Gelebte Autorität
Theodor Eschenburg ist gestorben. Mit ihm verstummt eine große Stimme der deutschen Politikwissenschaft. Ein Nachruf
Vor zwei Jahrzehnten noch rollte sein Wort wie Donnerhall durch die politische Landschaft der Bundesrepublik; Minister, Abgeordnete und Beamte zogen den Kopf ein, wenn er vom Tübinger Apfelberg seine Blitze schleuderte. Danach wurde seine Stimme allmählich leiser; die "streitbare Einfalt", deren er sich gern rühmte, wich der Abgeklärtheit des Alters. Jetzt ist Theodor Eschenburg für immer verstummt.
Viele haben ihm vieles zu danken: seine Studenten, das Fach Politikwissenschaft, die ZEIT, die Bonner Demokratie.
Die ZEIT hatte das Glück, dass er über 30 Jahre lang ihr Autor, Mentor und Freund war. Zum Aufstieg des Blattes zur führenden Wochenzeitung hat er ein gut Teil beigetragen - mit seinen eigenen Artikeln, durch häufige Teilnahme an den Redaktionskonferenzen, durch intensive Telefonpädagogik vom Tübinger Berge. Schon bald haftete ihm das Etikett PraeceptorGermaniae an. Er trug es mit Würde und Genugtuung; nichts anderes wollte er ja sein. Den Deutschen "Politik beizubringen" war sein Ehrgeiz. Stets wollte er hineinwirken in die Polis, in die Politik.
Feder und Katheder benutzte er beide mit gleicher Brillanz. Das Wort stand ihm zu Gebote wie keinem anderen Vertreter seines Fachs. Er prägte Begriffe: "Gefälligkeitsstaat", "Herrschaft der Verbände", "Kanzlerdemokratie". Seine Urteile über Politiker ziselierte er mit dem Dolch. Kiesinger nannte er einen "parfümierten Schwaben". Von Erhard sagte er: "Ein brillanter Suppenkoch ist noch kein brauchbarer Chefkoch." Willy Brandt hielt er für charismatisch, doch setzte er ungerührt hinzu: "Als Kanzler reichte seine Führungskraft nicht aus."
Döntjes, bildhafte Vergleiche, Pointen nahmen seinen Darlegungen jegliche Lehrhaftigkeit. Kein Beispiel war ihm zu gering, um eine tiefere Einsicht daran festzumachen. Erdachte Figuren wie "Kasimir Pachulke" oder "Thusnelda Suppengrün" dienten ihm zur Veranschaulichung seiner Thesen. Akribisch notierte er Einzelheiten - so wenn er, Sohn eines kaiserlichen Admirals und Enkel eines Regierenden Bürgermeisters von Lübeck, über lübische Geselligkeit vermerkte: "Die Männer rauchten vor dem Abendessen. Die Zigarre kostete acht bis zehn Pfennig bei Abnahme von 1000 Stück."
Auch für die bundesdeutsche Politikwissenschaft, zu deren Gründervätern er zählte, war Theodor Eschenburg ein Glücksfall. Viele hielten ihn für einen Staatsrechtler, aber er war Historiker. Er studierte in Tübingen und Berlin. Früh fand der junge Mann engen Kontakt zu Gustav Stresemann. Als die Nazis die Macht übernahmen, war er gerade 28 Jahre alt. In der Rolle eines Industrie-Syndikus schlug er sich durch die Jahre der Diktatur. Zu seinem Bereich gehörte auch die deutsche Knopfproduktion. Mit "Druckknöpfen und Sicherheitsnadeln" hielt er sich über Wasser.
Knapp 41 Jahre alt war Theodor Eschenburg, als das "Dritte Reich" in Schutt und Asche sank. Die Kriegswirren hatten ihn ins Remstal verschlagen. Von dort holte ihn Carlo Schmid nach Tübingen, zu jener Zeit Hauptstadt von Südwürttemberg-Hohenzollern - als Flüchtlingskommissar. Die Franzosen setzten ihn 1947 wegen Unbotmäßigkeit ab; danach tat er als Ministerialrat, später als Staatsrat im Innenministerium Dienst. Damals lernte er Verwaltung von innen kennen - ein Vorzug, den er gegenüber den meisten Politologen hatte, denen der Vollzug staatlichen Handelns gänzlich fremd ist. Bei der Zusammenlegung der drei südwestdeutschen Staaten zum heutigen Baden-Württemberg spielte er eine aktive Rolle; dabei sammelte er reichlich Erfahrungen über die Kräfte der Beharrung und die Schwierigkeiten allen Wandels. Aber dann drängte es ihn in die Wissenschaft: 1952 übernahm er in Tübingen den Lehrstuhl für wissenschaftliche Politik, den er bis zu seiner Emeritierung 1973 innehatte.
- Datum 15.07.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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