftliche Klasse, sondern eine Parallelwelt. Eine, in der oben und unten so weit voneinander entfernt sind wie der Computer vom Rechenschieber. Oft verläuft auch in der Welt der Mikrounternehmer die Grenze entlang des Bildungsniveaus. Aber nicht immer.

Claudia Pellner (Name geändert) müsste eigentlich zur oberen Hälfte der neuen Selbstständigen gehören. Jeden Morgen erscheint die junge Anwältin in der Kanzlei in der Düsseldorfer Innenstadt, diktiert Schriftsätze und sichtet Literatur für Plädoyers. Ab und an schreibt sie für ihren Chef einen Aufsatz für eine juristische Fachzeitschrift und vertritt Mandanten der Kanzlei vor Gericht. Sie hat ein eigenes Büro mit einer Durchwahlnummer. Nur das Türschild fehlt, "das wird sich niemals ändern", sagt sie. Denn offiziell gibt es Claudia Pellner in dem Anwaltsbüro gar nicht. Sie ist weder Partnerin noch Angestellte.

Claudia Pellner ist selbstständig, aber sie ist immer im Büro wie eine Angestellte. Wenn sie Urlaub macht, bekommt sie kein Geld. Die 25 Mark Stundenlohn erhält sie nur, wenn sie an ihrem Schreibtisch sitzt. An dem saß sie schon, als sie noch Referendarin war. Am letzten Tag ihrer Ausbildung kam der Chef herein und erklärte, was sie am nächsten Tag zu tun habe. "Da wusste ich, dass ich bleiben durfte", sagt sie. Das war vor einem Jahr. Seitdem hat niemand sich dafür interessiert, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Auch sie selbst hat darüber peinlich geschwiegen. Als Juristin weiß sie, was arbeitsrechtlich erlaubt ist. Ihre Beschäftigung ist es nicht.

Der Ruf nach mehr Selbstständigen ist der Ruf nach einer neuen Gesellschaft

Immerhin hat sie es besser getroffen als eine arbeitslose Freundin, der man sagte, sie solle in ihrer Bewerbungsmappe auf Plastikteile verzichten, damit man die Blätter bedenkenlos zum Altpapier geben könne. Die Zahl der Jungakademiker, die unter ihrem Ausbildungsniveau beschäftigt sind, hat sich seit Mitte der achtziger Jahre mehr als verdoppelt.

In der althergebrachten Welt der festen Arbeitsverhältnisse bestimmen viele Dinge darüber, wie viel jemand verdient und wie man ihn in seinem Job behandelt. Gesellschaftliche Traditionen zum Beispiel und die Dauer der Ausbildung, Gewerkschaftsmacht und Arbeitsrecht. Für Claudia Pellner ist all das belanglos. Wer nach den Regeln der neuen Selbstständigkeit lebt, hat nur zwei Möglichkeiten. Entweder er fügt sich in die Arbeitslosigkeit - oder er beugt sich dem Markt. Den bestimmt vor allem die Knappheit. Seltene Spezialisten sind gefragte Leute. Für die Durchschnittlichen, die nur das können, was viele können, will keiner viel Geld ausgeben. Der Markt für Mikrounternehmer funktioniert ungefähr so wie ein Wochenmarkt. Wenn viele reife Bananen im Angebot sind, kosten sie nur eine Mark pro Kilo. Wer im Winter Erdbeeren will, zahlt gerne das Zehnfache.

Im traditionellen Arbeitsmarkt gibt es keinen Preisverfall. Institutionen und Verbände, Paragrafen und Regelungen des Modells Deutschland sorgen dafür, dass unter den Angestellten die Lohnspreizung geringer bleibt als der Produktivitätsunterschied. Das Gehalt des Marketingleiters einer Maschinenbaufirma mag ein Mehrfaches über dem des Pförtners liegen. Gemessen an der Bedeutung, die er für den Gewinn der Firma hat, müsste er aber noch viel mehr Geld kriegen. Eine der Besonderheiten des rheinischen Kapitalismus ist, dass er die Vorteile geringer Klassenunterschiede mehr schätzt als eine der Leistung entsprechende Entlohnung.

Wer keine Lust auf São Paolo in Deutschland hat, der muss sich überlegen, wie die Gesellschaft mit den neuen Selbstständigen umspringen soll - sodass einerseits das Enstehen eines Unternehmerproletariats verhindert wird und andererseits nicht das wieder verloren geht, was man sich von den Solisten erhofft: Arbeitsplätze und wirtschaftliche Dynamik. Wer will, dass erfolgreichen Mikrounternehmern zugejubelt wird wie Fußballstars, der muss vor allem für eines sorgen: dass sie erfolgreich sind. Bevor die Gesellschaft darüber nachdenkt, wie man Mikrounternehmer im Fall des Scheiterns sozial absichert, sollte man sich zunächst überlegen, wie ein Scheitern zu verhindern ist.

Was braucht der Mikrounternehmer zum Erfolg? Um das herauszufinden, sollte man sich vielleicht mit jemandem unterhalten, der weder Freelancer ist noch Handlanger, sondern irgendwo dazwischen steht. Steffen Erler aus Cottbus zum Beispiel.

Der 30-Jährige hat das beherzigt, was große Unternehmensberatungen predigen: aus der Arbeitslosigkeit heraus kleine Oasen in der Dienstleistungswüste Deutschland schaffen. Steffen Erler besuchte gerade seine Schwiegereltern, als sich deren Hund Klein Rexie an der Tischplatte den Kopf aufschlug. Erler brachte ihn im Auto zum Tierarzt. Auf dem Schoß den blutenden Hund und im Kopf eine Frage: Was machen eigentlich Leute, die ein krankes Haustier haben, aber kein Auto?

Knapp zwei Monate später warf Steffen Erler 20 000 gelbe Handzettel in die Briefkästen von Cottbus. "Erler's Haustiertaxi", stand da. Egal, ob ein Cottbusser mit einer Siamkatze zum Tierarzt will oder mit einem Irischen Wolfshund zum Bahnhof - Steffen Erler fährt ihn, sogar nachts. Dafür hat er einen Erste-Hilfe-Kurs bei einem Tierarzt absolviert und ein halbes Dutzend Tiertransportboxen in seinen Wagen gestellt. So einfach kann Unternehmensgründung sein.

Von wegen. Erler musste mit der Auflösung seines Kontos drohen, ehe ihm seine Hausbank einen Kredit gab. Kleinbeträge unter 50 000 Mark rentierten sich nicht, hieß es. Im Arbeitsamt sah er ein Plakat, das für die Selbstständigkeit warb - aber niemanden, der ihm erklärte, was es mit Buchführung, Steuererklärung und öffentlichen Förderkrediten auf sich hat. Im Straßenverkehrsamt habe man ihm gesagt: "Sie brauchen nichts außer einer Gewerbeanmeldung." Doch kaum hatte er die ersten Hunde im Taxi, forderte ihn das Straßenverkehrsamt schriftlich auf, einen Personenbeförderungsschein zu machen - Tiere dürfe er transportieren, aber keine Menschen. "Aber ich kann doch das Frauchen nicht stehen lassen, wenn der Hund wegstirbt."

Spricht man länger mit Steffen Erler, fällt ein Satz, der viel sagt über die Lage der neuen Selbstständigen. Erlers Worte decken sich mit dem, was Soziologen über die Gefühle von Mikrounternehmern kurz nach der Firmengründung sagen: "Wenn du dich selbstständig machst, dann stehst du außerhalb der Gesellschaft, dann bist du plötzlich ganz allein."

Allein? In Deutschland? Wo man doch stolz darauf ist, dass jede kleine Interessensgruppe ihren Verband hat. Von der Industriegewerkschaft Metall bis zum Bundesverband für ökologischen Weinbau, vom Verband deutscher Reeder bis zum Bundesverband der Zigarrenindustrie. Aber wer vertritt die Paketzusteller des DPD? Wer macht sich stark für Claudia Pellner? Wo kann sich Steffen Erler beraten lassen?

Die klassischen Selbstständigen wie Ärzte und Anwälte, Schreiner und Architekten sind alle ihre eigenen Chefs. Alleine stehen sie trotzdem nicht da. Sie haben ihre Kammern und Innungen, Genossenschaften und Berufsverbände. Die Zahl dieser Selbstständigen stieg so langsam, dass ihre Institutionen mitwachsen konnten. Anders bei den neuen Selbstständigen. Plötzlich fahren viele tausend freiberufliche Lastwagenfahrer durchs Land, und keiner fühlt sich für sie zuständig.

Um diejenigen, die nicht viel Geld verdienen, kümmern sich sonst gerne die Gewerkschaften. Paketboten wie der Tagelöhner Jürgen Wallek gehören eigentlich in den Organisationsbereich der Gewerkschaft ÖTV. Das heißt, sie gehören eben gerade nicht dazu. Angestellten Fahrern finanziert die Gewerkschaft einen arbeitsrechtlichen Prozess durch alle Instanzen. Ist aus dem Arbeitsverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer jedoch ein Auftragsverhältnis zwischen zwei Unternehmern geworden, ende die Zuständigkeit, sagt ein Sprecher der ÖTV.

Die Gewerkschaften tun sich schwer, die gewandelte Arbeitswelt zu akzeptieren

Jahrzehntelang folgten die Gewerkschaften der Devise: Arbeitnehmer sind schutzbedürftig, Unternehmer nicht. Für Werner Dostal vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist das eine überholte Position: Angestellte würden heute meist von den Betriebsräten ausreichend geschützt, Mikrounternehmer dagegen stünden ihren Vertragspartnern oft machtlos gegenüber. Nur die IG Medien hat das inzwischen begriffen. Weil es seit bereits Jahrzehnten freie Journalisten gibt, bietet ihnen die IG Medien Beratung in jeder Arbeitslage.

Tatsächlich stecken die Gewerkschaften in einer Zwickmühle. Mit jedem Mikrounternehmer, dessen sie sich annehmen, akzeptieren sie die gewandelten Arbeitsbedingungen ein Stück mehr - und erschweren die Rückkehr zu festen Arbeitsverhältnissen. An die angeblichen Segnungen freier Arbeitsverhältnisse wollen sie nicht glauben. Die gegensätzliche Position findet sich in jedem Zeitschriftenregal. Dort liest man in Wirtschaftsmagazinen haufenweise Serien über mutige Gründer und Unternehmer der Zukunft. Die Wirklichkeit ist nicht so glänzend. In Branchen wie der EDV ist die Nachfrage nach freien und flexiblen Experten so groß, dass diese automatisch viel Geld verdienen. In anderen Märkten aber läuft jeder Selbstständige Gefahr, einer Illusion zu erliegen. Unternehmer beuten ihn aus, weil sie wissen, wie man Fußangeln in Verträge packt. Privatkunden ignorieren ihn, weil er nichts von Marketing versteht.

Es gibt nur wenig Zahlen über die neuen Mikrounternehmer. Die paar Untersuchungen widersprechen sich teilweise, aber in einem Punkt sind sie sich einig: Die meisten Kleinunternehmer bleiben für immer klein. Den Status von Arbeitgebern erlangen nur wenige, viele wollen das gar nicht. Etwa jeder Zweite gibt nach fünf Jahren auf. Manche gehen als reiche Leute zurück in eine bequeme Festanstellung, viele gehen Pleite. Wissenschaftler sprechen von einem Drehtüreffekt.

Manche der Pleitiers landen irgendwann in der Storkower Straße 128 in Berlin. Dort steht ein mit hellblauen Blechplatten verkleideter Betonkasten - eines von diesen Häusern, denen man von außen ansieht, dass im Inneren nur Büros sind. In den unteren sechs Stockwerken sind ein paar Anwaltskanzleien und Ingenieurbüros untergebracht. Den Ort haben sie gut gewählt. Wenn sie finanzielle Probleme bekommen, müssen sie nur mit dem Lift in den siebten Stock fahren. Dort geht es zur Julateg e. V. - Schuldner- und Insolvenzberatung in Berlin.

Julateg hat sich als erste Schuldnerberatung in Deutschland auf die Beratung von Geschäftsschuldnern spezialisiert. Vor vier Jahren hat der Verein begonnen. "Wir waren noch am Einräumen, da saßen schon die ersten Klienten vor der Tür", erzählt Beraterin Renate Verter. Manche hatten mehrere hunderttausend Mark Schulden und wollten sich umbringen. "Was den meisten fehlte, ist das unternehmerische Können, das betriebswirtschaftliche Know-how. Die Arbeitsämter idealisieren die Selbstständigkeit und bereiten nicht auf deren Risiken vor." Wer nach mehr Selbstständigen rufe, werde mehr Gescheiterte bekommen, solange keine Einrichtung den Leute beibringt, wie man ein Unternehmen führt. "Was man bräuchte", meint Renate Verter, "wäre so etwas wie ein Führerschein für Selbstständige."

Klaus Meißner hat seinen Führerschein vor zwei Monaten gemacht. Vor einer Kommission aus Bankern, Managern und erfahrenen Selbstständigen musste der Holzbauingenieur seine Geschäftsidee präsentieren: ein Beratungsbüro für Messe- und Ladenbau. Die Jury war zufrieden, wenn auch nicht uneingeschränkt. Ein paar Zahlen im Geschäftsplan seien noch nachzuliefern, hieß es. Auch die Präsentation sei noch nicht perfekt. Aber immerhin: Der Gründerbrief wies ihn als geprüften Miniunternehmer aus. Zwei Jahre zuvor, nach seiner Entlassung, hatte sich Meißner noch gefühlt, als habe man ihm den "Boden unter den Füßen weggezogen". 25 Jahre hatte er als Angestellter gearbeitet, und was nun? 50 Jahre alt, hoch spezialisiert, teuer und ohne Perspektive. "Was soll ich Ihnen raten?", fragte der Herr vom Arbeitsamt. Das hieß soviel wie: Es gibt niemanden, der ihn noch einstellt - außer er sich selbst.

Und so räumte Klaus Meißner den Keller aus, kaufte gebrauchte Werkzeuge und schuf sich seinen eigenen Arbeitsplatz. Seine Frau war dagegen. Das hohe Risiko, kein geregeltes Einkommen: Wie sollte ihr Mann das packen? Sie wusste: Klaus Meißner ist ein Bastler, kein Verkäufer, der sich und seine Ware anpreisen kann.

Zum Glück kam diese Sendung im Fernsehen, in dem von einer Initiative namens Exzet die Rede war; einem Projekt, das aus Arbeitslosen und Angestellten Selbstständige macht. Eine Woche später saß Meißner in einer Runde mit Leuten zusammen, denen es ähnlich ging: einem gründungswilligen Computerfachmann, einer arbeitslosen Marketingexpertin, einem Paar, das Software für Gedächtnistraining entwirft. Die zukünftigen Geschäftsleute lernten, was man können und wissen muss, um sich zu behaupten. In den Gründerzirkeln steht die Persönlichkeit auf dem Prüfstand, besonders eine ihrer Facetten: Bin ich ein Unternehmer? Arbeitspsychologen haben herausgefunden, dass rund ein Drittel des Geschäftserfolgs von den Charaktereigenschaften des Gründers abhängt, seinem Leistungswillen, dem Glauben an sich selbst. Manch einer muss lernen, dass er in der Angestelltenwelt besser aufgehoben ist.

Es mangelt Firmengründern nicht an Krediten, sondern an Beratung

Die Gaben eines Bill Gates bringen nur wenige mit, Millionen jedoch könnten erfolgreich selbstständig sein, sagt der Gießener Arbeitspsychologe Michael Frese. Auch ehemalige Arbeitslose gehören dazu, die laut Statistik nicht häufiger scheitern als andere Unternehmensgründer. Dafür jedoch braucht es keine weiteren Kredittöpfe, sondern eine bessere Beratung und eine Ausbildung zum Unternehmer, die früh beginnt. Hierzulande hat man das erst sehr spät verstanden. Gerade ein Jahr ist es her, dass an einer deutschen Hochschule der erste Gründerlehrstuhl errichtet wurde - in den USA gibt es so etwas seit über 30 Jahren. Selbst Banklehrlinge erfahren nur selten, was einen guten Business-Plan ausmacht. Dabei sind gerade sie es, die später die Kreditwürdigkeit potentieller Gründer zu beurteilen haben.

Der Holzbauingenieur Klaus Meißner ist immer noch kein Verkaufsgenie. Aber in simulierten Kundengesprächen hat er gelernt, seine Modelle zu präsentieren. Dabei spielt, wenn er heute als Selbstständiger bei Firmen vorspricht, sein Alter plötzlich keine Rolle mehr. Nun gilt er als Mann mit Erfahrung. Statt acht hat der Arbeitstag für Meißner heute zwölf Stunden, Urlaub ist erst einmal nicht drin. Als sein ehemaliger Chef ihm auf einer Messe anvertraute, man habe seine Entlassung bereut, und Meißner fragte, ob er für die alte Firma ein paar Aufträge erledigen könne, rief er triumphierend seine Frau an. "Selbstständigkeit ist seelisch profitabel", meint der Arbeitspsychologe Frese.

Um als Mikrounternehmer auch an größere Aufträge heranzukommen, schließen sich immer mehr Selbstständige zu Teams zusammen. Bei der Software-Entwicklung und in der Multimedia-Branche ist dieser Trend am stärksten. Die Firma The Webworker Group, kurz TWG, hat kein Bürogebäude und keine Angestellten, ihre Adresse findet sich nur im Internet. Die Mitarbeiter von TWG - Designer, Übersetzer, Werbefachleute und Web-Site-Bastler - sitzen in Frankfurt, Mannheim und Kalifornien.

Heike Arnold, die Initiatorin des Projektes, hat ihre Partner übers Internet gefunden; manchen von ihnen hat sie noch nie gesehen. Ihre drei Kinder und die Abneigung gegen Firmenhierarchien haben die 40-Jährige dazu bewogen, allein zu arbeiten. Heike Arnold holt die Aufträge bei Unternehmen ein, handelt die Honorare aus und stellt die Arbeitsteams zusammen. Je nach Auftrag schließt sie verschiedene Spezialisten zu einer Projektgruppe zusammen, den Kontakt zu ihnen hält sie per E-Mail.

Mit dem Trend von Großunternehmen, Abteilungen auszulagern und auch große Aufträge nach außen zu vergeben, wachse der Druck auf die Selbstständigen, sich zusammenzuschließen, sagt Michael Reiß, Professor für Betriebswirtschaft an der Universität Stuttgart. Denn kein Unternehmen will mit einem Dutzend Solisten gleichzeitig verhandeln. Die Statistik gibt dem Teamgedanken Recht. Je kleiner das Unternehmen, je geringer die Anzahl der Partner, desto größer ist die Gefahr des Scheiterns.

Die Berlinerin Katrin Meyer brachte eigentlich alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Mikrounternehmerin mit: Sie ist studierte Bauingenieurin und hat zusätzlich eine Ausbildung zur Finanzbuchhalterin. Sie weiß, wie man Kosten kalkuliert und Gewinne prognostiziert. Mit zwei Kollegen betrieb sie eine Bürogemeinschaft. Sie vermittelten sich gegenseitig Aufträge, die größeren erledigten sie im Team, die kleineren jeder für sich. Oft arbeiteten sie zehn Stunden am Tag, manchmal auch am Wochenende. "Wir hatten gut zu tun", sagt Katrin Meyer. Sogar sehr gut - einen Großauftrag in Eberswalde hatten sie, Bauleitung für 120 Wohnungen. Mit einem gelben Plastikhelm auf den Kopf lief Katrin Meyer über die Baustelle, kontrollierte die Arbeiten und sah, wie die Wohnungen wuchsen. Knapp zwei Jahre dauerte das Projekt. Zum Schluß schrieben die drei eine Rechnung über 750 000 Mark.

Das Geld hat Katrin Meyer nie gesehen. Der Vertragspartner, eine dänische Firma, ging Konkurs - Katrin Meyer und ihre beiden Kollegen gingen mit. Zum Glück für ihre Kinder zahlte ihr geschiedener Mann weiterhin Unterhalt. Das Unternehmertum ist für Katrin Meyer seitdem beendet. Sie hofft auf eine feste Stelle - "obwohl ich das freie Arbeiten mochte." Katrin Meyers einziger Fehler bestand darin, dass der wichtigste Kunde nicht zahlte.

Ein Restrisiko bleibt. Gegen das Scheitern gibt es keine Versicherung

Mikrounternehmer mögen sich vorbereiten, fortbilden und Fördermittel einstreichen. Ein Restrisiko bleibt. Gegen das Scheitern gibt es keine Versicherung. Ein Angestellter, den sein Chef hinauswirft, hat es schwer genug. Aber erstens verliert er nicht auch noch sein Bankguthaben, zweitens bekommt er Arbeitslosengeld, zumindest eine Zeit lang, und drittens bleiben ihm seine Rentenansprüche. Ein Mikrounternehmer, den der Markt hinauswirft, hat nichts mehr. Für Außenstände haftet er mit seinem Gesamtvermögen, und zu Beiträgen in die gesetzliche Rentenversicherung ist er nicht verpflichtet. Das einzige Netz, dass ihn auffängt, ist die Sozialhilfe.

Für die kommen die Steuerzahler auf, und deshalb darf die soziale Absicherung der neuen Selbstständigen der Gesellschaft nicht gleichgültig sein. Was Firmen an Sozialversicherungsbeiträgen sparen, indem sie ihre Mitarbeiter zu freien Unternehmern machen, zahlt schnell die Gesellschaft, sobald einer von ihnen seinen Job verliert. Beim Gesetz zur Scheinselbstständigkeit geht es deshalb nicht allein um den Schutz abhängig beschäftigter Selbstständiger, sondern auch um den Schutz der Steuerzahler.

Was immer die Kommission der Bundesregierung in der kommenden Woche beschließt - es wird in jedem Fall Schaden anrichten. Bleibt das Gesetz so, wie es ist, schadet das vielen erfolgreichen Freelancern, etwa im EDV-Bereich. Werden ihre Auftraggeber gezwungen, für sie, die für sich selbst sorgen können, in die Sozialversicherung zu zahlen, werden sie ihnen Aufträge entziehen. Das Gesetz, das sie im Falle unternehmerischer Krisen schützen soll, würde sie selbst in eine solche stürzen.

Wird das Gesetz jedoch weiter entschärft, schadet das Tagelöhnern wie dem Paketzusteller Jürgen Wallek, die nicht genug verdienen, um sich selbst abzusichern. Aus dieser Zwickmühle gibt es offenbar keinen Ausweg. Welche Grenzen man auch zieht - es bleibe immer eine Grauzone von abhängiger und selbstständiger Arbeit, heißt es in einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Auf jeden Fall begeht der Gesetzgeber den gleichen Fehler wie die Gewerkschaften: Er schließt vom arbeits- und sozialrechtlichen Status eines Menschen auf dessen Schutzbedürftigkeit. Mikrounternehmer wie Ulrich Bode und Jürgen Wallek würden - wenn sie den Verdacht auf Scheinselbstständigkeit nicht entkräften können - in die Sozialversicherung integriert. Einmannunternehmer wie der Haustierchauffeur Erler oder die Ingenieurin Meyer dagegen blieben außen vor. Schutz aber können auch solche Selbstständige gebrauchen, bei denen das neue Gesetz gar nicht erst vermutet, sie könnten verkappte Angestellte sein. In Österreich hat man das schon verstanden. Dort zahlt jeder Erwerbstätige Beiträge in die Rentenkasse, gleich, ob er selbstständig oder angestellt ist.

 
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